"Heinsberg-Protokoll"

Deutscher PR-Rat rügt Storymachine

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Kai Diekmann kassiert mit seiner Agentur Storymachine eine Rüge vom Deutschen PR-Rat
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Kai Diekmann kassiert mit seiner Agentur Storymachine eine Rüge vom Deutschen PR-Rat
Die Berliner Agentur Storymachine hat sich mit ihrem "Heinsberg-Protokoll" eine Rüge des Deutschen Rats für Public Relations (DRPR) eingefangen. Das Selbstkontrollorgan der PR-Wirtschaft sieht es als erwiesen an, dass die Firma von Ex-Bild-Chef Kai Diekmann, seiner Frau Katja Kessler, Ex-Stern.de-Chef Philipp Jessen und Event-Unternehmer Michael Mronz durch unprofessionelles Verhalten den PR-Berufsstand beschädigt hat. Der Anfangsvorwurf der Intransparenz bei der Absenderkennzeichnung und der Sponsorennennung hat sich dagegen nicht erhärtet.
Untersucht wurde die Social-Media-Dokumentation von Storymachine, mit der sie die Corona-Studie des Virologen Hendrik Streeck von der Universität Bonn im nordrhein-westfälischen Gangelt (Gemeinde im Kreis Heinsberg) begleitet hat. Laut Einschätzung des PR-Rats hat die Agentur dabei "leichtfertig und unprofessionell agiert und zu einer nachhaltigen Verunsicherung der Öffentlichkeit beigetragen".


Begründet wird dies damit, dass Storymachine nicht versucht habe, die Studienergebnisse möglichst neutral zu vermitteln. Stattdessen habe man mit dem vorab an potenzielle Sponsoren verschickten Konzept den Anschein erweckt, dass die Kommunikation vor allem das Ziel verfolge, "ein vorformuliertes Narrativ und bereits definierte Botschaften in der Öffentlichkeit zu platzieren". Dadurch sei der Eindruck einer "manipulativen Darstellung entstanden, die ein überwunden geglaubtes Negativbild von PR und Kommunikationsmanagement bedient", heißt es in der Begründung des DRPR.
„Die Agentur hat leichtfertig und unprofessionell agiert und zu einer nachhaltigen Verunsicherung der Öffentlichkeit beigetragen“
Deutscher Rat für Public Relations
Der Rat betont, dass ein derartiges Promoten der eigenen Position im Meinungsbildungsprozess in Politik und Wirtschaft vollkommen legitim ist. Allerdings müsse dies transparent geschehen und die Intention jederzeit klar sein. Im aktuellen Fall sei es aber um eine andere kommunikative Aufgabe gegangen, nämlich die neutrale Vermittlung von Wissenschaft in einem für eine Krise typischen nervösen Umfeld. "Dies ist nicht geschehen", so das Urteil des DRPR.

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Die aktuell 17 Ratsmitglieder haben lange um ihre Position gerungen. Womöglich gab es bei einigen von ihnen Bedenken, sich mit der Agentur von Diekmann, Kessler, Jessen und Mronz anzulegen, die juristisch von dem erfahrenen Medienrechtsanwalt Christian Schertz beraten wird. Am Ende wurde die Rüge aber mit großer Mehrheit verabschiedet. Eine Rüge ist das schärfte Sanktionsinstrument (Freispruch – Mahnung – Rüge), das dem Gremium zur Verfügung steht.


Im Rahmen der Prüfung hatten die Beteiligten die Möglichkeit, Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen. Streeck und die Universität Bonn haben von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht. Storymachine, deren Anwalt Schertz bei Bekanntwerden der Untersuchung im April noch erklärt hatte, der DRPR sei nicht zuständig, weil Storymachine gar keine PR-Agentur sei, weist laut Darstellung des Rats die Vorwürfe des intransparenten Vorgehens in ihrer Stellungnahme zurück. Die Absenderschaft sei von Beginn an im Impressum klar kommuniziert und die Unterstützer "überobligat" öffentlich genannt worden.

Die Rüge bezieht sich allerdings nicht auf eine Verletzung des Transparenzgebots - hier konnten keine Verstöße festgestellt werden -, sondern wird wegen Rufschädigung des Berufsstands ausgesprochen. Durch das Agieren der Agentur wurde in der Öffentlichkeit weniger über die Inhalte der Studie diskutiert, sondern vor allem kritisch über die Art und Berechtigung der kommunikativen Vermarktung, beanstandet der Rat. Ob und in welcher Form die Politik und andere Interessengruppen einbezogen waren, konnte das Kontrollgremium nicht klären. Hintergrund: Im Zuge der Diskussion um die Heinsberg-Studie war die Kritik aufgekommen, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) habe Druck auf Streeck- und sein Team ausgeübt, Ergebnisse vorzulegen, die eine frühzeitige Lockerung der Corona-Maßnahmen rechtfertigen.

Für Storymachine-Co-Chef Diekmann ist es nicht die erste Begegnung mit dem DRPR. Im August 2019 hatte der Rat den Vorstand der Uni Heidelberg und die Firma Heiscreen wegen "bewusster Falschbehauptung und Täuschung der Öffentlichkeit" gerügt. Dabei ging es um eine Kampagne für Bluttests zur Krebsdiagnostik. In diese Kampagne war laut Rats-Darstellung auch Kai Diekmann eingebunden. Seine genaue Rolle konnte das Kontrollorgan seinerzeit allerdings nicht aufklären. mam
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