HORIZONT fragt

Jo Marie Farwick, Gründerin Überground

Agenturchefin Jo Marie Farwick bei einer eigenwilligen Selfie-Aktion im Rahmen es Überground-Kreativsalons
© Überground
Agenturchefin Jo Marie Farwick bei einer eigenwilligen Selfie-Aktion im Rahmen es Überground-Kreativsalons
Kann man jungen Menschen guten Gewissens raten, in die Kommunikationsbranche zu gehen? Wie bleiben Sie kreativ? Wie würden Sie Ihrer Mutter Ihren Job beschreiben? Bei "HORIZONT fragt" geht es um Themen, die in klassischen Interviews oft zu kurz kommen. In dieser Folge antwortet Jo Marie Farwick, Gründerin und Chefin des Kreativ-Kollektivs Überground.
Wie würden Sie Ihrer Mutter Ihren Job beschreiben? Mami, ich mach nicht das, was ihr immer wolltet – aber ich mach das, was ich immer wollte. Obwohl ich nicht immer wusste, dass es das ist.


Welchen Stellenwert haben Werbung und Marketing im digitalen Zeitalter? Den gleichen wie immer. Das Zeitalter determiniert nicht den Stellenwert. Vieles von dem, was wir alle machen, braucht man nicht. Vieles, von dem was wir alle machen, braucht man gewiss.

Kann man jungen Menschen noch guten Gewissens raten, in die Kommunikationsbranche zu gehen? Doppeltes dreifaches riesen: JEP. Ein Spielplatz unendlicher Möglichkeiten mit den vielfältigsten spannenden Aufgaben. Mit Menschen, die für eine Sache brennen. Kollegen, die meist nett und lustig sind. Und gut. Und Aufstiegschancen, die es so nirgends sonst gibt. Oder nur in ganz ganz ganz schlimmen Branchen.


Was war für Sie die außergewöhnlichste Kommunikationsmaßnahme/Kampagne in diesem Jahr? Unsere Lidl-Weihnachtskampagne "Kids Gone". Allein, weil so viele Menschen mit so viel Herz und Blut an diesem Ding gearbeitet haben und es eine große Freude ist, so etwas dann draußen zu sehen.

Was war für Sie die enttäuschendste Kommunikationsmaßnahme/Kampagne in diesem Jahr? I don’t bash others. Obwohl … diese fürchterliche, schrecklich doofe Sixt-Nummer mit der weinenden Frau am Telefon. Die ist wirklich unbelievable blöd und von gestern.
„Ohne Präzision wird aus Schnelligkeit Schlamperei. Ohne Fleiß wird aus Experimentierfreude Rumgedüdel. Und ohne Zuverlässigkeit brauche ich keine Firma zu gründen.“
Jo Marie Farwick
Was ist die größte Herausforderung bei der viel diskutierten "digitalen Transformation"? Das Sich-ernsthaft-damit-befassen. Das Verstehen. Das Annehmen.

Fallen Ihnen Benchmarks aus Deutschland ein, wenn es um digitale Transformation geht? Gerade nicht.

Verliert das Label "Made in Germany" (Perfektion, Präzision, Fleiß, Zuverlässigkeit) gegenüber den Grundwerten der Internet-Ökonomie (Schnelligkeit, Experimentierfreude, Gründermentalität, Vision) an Zugkraft? Finde ich gar nicht. Für die Grundwerte der Internet-Ökonomie sind Präzision, Perfektion, Fleiß und Zuverlässigkeit immanent wichtig. Ohne Präzision wird aus Schnelligkeit Schlamperei. Ohne Fleiß wird aus Experimentierfreude Rumgedüdel. Und ohne Zuverlässigkeit brauche ich keine Firma zu gründen. Diese Reihe kann weiter fortgesetzt werden.

Wie informieren Sie sich über Politik, Wirtschaft und Marketing? Interweb. Stern. Spiegel. Brand eins. Dummy. Die Zeit. Wenn Zeit.
„Ideen zu haben ist wie ein Instrument beherrschen. Man muss zwar immer mal wieder ein bisschen üben, aber man kann es ja auch sehr gut.“
Jo Marie Farwick
Welches Buch/Film/Musik haben Sie zuletzt gelesen/gesehen/gehört? Bücher: "Die Überwindung der Schwerkraft" von Heinz Helle (Lesetipp! Heinz ist einer von zwei Textern, die ich kenne, die den Sprung wirklich ernsthaft und wahnsinnig richtig gut geschafft haben. Der andere ist Simon Urban.)

Noch mal und immer wieder: "Infinite Jest" (deutscher Titel: "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace, Anm. d. Red.)

Musik: Das neue Album von Chilly Gonzales ist toll. Und wir haben gerade einen schönen Song geschrieben, der im Frühling rauskommt. Den habe ich sicherlich am häufigsten gehört.

Wie bleiben Sie kreativ? Wie kann man nicht kreativ bleiben, wenn man es einmal ist? Ideen zu haben ist wie ein Instrument beherrschen. Man muss zwar immer mal wieder ein bisschen üben, aber man kann es ja auch sehr gut. Deswegen hört das Rumoren im Kopf nie auf.
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