Jung von Matt/Spree

Warum Vivaldis "Vier Jahreszeiten" plötzlich ganz anders klingen

Am Samstagabend feierte die an aktuelle Wetterdaten angepasste Neu-Interpretation von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" Weltpremiere in der Elbphilharmonie
© Peter Hundert
Am Samstagabend feierte die an aktuelle Wetterdaten angepasste Neu-Interpretation von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" Weltpremiere in der Elbphilharmonie
Zahlreiche Medien haben bereits über die ungewöhnliche Neu-Aufführung von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" in der Hamburger Elbphilharmonie berichtet. Jetzt kommt heraus: Das NDR Elbphilharmonie Orchester hat bei diesem eindringlichen Appell für den Klimaschutz mit Jung von Matt/Spree zusammengearbeitet. Von den Berlinern stammt die Idee der Aktion. Nach eigenen Angaben hat Jung von Matt beinahe anderthalb Jahre an den Projekt gearbeitet. 

Worum geht es genau? Am vergangenen Samstagabend wurde im Großen Saal der Elbphilharmonie über einen weltweiten Livestream eine aktualisierte Version des berühmten Vivaldi-Stücks uraufgeführt. Das Besondere daran: Für das neue Arrangement "For Seasons" wurden historische Klimadaten mit aktuellen verglichen und ihr Unterschied in Noten verwandelt. Die Berliner Musikproduktion Kling Klang Klong hat diese Daten in einen Algorithmus umgewandelt, der das Stück maßgeblich verfremdet hat. So hat sich beispielsweise die jeweilige Dauer der Jahreszeiten radikal verändert. Teile des Herbsts finden sich bereits im Sommer wider. Die vielen Vogelstimmen, die Vivaldi musikalisch darstellte, sind durch das Artensterben deutlich leiser geworden. Unwetter, die beim Original vorwiegend im Sommer vorkommen, gibt es jetzt über das ganze Jahr verteilt. Klingende Bäche sind zu reißenden Strömen geworden oder ausgedörrt.
Die Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters setzen mit dem Neu-Arrangement von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" ein starkes Zeichnen für den Klimaschutz
© Peter Hundert
Die Musiker des NDR Elbphilharmonie Orchesters setzen mit dem Neu-Arrangement von Vivaldis "Vier Jahreszeiten" ein starkes Zeichnen für den Klimaschutz
Genau wie in der Natur selbst werden im neuen Stück harmonische Passagen zu Disharmonien und geraten aus der Balance. "Hört hin und gebt dem Thema die Bedeutung, die es längst gebraucht hätte", sagte Chef-Dirigent Alan Gilbert zu der denkwürdigen Aufführung.


Die Resonanz auf das Stück ist groß: Die Vereinten Nationen haben bereits einen Tag vor dem Konzert angekündigt, dass sie das Stück in ihr Entwicklungsprogramm aufnehmen wollen und gemeinsam mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester an weiteren Aufführungen mit Orchestern auf der ganzen Welt arbeiten wolle. Die Rechte an dem neuen Arrangement sind kostenlos und können im richtigen Kontext überall weiter Verwendung finden. Unentgeltlich haben auch die Protagonisten an der Aktion mitgearbeitet. Neben JvM/Spree und Kling Klang Klong sind die Segmenta Communications und Markenfilm Space und der Fotograf Peter Hundert dem Projekt beteiligt.

"Es ist wichtig, die Klimaveränderungen immer wieder erlebbar und ihr Ausmaß verständlich zu machen", beschreibt das JvM-Team das Ziel der Aktion. Die Reaktionen der Presse und in Social Media würden zeigen, dass dies mehr als gelungen ist. Auch das Publikum im Saal, das per Losverfahren an die Tickets kam, erhob sich nach einer Minute des beeindruckten Schweigens zu Standing Ovation. "Die Botschaft, die die Musiker am Konzertende auch auf einen großen Plakat in den Saal trugen, war mehr als angekommen: "We’ve Heard all about climate change. Now it’s time to listen."


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