Jobs für kreative Helden

Wie ukrainische Kreative in Kriegszeiten über die Runden kommen

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Nadia Skrynnyk ist Co-Gründerin von e!Creative
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Nadia Skrynnyk ist Co-Gründerin von e!Creative
Ukrainische Kreative und Auftraggeber können sich auf der Non-Profit-Plattform e!Creative finden. HORIZONT stellt in Zukunft regelmäßig Kreative vor, die sich als Dienstleister auf der Plattform registriert haben und Jobs suchen - für sich, ihre Familien und damit die ukrainische Kreativindustrie lebendig bleibt.
Ihre Existenz ist bedroht – die Waffen des Aggressors Putin können ihnen das Leben nehmen, sein Angriff auf die Ukraine hat ihnen die finanzielle Basis geraubt, um Essen, Kleidung und Unterkunft zu bezahlen. Das ist die Realität der Menschen, die noch in der Ukraine leben und aus ihr geflohen sind, unter ihnen auch diejenigen, die bis Februar dieses Jahres in Agenturen sowie bei mit ihnen verbundenen Dienstleistungsfirmen gearbeitet haben.

Mehr als 70 Prozent der Werbeagenturen in der Ukraine haben seitdem ihre kommerziellen Aktivitäten eingestellt, berichtet Maksym Lazebnyk, CEO des Ukrainischen Agenturverbands, im Interview. Diejenigen, die noch auf dem ukrainischen Markt tätig sind, sind mit 10 bis 15 Prozent ausgelastet.
Mit dem Bild kommuniziert e!Creative 2000 registrierte Kreative auf Jobsuche auf der Plattform
© e!Creative
Mit dem Bild kommuniziert e!Creative 2000 registrierte Kreative auf Jobsuche auf der Plattform
Mit anderen Worten: Das Gros der Beschäftigten der ukrainischen Kreativwirtschaft hat seine Arbeit verloren. Hier kommt die Initiative e!Creative ins Spiel: Auf der Plattform e-creative.io, die die ukrainische Kreative Nadia Skrynnyk gemeinsam mit Liz von Loewen (Talenthouse), Ingmar Janson und Elloworks by Talenthouse gegründet hat, können Art-Direktoren, Designer, Texter, Fotografen, Illustratoren, Programmierer und andere Kreative ihre Dienstleistungen anbieten sowie Auftraggeber ihre projektbezogenen Aufträge wie Logoentwicklung, Illustration und Gestaltung von Social-Media-Material ausschreiben. Alle Gebühren, die über die Plattform fließen, kommen laut den Initiatoren zu 100 Prozent bei den Kreativen an. Talenthouse und sein Technikpartner Elloworks leisten ihren Job dafür kostenlos.

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Seit dem Start von e!Creative vor zwei Monaten haben sich rund 2000 Kreative auf der Plattform registriert. HORIZONT stellt in Zukunft in jeder Ausgabe sowie online eine Auswahl von ukrainischen Kreativen vor. Ein Teil hat sich entschieden, in der Ukraine zu bleiben, andere sind in europäische Länder geflohen. Was sie mit den Initiatoren und dem Verbandschef Lazebnyk eint, ist der Wunsch, die Kreativindustrie der Ukraine weiterhin mit Leben zu füllen und für die Zeit nach dem Krieg lebendig zu halten. „Der Krieg hat uns nicht nur unserer Häuser beraubt, er hat uns auch die Möglichkeit genommen, uns selbst zu ernähren, und unser Vertrauen in die Zukunft erschüttert. Wir brauchen diese Aufträge, um Geld zu verdienen. Nur so haben wir eine Chance, nach dem Krieg die Kreativindustrie wiederzubeleben“, sagte Skrynnyk anlässlich des Starts der Plattform vor zwei Monaten.

Nadia Skrynnyk: „Bemitleiden Sie uns nicht wegen des Krieges“

Nadia Skrynnyk ist Co-Gründerin von e!Creative
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Nadia Skrynnyk ist Co-Gründerin von e!Creative
Der Name e!Creative steht für den ukrainischen Satz „Es gibt kreative Arbeit“. Das soll für Nadia Skrynnyk und ihre Kolleg:innen aus der Kreativbranche ihres Landes auch während des Krieges, in den Russland die Ukraine gezogen hat, so bleiben. Die Texterin übt ihren Job seit fast 20 Jahren aus. Zuletzt hat sie als Creative Director bei AdBakers gearbeitet. Davor war sie unter anderem bei Kaffeine Communications, wo sie 2003 ihre Karriere gestartet hatte, sowie bei Scholz & Friends in Kiew tätig. Dort hat die zweifache Mutter auch Ingmar Janson kennengelernt, der wie sie zu den Gründern von e!Creative zählt. In einem Interview mit dem Blog Loveandlobby.com erzählt die Kreative, sie sei in einer Familie von Ingenieuren aufgewachsen. Ihr kreatives Talent sei in ihrer Kindheit vor allem an der Rückseite jedes Blattes, das sie mit Notizen gefüllt habe, sichtbar geworden – diese habe sie immer mit Zeichnungen, Graffitis und Skizzen bestückt. Seitdem hat sie den Weg in die Werbung gefunden, zwei Kinder bekommen und verschiedene Kreativpreise gewonnen. „Habt kein Mitleid mit uns wegen des Krieges. Wir kümmern uns um uns selbst. Und wenn wir jetzt unsere Freiheit gewinnen, können wir auch einen Marktanteil oder einen Kunden für Sie gewinnen. Fordern Sie uns einfach heraus, dann werden Sie es sehen“, gibt Skrynnyk internationalen Headhuntern als Ratschlag für den Umgang mit ukrainischen Kreativen mit. 

Dima Tsapko: "Wir kehren zu dem zurück, was wir können“

Dima Tsapko hatte vor dem Krieg eine eigene Agentur
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Dima Tsapko hatte vor dem Krieg eine eigene Agentur
"Der Krieg brach plötzlich aus. Kein Wunder, dass wir etwas Zeit brauchten, um den ersten Schock zu überleben. Dann sorgten wir dafür, dass unsere Kinder und Eltern in Sicherheit waren. Jetzt kehren wir zu dem zurück, was wir am besten können – Design zu entwickeln, um den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden, Kommunikation besser und einfacher zu machen. Und ja, wir haben viel zu tun – egal, dass unser tägliches Leben jetzt russische Luftangriffe auf unsere Städte und fernes Kanonengemurmel umfasst. Wir werden es schaffen. Das motiviert uns nur noch mehr!" Das Statement hat Dima Tsapko e!Creative gegeben, um seine aktuelle Situation zu beschreiben. Zu Tsapkos Arbeitsleben gehört seit 2013 die eigene Agentur, das Branding Studio Tough Slate Design in Kiew, für die er auch schon einige Auszeichnungen und Awards unter anderem bei den Cannes Lions, ADC*E, Golden Drum, Effie und Epica Awards holen konnte. Einige Namen seiner früheren Stationen sind auch hierzulande bekannt: Leo Burnett, wo er 2000 seine Laufbahn gestartet hat, Scholz & Friends und Grey zählen dazu, zudem Kaffeine Communications, Chuk & Gek Advertising und Adventa Communications. 

Anna Shelestun: "Vom sicheren Ort aus will ich wieder arbeiten“

Auch Anna Shelestun musste die Ukraine verlassen
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Auch Anna Shelestun musste die Ukraine verlassen
Anna Shelestun benennt die Erstellung von Konzepten als ihre Superkraft. Bis zu Putins Angriff auf die Ukraine ist Shelestun als Texterin tätig – unterstützt werde sie dabei, sagt sie mit einem Augenzwinkern, von Julia, ihrem jungen Hund, der sie überallhin begleitet. Wie ein Großteil der Kreativen, die bislang in der Ukraine tätig waren, ist auch ihr Leben durch den Krieg massiv betroffen: Der Krieg zwang die Kreative, Kiew zu verlassen und nach Europa zu ziehen. Sie hat inzwischen einen sicheren Ort gefunden und ist bereit, wieder zu arbeiten und Aufträge anzunehmen. Deshalb hat sich auch Shelestun auf der Plattform e-creative.com angemeldet. Auf die Bitte der Macher der Plattform, sich und ihre Fähigkeiten zu beschreiben, antwortet sie: Sie sei gut darin, Marken Bedeutung zu geben, Ideen für Werbekampagnen zu entwickeln, verschiedene Formen von Texten von Überschriften bis hin zu Artikeln zu schreiben, eine gemeinsame Sprache mit den Verbrauchern zu finden und sie dazu zu bringen, Marken noch mehr zu mögen. Diese Dienstleistungen hat die erfahrene Texterin bereits für Kunden wie Ikea, Red Bull, BAT, L’Oréal, Procter & Gamble, Danone, Pepsico, Pernod Ricard und The Walt Disney Company erbracht, zuletzt als Senior Copywriter bei VMLY&R Commerce. Vorherige Stationen waren AdBakers und Liquid Technologies. 

Nikita Podorozhnyi: „Nach der Flucht suche ich jetzt einen Job“

Nikita Podorozhnyi betrieb die kreativste Produktionsfirma in der Ukraine vor Putins Überfall
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Nikita Podorozhnyi betrieb die kreativste Produktionsfirma in der Ukraine vor Putins Überfall
"Benötigen Sie Logo- oder Charakteranimation, Erklärvideo, kinetische Fotografie, Green Screen oder VFX? Das können wir", schreibt Nikita Podorozhnyi in seiner Präsentation auf dem Linkedin-Kanal von e!Creative, auf dem Mitgründer Ingmar Janson über die Non-Profit-Plattform auf dem Laufenden hält. Dass Podorozhnyi nicht nur die oben genannten Skills besitzt, sondern viel mehr – zu seinem aktuellen Angebot auf der Plattform gehören auch Zeichnen und anschließendes Animieren –, lässt sich aus seinem Lebenslauf schließen. Denn der Kreative hat 2017 seine eigene Firma gegründet, Strumer Production, die 2020 als kreativstes Unternehmen seiner Zunft ausgezeichnet wurde. Neben seinen Aufgaben als Manager des Unternehmens hat der Kreative dort vor allem Aufgaben als Teamleiter von 2D-Motion-Designern übernommen. Wegen des Krieges war er gezwungen, sein Zuhause zu verlassen und nach Krakau in Polen zu ziehen. Nun sucht er einen Job. Bei seinen Jobs hat Podorozhnyi unter anderem die Programme Adobe After Effects, Premiere Pro, Photoshop und Illustrator eingesetzt und für Kunden wie Nike, Unilever, Coca-Cola und British Council gearbeitet. Bevor er selbst gegründet hat, war er bei dem TV-Sender Ukraine tätig und hat dort das New Media Department geleitet. Ins Berufsleben eingestiegen ist er als Website Editor bei Bogmark Ukraine. ems
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