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Agenturmänner des Jahres 2019: Dennis May, Christoph Pietsch, Oliver Janik (v.l.)
Kurt Steinhausen
HORIZONT Award für DDB-Chefs

"Mit der klassischen Mad-Men-Attitüde gewinnt man keinen Blumentopf mehr"

Agenturmänner des Jahres 2019: Dennis May, Christoph Pietsch, Oliver Janik (v.l.)
Oliver Janik, Dennis May und Christoph Pietsch - so heißen die "Agenturmänner des Jahres 2019". Die Chefs der deutschen DDB-Gruppe - einen CEO gibt es aktuell nicht - werden von der HORIZONT-Jury für die außergewöhnlich gute Entwicklung ausgezeichnet, die sie mit der Omnicom-Tochter hingelegt haben. Als eins der wenigen Networks im deutschen Markt konnten sie das Geschäft zuletzt deutlich ausbauen. Im Kreativranking gelang sogar der Sprung auf Platz 1. Im Interview sprechen die drei über ihre Art, die Agentur zu führen, ihr persönliches Verhältnis und ihren künftigen Chef.
von Mehrdad Amirkhizi Freitag, 31. Januar 2020
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Sie stehen in einer Reihe mit Preisträgern wie Reinhard Springer, Bernd Michael, Lothar Leonhard und Jean-Remy von Matt. Wie fühlt sich das an?
Christoph Pietsch:
Es unterstreicht vor allem die Bedeutung des Preises. Es ist eine der großen, wenn nicht die Auszeichnung unserer Branche. Das macht uns wahnsinnig stolz. Vor allem, weil wir das als Anerkennung für die gesamte Mannschaft verstehen.
Oliver Janik: Als ich im Frühjahr 2006 bei DDB angefangen habe, wurden kurz vorher Tonio Kröger und Amir Kassaei "Agenturmänner des Jahres". Die Bedeutung dieser Auszeichnung für die Branche konnte ich damals noch nicht ganz einordnen, habe ich dann aber einigermaßen rasch begriffen. Jetzt selbst hier zu stehen, ist natürlich eine besondere Ehre.


Es gibt Manager, die finden, dass sie den Preis längst verdient haben. Und Sie?
Dennis May: Für mich kam das komplett überraschend. Vielleicht auch deshalb, weil wir nicht seit Jahren Agendasetting machen, schon gar nicht in eigener Sache. Insofern habe ich nie auch nur darüber nachgedacht, ob wir uns für diesen Preis qualifizieren.

Ich will keine unpassenden Vergleiche mit anderen Preisen anstellen, aber wo waren Sie, als Sie von der Entscheidung der Jury erfahren haben?
May:
Ich war bei unserem Europachef in Amsterdam. Als Erstes habe ich meine beiden Kollegen angerufen.
Pietsch: Ich war in Marrakesch und habe dort mit Freunden Geburtstag gefeiert.
Janik: Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, wo ich war, als ich davon erfuhr.


Was vermuten Sie, warum hat sich die Jury für Sie entschieden?
May:
Ich denke, das ist eine Mischung aus mehreren Dingen. Wir blicken auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurück. Neugeschäft, Kreativranking und wirtschaftliche Performance sprechen für uns. Ich denke nicht, dass es viele Agenturen gibt, die 2019 erfolgreicher waren als wir. Und dann hoffe ich, dass auch eine Rolle gespielt hat, dass wir eine Agentur repräsentieren, die in der Branche für eine tolle Geschichte und großes Potenzial steht. DDB gönnt man den Erfolg.
CCO Dennis May: "Die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten und umgehen, ist uns enorm wichtig"
© Kurt Steinhausen
CCO Dennis May: "Die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten und umgehen, ist uns enorm wichtig"
DDB hat sich zweifelsohne gut entwickelt. Das gilt für nur wenige Networks. Was macht den Unterschied?
Pietsch:
Die richtigen Menschen am richtigen Platz mit dem richtigen Verständnis dafür, was zu tun ist. Wir haben uns voll darauf konzentriert, was wir für unsere Kunden und damit auch für unsere Agentur erreichen möchten. Dabei haben wir uns ambitionierte, aber keine überhöhten Ziele gesetzt. Und am Ende gehört immer auch eine Portion Glück dazu.
Janik: Die Kontinuität im Management und in den Teams ist ein ganz wichtiger Faktor für den Erfolg. Wir sind in der angenehmen Lage, dass wir seit mehreren Jahren in nahezu derselben Besetzung arbeiten können. Daraus entsteht eine Konstanz, die in unserem schnelllebigen Geschäft sehr wichtig ist. Das klappt anderswo vielleicht gerade nicht ganz so. Und hat bei uns in der Vergangenheit auch nicht immer gleich gut hingehauen.

Trotzdem bekommen Sie mit dem bisherigen Lufthansa-Manager Alexander Schlaubitz demnächst einen Chef vor die Nase gesetzt.
Pietsch:
Vielleicht muss man noch einmal genauer erklären, was passiert. Alexander wird CEO der Holding und damit natürlich auch unser Chef. Aber die Geschicke der Agenturmarke DDB leiten weiter wir drei, zusammen mit den Managementkollegen an den einzelnen Standorten. Für uns ändert sich also vor allem eine Berichtslinie. Und angesichts der positiven Entwicklung der Agentur gehen wir davon aus, dass wir auch zukünftig dieselben Pflichten haben und Freiheiten genießen.

Sie empfinden das nicht als Dämpfer?
May: Ich habe zu keinem Zeitpunkt gedacht, dass der Posten besetzt wird, um uns an die kurze Leine zu nehmen. Natürlich wird so eine Veränderung aber auch persönlich spürbar werden, immerhin arbeitet man bald eng zusammen. Und das möglichst gut. Aber ich bin da sehr zuversichtlich, weil wir uns ja schon kennen, momentan ist er noch unser Kunde.
Janik: Ich kann Ihnen versichern, mein Puls ist nach wie vor stabil. Ich habe lange genug in der Holding gearbeitet, um zu wissen, wie wichtig und wirksam dieser Job für eine Agenturgruppe sein kann. Wir freuen uns, wenn Alexander am 1. Mai an Bord kommt.

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DDB war ein Vorbild für die US-Kultserie Mad Men. Sie drei sind aber eher das Gegenteil von Mad Men, oder?
May:
Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Beim unbedingten Einsatz für Qualität und das beste kreative Produkt sind wir hoffentlich nah dran. Wenn Sie aber das Klischee des dominanten bis arroganten Alphatier-Managers meinen, der in der Agentur raucht, trinkt und auf Frauen herabblickt, dann hat das mit uns in der Tat nichts zu tun. Das Bild unseres Gründers Bill Bernbach hängt nicht nur deshalb in der Agentur, weil er für "Creativity" steht, sondern auch für "Humanity". Die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten und umgehen, ist uns enorm wichtig.
Pietsch: Die Anforderungen an Agentur-Führungskräfte haben sich komplett verändert – und damit auch der Typus Chef. In Zeiten, in denen Talent ein scheues Reh ist, will niemand Vorgesetzte haben, die einem in Stresssituationen schon mal einen Aschenbecher an den Kopf werfen. Sondern eher solche, die empathisch und weniger laut auftreten, dafür aber mit anpacken, wo immer es nötig ist.

„In Zeiten, in denen Talent ein scheues Reh ist, will niemand Vorgesetzte haben, die einem in Stresssituationen schon mal einen Aschenbecher an den Kopf werfen.“
Christoph Pietsch
CMO Christoph Pietsch: "Die Anforderungen an Agentur-Führungskräfte haben sich komplett verändert"
© Kurt Steinhausen
CMO Christoph Pietsch: "Die Anforderungen an Agentur-Führungskräfte haben sich komplett verändert"

Janik: Die Agenturchefs haben sich verändert, aber auch die Mitarbeiter und die Kunden. Es gibt heute einfach völlig andere Erwartungen als früher. Themen wie Gender und Diversity haben einen höheren Stellenwert, auch Arbeitsklima und Arbeitsmodelle. Mit der klassischen Mad-Men-Attitüde gewinnt man keinen Blumentopf mehr. Zum Glück müssen wir uns dafür nicht verstellen. Es ist ja nicht so, dass ich abends nach Hause komme, eine Flasche Jim Beam leere und sage, schade, das hätte ich gern schon heute früh gemacht.
May: Fürs Protokoll: Christoph und ich auch nicht!
Janik: Aber eine Sache verbindet uns vielleicht doch mit den Typen von früher – und die knüpft an das an, was Dennis gesagt hat: die hohe Identifikationskraft mit dem Produkt und der Kultur der Agentur. Man kann schlecht 14 Jahre in einem Unternehmen sein, schon gar nicht in der Werbung, ohne sich mit dem Laden zu identifizieren. Dabei ist der Baustein "Humanity" extrem wichtig. Ich wäre definitiv nicht mehr hier, wenn man von DDB sagen würde, die machen zwar tolle Kampagnen, aber menschlich stimmt es hinten und vorne nicht.

Sie haben das Thema Gender und Diversity angesprochen. Eine Frau sitzt hier aber nicht in der Führung.
Pietsch:
Wir hatten bis vor einem Jahr mit Nina Rieke eine tolle Strategin im Gruppenmanagement. Und an den einzelnen Standorten stehen ja ebenfalls extrem starke Kolleginnen an der Spitze. Ehrlich gesagt haben wir die Geschlechterdiskussion nie führen müssen. Es war immer eine Frage der Qualität, der Kompetenzen und der Fähigkeiten.
May: Für uns war das vielleicht auch deshalb kein großes Thema, weil wir uns weniger als separate Gruppenführung verstehen, sondern als Teil eines erweiterten Managementteams, zu dem schon immer mehrere Kolleginnen gehören.

Aber wird dieses Thema heute nicht von außen an Sie herangetragen?
Janik: Natürlich kann man sagen, wenn von drei Positionen in der Gruppenführung drei mit Männern besetzt sind, ist das nicht mehr ganz zeitgemäß. Ich glaube aber, das geht gerade noch. Generell mache ich mir bei diesem Thema relativ wenig Sorgen um DDB. Wir haben so viele Frauen in Führungspositionen, dass die mir im Spaß schon manchmal selbst gesagt haben, wir sollten bitte wieder mehr Männer einstellen.

Agenturen klagen seit Jahren über Personalmangel, nicht zuletzt durch neue Konkurrenz. Wie ist das bei Ihnen?
May:
Wenn man erfolgreich ist, klopfen natürlich besonders viele Leute an. Das ist ganz normal. Aber wir haben das Glück, dass unsere Attraktivität als Arbeitgebermarke in den vergangenen Jahren eigentlich nie gelitten hat.
Janik: Auch hier sage ich gern: "Erfolg kommt von Erfolg." Aber das können meine Kollegen kaum noch hören.
Pietsch: Stimmt.
May: Stimmt. Janik: DDB ist eine Adresse, die jeder Werber gern in seinem Lebenslauf stehen hat. Nicht zuletzt, weil wir ein guter Ausbildungsbetrieb sind, allerdings gilt das wahrscheinlich für die meisten Agenturen. Man kann, nein, man muss hier lernen, fokussiert, interdisziplinär und meist unter hohem Zeitdruck Top-Qualität abzuliefern. Ob das so gleichermaßen für die Unzahl von Start-ups gilt, die – insbesondere am Standort Berlin – den Agenturen angeblich die Berufsstarter vom Arbeitsmarkt nehmen, wage ich zumindest einmal zu bezweifeln.
Pietsch: Ich bin fest davon überzeugt, dass der Abgesang auf Agenturen, der seit einiger Zeit in unserer Branche angestimmt wird, falsch ist. Die Arbeit in Agenturen ist immer noch spannend, herausfordernd und macht viel Spaß. Gerade weil man sehr schnell viel lernen kann. Es gibt keine bessere Schule. Danach macht einen so schnell nichts mehr nervös. Das höre ich auch immer wieder von ehemaligen Kollegen, die beispielsweise auf die Kundenseite gewechselt sind.

Sind Sie drei eigentlich nur Kollegen oder auch Freunde?
May:
Wir sind als Kollegen gestartet, aber heute sage ich aus vollem Herzen, dass wir auch Freunde sind. Wenn wir abends gemeinsam Essen gehen, lässt sich oft nicht unterscheiden, ob es ein privates oder ein Arbeitsessen ist.
Pietsch: Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht miteinander reden, und das nicht nur dienstlich. Wenn am Sonntag das Handy klingelt, weiß mein privates Umfeld sofort, wer anruft. Zum Glück verbringen wir noch keine Urlaube zusammen. Aber wir verstehen uns wirklich gut.
Janik: Dass ich die zwei nicht zu meiner Hochzeit einlade, liegt nur daran, dass ich nicht vorhabe, noch mal zu heiraten.
COO Oliver Janik: "Die Kontinuität im Management und in den Teams ist ein ganz wichtiger Faktor für den Erfolg"
© Kurt Steinhausen
COO Oliver Janik: "Die Kontinuität im Management und in den Teams ist ein ganz wichtiger Faktor für den Erfolg"
Gibt es nichts, was am anderen nervt?
May:
Doch. Christophs Einstecktücher. (lacht) Pietsch: Natürlich hat jeder seine Macken. Wenn es die nicht gäbe, wäre es auch langweilig. Aber den einen großen Störfaktor haben wir nicht. Sonst würde es hier nicht so gut laufen.

Und umgekehrt, was schätzen Sie besonders aneinander?
Pietsch:
Ich habe noch keinen Kreativen gesehen, der so tief in die Themen einsteigt und so fleißig ist wie Dennis. Er kümmert sich um die Agentur als Ganzes, auch um kaufmännische Aspekte. Das ist wirklich eine Ausnahme. Und macht ihn zur Führungspersönlichkeit.
Janik: Das kann ich nur unterstreichen. Jetzt bin ich ja schon einigermaßen lange dabei, aber Dennis ist der beratungstalentierteste Kreative, den ich je erlebt habe. Das ist sehr hilfreich, weil wir nicht ständig jemanden einfangen müssen, der verrückte Sachen machen will, die nicht gehen. Ohnehin ist der gegenseitige Kraftabrieb sehr gering. Wir arbeiten nie gegeneinander.

Herr May, jetzt müssen Sie aber auch was Nettes über die Kollegen sagen.
May:
Ich schätze vor allem ihre präzise Auffassungsgabe bezüglich meiner Person (lacht). Im Ernst: Beide haben ein enormes Verantwortungsgefühl und kämpfen immer für die beste Lösung. Christoph ist in seinem Job einzigartig. Ich kenne niemanden, der Networking, Agenturdarstellung und die (Neu-)Geschäftsentwicklung so genial verbindet wie er. Und OJ (Oliver Janik, die Redaktion) hat die Gabe, jede Situation, sei sie auch noch so verfahren, genau zu analysieren und eine Lösung zu finden. Immer, wenn man denkt: "Auweia, was machen wir denn jetzt?", ist seine Nummer die erste, die man wählt.
Pietsch: OJ ist der Weise und Erfahrene unter uns. Und es ist immer wieder beeindruckend, zu sehen, wie gut er mit Menschen umgehen kann.

Uns beeindruckt vor allem, wie erfolgreich Sie den Job trotz schwerer Erkrankung machen. Sie leiden seit langem an Multipler Sklerose.
Janik:
Puh. Bis vor ein paar Jahren hätte ich über dieses Thema vermutlich nicht gesprochen, schon gar nicht als Preisträger. Ich hätte als Letztes gewollt, dass es so wirkt, als würde mich das größer machen. Heute sehe ich das etwas anders. Nehmen Sie einmal die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Ich kenne sie nicht persönlich, aber für mich findet sie den richtigen Umgang mit der Erkrankung: nicht verstecken, schon weil es sich nicht verstecken lässt. Aber auch nicht unnötig zum Thema machen. Ihre Karriere kann Hoffnung geben, kann Ansporn für alle Menschen mit einer schweren Erkrankung sein, dass es sich lohnt, nicht aufzugeben und weiterzumachen, weiterzukämpfen. Und vielleicht kann mein Beispiel auf bedeutend kleinerer Bühne einen Beitrag dazu leisten. Das würde mich freuen. Es ist jedenfalls sicherlich kein schlechtes Signal, dass man auch mit dieser Krankheit einen solchen Preis gewinnen kann.
Interview: Mehrdad Amirkhizi
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