HORIZONT fragt

Larissa Pohl, Chief Strategy Officer Central Europe bei Wunderman

Von Jung von Matt zur WPP-Agentur Wunderman: Larissa Pohl
© Wunderman
Von Jung von Matt zur WPP-Agentur Wunderman: Larissa Pohl
Kann man jungen Menschen guten Gewissens raten, in die Kommunikationsbranche zu gehen? Wie bleiben Sie kreativ? Wie würden Sie Ihrer Mutter Ihren Job beschreiben? Bei "HORIZONT fragt" geht es um Themen, die in klassischen Interviews oft zu kurz kommen. In dieser Folge antwortet Larissa Pohl, frisch gebackene Strategiechefin von Wunderman Central Europe, und Co-Vorsitzende der Effie-Hauptjury.


Wie würden Sie Ihrer Mutter Ihren Job beschreiben? 
Meiner Mutter zeige ich unsere Arbeiten. Beispielsweise machen wir die ClubSmart-Karte von Shell. Die hat sie im Portemonnaie. Oder ich zeige ihr, wir wir aus Daten, die mein Neffe auf der Suche nach Trend-Sneakern im Netz hinterlässt, Content für Adidas erstellen. Meine Mutter ist allerdings vor allem an meinem Wohlbefinden interessiert, daher wechselt sie ziemlich schnell das Thema und fragt, was es Neues gibt….



Welchen Stellenwert haben Werbung und Marketing im digitalen Zeitalter? Marketing und Werbung nehmen an Bedeutung zu, wegen oder trotz der vielen nervigen Banner, die von den Menschen geblockt oder umgangen werden. Wer die Menschen erreichen will, muss in der Lage sein, sie gut zu unterhalten oder zu informieren. Mit anderen Worten:  Unterhaltung und Storytelling sind nach wie vor wichtig und werden wichtig bleiben. Agenturen und Marketer  stehen – auch angesichts der Dominanz der  GAFA- Unternehmen - vor der Herausforderung, die Marken so auszugestalten, dass sie weiter gefunden, gesehen und begehrt werden. 

Kann man jungen Menschen noch guten Gewissens raten, in die Kommunikationsbranche zu gehen? Auf jeden Fall. Und der Nachwuchs läuft ja auch nicht wieder weg, sondern fühlt sich meistens ziemlich wohl in unserer Branche: Flexibilität, Teamworking und das gemeinsame Interesse am bestmöglichen Ergebnis sind viel ausgeprägter als anderswo. Das größte Problem, vor dem wir stehen, ist ein Vorurteil, das in Deutschland grassiert: Werbung sei nicht mehr sexy, sondern verglichen mit Startups und Internet-Unternehmen reichlich altmodisch. Dem müssen wir mit aktiver Nachwuchsarbeit begegnen.


Was war für Sie die außergewöhnlichste Kommunikationsmaßnahme/Kampagne in diesem Jahr? Es gab viele gute Arbeiten, aber für mich war eine Sache outstanding: die Nike-Kampagne mit Colin Kaepernick. Das ist kein Werbeclip, sondern ein sehr gut kommuniziertes Statement, vor dem ich höchsten Respekt habe. Der Mut der Agentur und von Nike hat sich ausbezahlt.

Was war für Sie die enttäuschendste Kommunikationsmaßnahme/Kampagne in diesem Jahr? Die Wahlkampagne und die Kommunikationsarbeit der CSU zur Bayernwahl mit"Bavaria One" als Höhepunkt. Das war ohne Bezug zu den Menschen und ohne Bodenhaftung.

Was ist die größte Herausforderung bei der viel diskutierten "digitalen Transformation"? Transformation heisst Wandel und Veränderung. Wir haben es mit Menschen zu tun und nicht mit Maschinen, die man umprogrammieren kann. Die größte Herausforderung ist es, zu erkennen, wie unterschiedlich Menschen auf Wandel reagieren und sind entsprechend abzuholen. Wandel braucht die richtige Mischung aus Zeit, Energie und Führung.

Wer ist Larissa Pohl?

Die 47-Jährige ist in der WPP-Gruppe ein bekanntes Gesicht. Bevor sie im Herbst 2015 zu Jung von Matt kam, war sie Strategiechefin der deutschen Ogilvy-Gruppe, die ebenfalls zu der britischen Werbeholding ging. Bei der WPP-Agentur Wunderman verantwortet sie standortübergreifend den Bereich Strategy & Planning im deutschsprachigen Raum. Zusammen mit dem Ikea-Manager Heiko Klauer führt Larissa Pohl die Hauptjury des GWA-Effie-Wettbewerbs.

Fallen Ihnen Benchmarks aus Deutschland ein, wenn es um digitale Transformation geht? Adidas macht hier einen sehr guten Job, der sich auch im Revenue niederschlägt. Kasper Rorsted treibt die Digitalisierung in allen Bereichen voran und spricht offen über die Herausforderung. Andere CEOs kommen über das Tragen von Turnschuhen nicht hinaus.

Verliert das Label „Made in Germany“ (Perfektion, Präzision, Fleiß, Zuverlässigkeit) gegenüber den Grundwerten der Internet-Ökonomie (Schnelligkeit, Experimentierfreude, Gründermentalität, Vision) an Zugkraft? Das Label und die Internet-Ökonomie spielen auf zwei verschiedenen Ebenen. "Made in Germany" war ein Gütesiegel für Produkte. Marken, Produkte und Herstellter genießen in der Welt einen guten Ruf, weil man ihnen Werte zuschreibt. Was uns im Weg steht, steckt in dem Attribut „Perfektion“. Wir halten uns immer an der Vergangenheit fest und versuchen daraus, die Zukunft zu bestimmen. Hypothesen oder auch Geschäftsideen glauben wir nur, wenn sie logisch erklärbar sind und mit Beispielen aus der Vergangenheit belegt werden.

Wie informieren Sie sich über Politik, Wirtschaft und Marketing? Überwiegend online in den Fachmedien und Handelsblatt, SPON und Welt -  wirklich sehr gerne lese ich die ZEIT Elbvertiefung jeden Morgen.

Welches Buch/Film/Musik haben Sie zuletzt gelesen/gesehen/gehört? Buch: Rimini von Sonja Heiss – feinste Analyse unsere Gesellschaft: Das menschliche Zusammenleben als Roman verkleidet. Film: Ikarus – Dokumentarfilm über den Selbstversuch von Bryan Fogel, ein Radrennen mit Doping zu gewinnen. Der geht tief unter die Haut.

Wie bleiben Sie kreativ? Ich brauche Einflüsse und Inspirationen aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Das erweitert meinen Horizont und lässt mich anders auf Themen schauen. Für meinen Wechsel zu Wunderman waren ausschlaggebend die Aussicht, international zu arbeiten und den Blickwinkel von der reinen Markensicht auf Interaktion, von der Kampagne auf Customer Engagemetnt zu wechseln.

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