Karl Lagerfeld im HORIZONT-Interview 2008

"Marketingleute sind für mich diejenigen, die die Kreativen sterilisieren"

Karl Lagerfeld auf einem Anzeigenmotiv de Sky-Go-Kampagne von 2011
© VCCP/Sky
Karl Lagerfeld auf einem Anzeigenmotiv de Sky-Go-Kampagne von 2011
Karl Lagerfeld war zweifelsfrei einer der größten Kreativen des Landes und zog Millionen Menschen allein mit seiner Ausstrahlung in den Bann. Beim ADC Kongress im Jahr 2008 hat HORIZONT den Modeschöpfer zum Interview getroffen und mit ihm über den Prozess der Ideenfindung sowie das Abhängigkeitsverhältnis von Kreativität und Disziplin gesprochen. Zum Tod von Lagerfeld bringen wir das elf Jahre alte Interview noch einmal in voller Länge.
Sie waren Stargast beim ADC. Kannten Sie den Club eigentlich vorher? Natürlich. Ich finde den Club sehr gut. Solche Auftritte wie hier machen mir Spaß, weil es die richtigen Leute sind. Mit Dummköpfen würde ich das nicht machen.


Haben Sie sich denn auch mal die Ausstellung angesehen? Ich bin kurz durchgegangen und finde sie ehrlich gesagt ein bisschen konfus. Das lag aber auch daran, dass sehr viele Leute um mich herum waren. Ich habe zum Teil mehr Fotografen als Arbeiten gesehen. Deswegen erlaube ich mir auch nicht, ein Urteil über die Qualität der Arbeiten abzugeben.
„Solche Auftritte wie beim ADC machen mir Spaß, weil es die richtigen Leute sind. Mit Dummköpfen würde ich das nicht machen.“
Karl Lagerfeld
Sie entwickeln bis zu 14 Kollektionen pro Jahr. Woher nehmen Sie die Ideen dafür? Appetit kommt beim Essen und Ideen beim Arbeiten. Ich glaube nicht daran, dass man sich für gute Einfälle erst drei Wochen an den Strand legen muss.

Trotzdem werden doch auch Sie eine Inspirationsquelle haben? Meine besten Ideen kommen von alleine - und zwar im Halbschlaf. Ich kann das leider nicht kontrollieren. Aber ich habe immer Papier und Stift am Bett, um alles festzuhalten.


Wie vermeiden Sie es dabei, sich selbst zu kopieren? Das ist schwer zu sagen, weil ich das eigentlich gar nicht analysieren sollte, damit es so bleibt. Aber man muss alles wissen, alles sehen und alles kennen - um dann alles zu vergessen und seine eigenen Sachen zu machen. Im Grunde bin ich ahnungslos. Sehr viel kommt aus dem Unterbewussten.

Haben Sie denn alle Ihre Arbeiten im Kopf? Nein! Ich kämpfe dafür, immer alles zu vergessen, was ich gemacht habe.
Sie gelten als äußerst diszipliniert. Wie vertragen sich Kreativität und Disziplin? Man kann nur mit Disziplin kreativ sein. Disziplin ist eine Lebensführung, die für mich wie eine Art Hygiene ist. Ich muss mir nicht vornehmen, diszipliniert zu sein, bei mir kommt das von ganz alleine.


In der Werbebranche gelten vor allem die Marketingleute als diszipliniert. Wie ist das in Ihrem Geschäft? Bei Chanel soll es welche geben. Ich habe die aber noch nie gesehen. Marketingleute sind für mich diejenigen, die die Kreativen sterilisieren. Sie wissen immer nur etwas über das, was es schon gibt. Kreative müssen aber Neues erschaffen.
„Man kann nur mit Disziplin kreativ sein. Disziplin ist eine Lebensführung, die für mich wie eine Art Hygiene ist.“
Karl Lagerfeld
Sie können das sagen. Aber was ist mit weniger gefragten Leuten, die für Auftraggeber arbeiten? Ich bin in der Tat keine Werbeagentur. Ich bin mein eigener Kunde. Wer meine Ideen nicht gut findet, soll sie nicht kaufen. Ich halte es mit der Devise: no second option. Wenn man eine Alternative anbietet, heißt das: Entweder ist man selbst nicht überzeugt oder man hat nicht richtig nachgedacht.

Und was sagt das Haus Chanel dazu? Ich brauche bei Chanel niemanden zu fragen. Kreativität ist kein demokratischer Prozess. Das Unternehmen gehört zwei Brüdern. Wir könnten das Geld zum Fenster rauswerfen - es würde immer gleich wieder zur Tür hereinkommen.

Interview: Mehrdad Amirkhizi
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