HORIZONT-Stiftung

Stipendiatin Celina Schmidt will ein Feuer entfachen

Celina Schmidt ist die neue Stipendiatin der HORIZONT-Stiftung
© Celina Schmidt
Celina Schmidt ist die neue Stipendiatin der HORIZONT-Stiftung
Regiestudentin Celina Schmidt ist Stipendiatin der HORIZONT-Stiftung 2019. Für ihren Lebenstraum,  Regie zu führen, hat sie den Job als Bereichsleiterin Konzeption bei der Simpleshow in Berlin aufgegeben. Hier schildert sie, warum sie sich so entschieden hat, wie viel Mut sie als Regisseurin braucht und wie es in der Zunft um die Gleichstellung steht.

Wie schwer ist Ihnen der Schritt gefallen, Ihre Festanstellung aufzugeben, um Regie zu studieren? Gegen den Studienplatz an der DFFB hätte ich vermutlich jeden Job eingetauscht. Das ist ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn sich ein so lang gehegter Lebenstraum erfüllt, man plötzlich durchatmen und den Blick auf neue Ziele richten kann. Als die Zusage von der Hochschule kam, war es dennoch schwer, sich von der Verantwortung als Bereichsleiterin zu lösen und liebgewonnene Kollegen zu verabschieden. Vor allem musste ich mich auf einen ganz neuen Alltag umstellen: stundenlange Versunkenheit im Kinosaal, ein Hagel aus Eindrücken und die Auseinandersetzung mit den eigenen künstlerischen Vorstellungen, die jetzt wieder einen viel größeren Platz in meinem Leben einnimmt.



Was fasziniert Sie am Regieführen? Der Beruf ist unglaublich abwechslungsreich und verbindet viele meiner Interessen, wie das Schreiben, die Musik oder die visuelle Gestaltung. Mich fasziniert, wie unterschiedliche Stilmittel sich im Film ergänzen und in der Erzählung lebendig werden. Filme empfinde ich aufgrund ihrer Komplexität als ein vergleichsweise vollständiges, wahrhaftiges Ausdrucksmittel. In der Regel bemühen Menschen sich durch lineare Wortketten um einen Austausch. Einem guten Film aber gelingt es ohne abstrakte Verschlüsselung, auf irgendwie magische Weise, ins Herz zu treffen. Indem sich das Kino des gesamten Erfahrungsspektrums unserer Existenz bedient, kann es eine so große Wirkkraft entfalten. Im Kino beherrscht der Mensch das Chaos und bändigt Ängste, die ihn im eigenen Leben überfordern. Ich glaube, jeder braucht emotionale Höhen und Tiefen, um sich immer wieder selbst zu erkennen und zu sortieren. Diesen Prozess der Neuordnung können Geschichten nachahmen. Sie geben uns Schwarz und Weiß, wenn wir im Alltag vergrauen und damit Anstöße unser Dasein neu auszurichten. Für mich ist dabei die sinnlich-emotionale Erfahrung wichtiger als die kognitive. Ich wünsche mir, dass meine Filme etwas im Rezipienten anrühren. Eine neue Bewegung oder ein schönes Gefühl. Als eine Art Funke, der erst im Zuschauer Feuer entfacht.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft als Regisseurin vor? Die DFFB versteht das Filmemachen als kollaborativen Prozess und der gewerkeübergreifende Austausch wird an der Schule intensiv gelebt. Bisher habe ich von der Erfahrung meiner Kommilitonen enorm profitiert. Am Filmset steckt jeder Tag voller Überraschungen und Turbulenzen, und da kann man nur als starkes Team bestehen. Deshalb will ich in den nächsten Jahren vor allem Kontakte knüpfen und gemeinsam wachsen, scheitern, Erfolge feiern. Im Idealfall ergibt sich aus dem Studium eine zukünftige Zusammenarbeit, in der sich die Beteiligten nicht gegenseitig etwas beweisen müssen, sondern authentisch miteinander agieren, um das Beste aus ihrem Projekt herauszuholen. Ich hoffe auch, dass der Raum zum Träumen und Experimentieren nach dem Studium nicht einfach verpufft. Konkrete Pläne für das Leben nach dem Abschluss habe ich aber nicht. Das ist noch ein weiter Weg und unsere Seminare sind so eng getaktet, dass gar nicht genug Zeit bleibt, um an übermorgen zu denken. Zunächst einmal will ich mich auf meinen Erstjahresfilm konzentrieren.
Ziele und Mitglieder der HORIZONT-Stiftung
Die HORIZONT-Stiftung wurde 2006 gegründet. Sie unterstützt seither die Aus- und Fortbildung von Nachwuchskräften und fördert Wissenschaft und Forschung der Kommunikations-, Medien- und Werbeindustrie in den Bereichen Marketing, Media, Kreation und neue Medien. Dem Stiftungsrat gehören an: Gerhard Berssenbrügge, ehem. Vorstandsvorsitzender Nestlé Deutschland; Michael Boebel, Inhaber Creative Consulting; Michael Conrad, Präsident Berlin School of Creative Leadership; Gabriele Eick, Inhaberin Executive Communications Beratung für synchronisierte Unternehmenskommunikation; Burkhard Graßmann, Geschäftsführer Burda News Group; Thomas Lindner, Vorsitzender der Geschäftsführung Frankfurter Allgemeine Zeitung; Helmut Markwort, Herausgeber Focus, Focus Magazin Verlag; Christian Pfennig, Direktor Unternehmens- und Markenkommunikation DFL Deutsche Fußball Liga; Carsten Rasner, Direktor Steinbeis School of Management + Innovation; Markus Gotta, Geschäftsführer HORIZONT, Deutscher Fachverlag; Volker Schütz, Chefredakteur HORIZONT, Deutscher Fachverlag. Vorstand der HORIZONT-Stiftung ist Klaus Kottmeier. Förderer sind: Auratis, Bionade, Civitas, DDB, Defacto Be One, Fazit-Stiftung, Mediengruppe Frankfurt, Freundin, www.freundin.de, Gruner + Jahr, Heye Group, Jung von Matt, Gruppe Georg Kofler, Kolle Rebbe, Mercedes-Benz, Nestlé, Payback, Ströer, Vogel Business Media. Kontakt: Wer sich für Stipendium oder Förderpreis bewerben will, erfährt mehr unter Tel. 069/7595-1602 sowie auf der Website www.horizont-stiftung.de mit Details zur Ausschreibung und Angaben zu bisherigen Preisträgern.
Weltweit gibt es eine Diskussion um die Besetzung von Regie-Aufgaben mit weiblichen, beziehungsweise ohne weibliche Regisseure. Die Initiative „Free the bid“ engagiert sich dafür, dass mehr Frauen von Produktionsfirmen für diese Aufgaben eingeladen werden, um sich zu präsentieren. Was halten Sie davon? Ich befürworte natürlich den Fokus auf ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis und finde es enttäuschend, dass Regisseurinnen in Deutschland nicht einmal ein Viertel der Fördergelder erhalten. Dabei sind die Hälfte der Regie-Studierenden an Filmhochschulen Frauen und sie räumen auf den Festivals mehr Preise ab. In vielen Köpfen existieren eben noch stereotype Vorstellungen davon, wie jemand in einer Führungsposition auszusehen hat. Je diverser die verantwortlichen Filmschaffenden, desto vielfältiger wären die entstehenden Produktionen. Traurig, dass eine Quote erforderlich scheint, damit Frauenstimmen in der Filmindustrie Geltung verschafft wird. Der Missstand hat aber viele Ursachen und für ein ganzheitliches Umdenken muss noch an unzähligen Schrauben gedreht werden.


Vieldiskutiert ist auch der Begriff „German Angst“. Eine Haltung, die sich auch in einigen Filmen und Werbefilmen zeigt. Wie viel Mut muss eine Regisseurin mitbringen für ihren Job? Es stimmt, dass die deutsche Filmlandschaft gerne auf Bewährtes zurückgreift und in ihren eigenen Strukturen festgefahren ist. Ich schätze, dass es weniger den RegisseurInnen oder AutorInnen an Bereitschaft zu kreativer Ausschreitung fehlt als den Geldgebern. Die Sender und Produzenten tragen ja das finanzielle Risiko und entscheiden letztendlich, was umgesetzt wird und wie viel Freiraum sie der Regie überhaupt lassen. Natürlich gibt es auch in Deutschland einen Haufen experimentierfreudiger Talente mit außergewöhnlichen Ideen. Sie brauchen in erster Linie Überzeugungskraft. Mut verlangt der Regie-Beruf trotzdem, weil er viel Verantwortungsdruck mit sich bringt und man sich öffnen muss. Meine Erfahrung ist aber, dass diese persönlichen Herausforderungen zweitrangig werden, sobald man in einem Projekt wirklich aufgeht. Dann steht das Gelingen der Sache an erster Stelle und die Leidenschaft trägt über Unsicherheiten hinweg. Interview: ems

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