Häppy-Chefs Brawand und Hanke

"Wir wollen dem Irrsinn dieser Welt etwas Gutes entgegensetzen"

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Wollen mit Häppy einen Gegenentwurf zu anderen Agenturen schaffen: die Inhaber und Geschäftsführer Peter Brawand (l.) und Sascha Hanke
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Wollen mit Häppy einen Gegenentwurf zu anderen Agenturen schaffen: die Inhaber und Geschäftsführer Peter Brawand (l.) und Sascha Hanke
Sascha Hanke und Peter Brawand haben die solide Mittelstandsagentur Brawand Rieken vor einem Jahr in Häppy umbenannt. Der Name ist Programm und steht für einen Gegenentwurf zur ehrgeizigen Konkurrenz. Dass man damit aktuell offenbar sehr gut fährt, beweisen zahlreiche Etatgewinne - insgesamt zehn Neukunden kann die Agentur verbuchen. Darüber und über ihre durchweg von Optimismus und einem Hauch Esoterik geprägte Positionierung sprechen die Gründer in einem Exklusiv-Interview, das auf eine sehr ungewöhnliche Weise beginnt.
Dieses Gespräch startet mit einer ungewöhnlichen Premiere: Herr Hanke, Sie sind der erste, der zur Einstimmung auf ein Interview mit mir eine Klangschale angeschlagen hat. Was wollen Sie damit ausdrücken?
Sascha Hanke: Wir sprechen ja heute über unsere Agenturtransformation, die vor ziemlich genau einem Jahr begonnen hat. Unser Geschäftsleiter Boris Spiel hat damals sehr treffend formuliert, dass wir uns mit Häppy auf den Ozean der Gefühle begeben. Häppy hat einen Purpose und ist eine emotional positionierte Agentur. Und als solche funktionieren wir nicht, wenn es Unmut gibt. Die Klangschale mahnt uns zur Harmonie und Präsenz.

Im Tagesgeschäft bleibt es jedoch sicherlich nicht aus, dass hin und wieder auch mal Unmut aufkommt. Etatverluste, verlorene Pitches und nervenaufreibende Abstimmungen können die Stimmung ganz schön drücken. Wie gelingt es Ihnen, in solchen Situation "häppy" zu bleiben?
Hanke: Diese Frage haben wir uns den vergangenen Monaten tatsächlich auch häufig gestellt. Zu den genannten Alltagsproblemen kam ja noch die Corona-Krise hinzu. Unsere Antwort lautet: Dialog, Transparenz, Integration. Wir setzen auf unendlich viele fest etablierte Dialogmaßnahmen, um Konflikte zu vermeiden: Pingpongs, Instant Feedbacks, KISS-Recaps, Hitparaden und unser Fat Forum, um nur einige zu nennen.
Die Rügenwalder Mühle gehört zu den wichtigsten Kunden von Häppy
© Häppy
Die Rügenwalder Mühle gehört zu den wichtigsten Kunden von Häppy
Was genau hat es damit auf sich?
Hanke: Die Pingpong-Gespräche führen wir mit jedem einzelnen Mitarbeiter. Da geht es dann darum, was die Agentur tun kann, um ihn in seinem persönlichen Streben nach Glück zu unterstützen und umgekehrt. Beim Instant Feedback geht es darum, nach Meetings oder Projekten sofort eine Manöverkritik zu machen, um etwaige Probleme direkt vom Tisch zu bekommen. KISS steht für Keep, Improve, Start und Stop und ist ein digitales Tool, das nach Projekten zum Einsatz kommt. Hier kann man anonym aufschreiben, was gut war und beibehalten werden darf, was verbessert werden sollte, was abgestellt werden müsste, was man neu starten könnte. Die Hitparaden sind eine Art Werksschau und beim Fat Forum gibt es eine riesige Torte für die gesamte Agentur, bei deren Verzehr wichtige Themen gemeinsam besprochen werden. Letzteres muss aktuell leider wegen Corona ausfallen. Aber die anderen Maßnahmen haben wir sogar noch verstärkt, damit die Mitarbeiter im Home Office nicht vereinsamen.

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Als die Corona-Krise begann, standen Sie am Anfang Ihrer Transformation, bei der es sehr viel um Kultur und Haltung geht. Sie haben gerade einige wichtige Maßnahmen in diesem Kontext beschrieben. Reicht das, um eine gänzlich neue Agenturphilosophie aus dem Home Office heraus zu kultivieren? 
Peter Brawand: Das mag jetzt anachronistisch klingen, aber ich habe das Gefühl, dass sich einige Mitarbeiter - und dazu zähle ich mich auch - durch das Home Office sogar näher gekommen sind.  Man bekommt plötzlich private Einblicke, die man sonst nicht erhält. Ich finde es schön, wenn mal ein Kind Hallo sagt oder eine Katze durchs Bild huscht und habe generell den Eindruck, man schaut sich via Screen intensiver in die Augen.
Hanke: Ich würde dazu gerne noch einen weiteren Punkt ergänzen, der unsere Haltung beschreibt: Für uns ist Transparenz ganz wichtig. Wir haben zu Beginn des ersten Lockdowns jede Woche so genannte Sonntagsbriefe via E-Mail verschickt und die Mitarbeiter extrem ehrlich, emotional und transparent auf dem Laufenden gehalten. Natürlich herrschte vor allem am Anfang sehr viel Unsicherheit. Aber wir konnten in den vergangenen Monaten auch einige Erfolge verbuchen, was uns in unserem neuen Kurs bestätigt hat. Wir haben sogar Etats gewonnen, ohne die Kunden dafür auch nur einmal live zu treffen.

Bevor wir zu den Neukunden kommen: Gibt es Mitarbeiter, die bei der Transformation von Brawand Rieken zu Häppy nicht dabei sein wollten? 
Brawand: Ja, klar. Wir hatten einige Abhänge, die mit der Neuausrichtung und der Verjüngung der Agentur zu tun hatten. Unterm Strich werden wir zum Jahresende aber dennoch mehr Mitarbeiter sein als Ende 2019. Wir setzen total auf die Zukunft. Deshalb haben wir mit Pia Südkamp jemanden geholt, der den Bereich Human Resources neu aufbaut. In der Führungsebene gibt es mit Melanie Gerling, Kristin Köhnke und Heiko Notter drei wirklich hochkarätige Neuzugänge. Melanie kommt von Scholz & Friends und steigt bei uns als Management Supervisor, ein. Kristin übernimmt die Position des Director Strategy and Innovation. Sie hat vorher auf Kundenseite gearbeitet, unter anderem bei Schwartau und Yogi-Tee. Unser neuer Creative Director Heiko Notter war zuvor bei Kolle Rebbe und Jung von Matt tätig. Außerdem haben wir erstmals eine Geschäftsleitung einberufen.
Steigen in die Geschäftsleitung auf: Executive Creative Director Boris Spiel, Chief Operating Officer Heiko Höhn und Chief Digital Officer Michael Schlykow
© Häppy
Steigen in die Geschäftsleitung auf: Executive Creative Director Boris Spiel, Chief Operating Officer Heiko Höhn und Chief Digital Officer Michael Schlykow
Handelt sich hierbei auch um Neuzugänge?
Brawand: Teils, Heiko Höhn ist schon seit der Gründung von Brawand Rieken an Bord. Er übernimmt die Position des COO. Boris Spiel kam etwas später dazu und ist als Kreativer die rechte Hand von Sascha. Am kürzesten ist unser Digitalchef Michael Schlykow mit dabei, der Anfang des Jahres zu uns gestoßen ist.

Zwei Männer in der Geschäftsführung, drei weitere in der Geschäftsleitung. Die Diskussionen um das Thema Gleichstellung in Agenturen und Frauenquote haben Sie dieses Jahr aber schon mitbekommen, oder?
Brawand: Tja, das ist der Pferdefuß. Uns gefällt es auch nicht, dass wir bislang ein rein männliches Führungsteam sind. Aber das ist ja auch erst der Anfang… 
Kristin Köhnke, Heiko Notter und Melanie Gerling (v.l.) verstärken Häppy als Director Strategy & Innovation, Creative Director und Management Supervisor
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Kristin Köhnke, Heiko Notter und Melanie Gerling (v.l.) verstärken Häppy als Director Strategy & Innovation, Creative Director und Management Supervisor
Kommen wir mal zu den neuen Kunden. Dieses Jahr haben Sie öffentlich noch nicht viel über Etatgewinne verlauten lassen. Welche neuen Kunden sind denn an Bord?
Hanke: Unsere größten Neukunden sind die VGH Versicherung und die DMK Group, für die wir - national und international, B-to-C und B-to-B, gleich mehrere Business-Units betreuen dürfen. Details düfen wir leider noch nicht verraten. Außerdem konnten wir Erasco, Harry Brot, Homann, Lidl Deutschland und die OTC-Marke Gelomyrtol (Pohl-Boskamp) nach einem mehrstufigen Pitch für uns gewinnen. Mit Egger kommt ein Hidden Champion im Bereich Holzwerkstoffe dazu. Und wir haben unser Geschäft mit der Koelnmesse ausgebaut und werden nächstes Jahr nicht nur die Anuga im Social-Media-Bereich betreuen, sondern auch die verschobene Comic Con Experience (CCXP), die Internationale Süßwarenmesse ISM und die Pro Sweets. Bei den meisten Kunden dauert es aber noch eine Weile, bis man erste Ergebnisse der Zusammenarbeit sehen wird, weil wir aktuell sehr viel strategisch und auf Markenebene tätig sind.

Wie erklären Sie sich Ihren momentanen Lauf in Sachen Neugeschäft? 
Hanke: Wir haben zuletzt massiv in unsere digitalen Kompetenzen investiert und finden uns deshalb mittlerweile in den buntesten Pitches wieder. Neulich konnten wir sogar einen Performance-Pitch gegen eine sehr bekannte Digitalagentur für uns entscheiden. Das ist sicherlich ein wichtiger Treiber für den Erfolg. Ich denke, es hat aber auch mit der Tatsache zu tun, dass wir uns als Agentur im Umbruch befinden. Viele Kunden sind in der gleichen Situation: Sie stecken mitten in der Transformation und schätzen deshalb den Austausch mit einer Agentur, die diesbezüglich ähnliche Erfahrungen macht.

Wirkt sich das Neugeschäft bereits auf den Umsatz in diesem Jahr aus?
Brawand: Ja, wir werden wohl mit einem leichten Plus abschließen können. Ganz ehrlich: Davon hätten wir im März nicht zu träumen gewagt. Wir waren natürlich auch von Budget-Cuts betroffen und einige Kampagnen wurden komplett aufs nächste Jahr verschoben. Wie viele andere auch hatten wir temporär Kurzarbeit und wussten im Frühjahr nicht, wie es weitergehen wird. Letztlich hatten wir wirklich Glück - auch weil wir viele Food- und Pharmakunden betreuen.
Hanke: Man merkt dieses Jahr ganz allgemein, dass alle eine extrem kurze Lunte haben. Die Corona-Krise geht an keinem von uns spurlos vorbei. Das bringt mich noch einmal auf die Klangschale: Peter und ich wollen dem ganzen Irrsinn dieser Welt etwas Gutes entgegensetzen. Mag sein, dass wir anderen mit unserem Optimismus manchmal auf die Nerven gehen. Aber wir finden, dass genau jetzt die richtige Zeit ist für einen Gegenentwurf zu den prozessbesessenen und profitgetriebenen Agenturen. Mit dieser Philosophie scheinen wir den Zeitgeist zu treffen. Das sieht man nicht nur am Neugeschäft. Wir haben auch noch nie zuvor so viele Bewerbungen wie zurzeit bekommen.
Brawand: Das hat sicherlich nicht nur mit unserer Philosophie, sondern auch mit Sascha und seiner Reputation im Kreativmarkt zu tun.
Für den Teehersteller Hälssen & Lyon durfte sich Häppy zu Halloween kreativ austoben
© Häppy
Für den Teehersteller Hälssen & Lyon durfte sich Häppy zu Halloween kreativ austoben
Herr Hanke, Sie sind seit neuestem Vorstandsmitglied im ADC und generell bekannt dafür, ein großer Fan von Kreativwettbewerben zu sein. Wie passt das zu Häppy? Die Vorgängeragentur Brawand Rieken war zwar für Effie-Gewinne aber nicht gerade für ihre kreativen Erfolge bekannt. Wird sich das unter der neuen Flagge ändern?
Hanke: Das soll sich auf jeden Fall ändern, aber das hat nicht nur mit meiner Person zu tun. Im Zuge unserer Transformation haben wir unsere Mitarbeiter gefragt, was sie sich für die Zukunft wünschen. Ganz weit oben auf der Liste stand das Thema „Werksstolz“. Unsere Mitarbeiter möchten mit mutigen und kreativen Kampagnen von sich reden machen. Das erste Ausrufezeichen haben wir mit unserer eigenen CI geschaffen, die beim diesjährigen ADC mit einem Bronze-Nägel prämiert wurde. Halloween haben wir für Hälssen & Lyon den „Fürchte-Tee“ erfunden, ein im wahrsten Sinne fürchterliches Kundenmailing. Natürlich wollen wir auch weiter kreative Akzente setzen - auch bei Award Shows. Ich glaube an die Kraft von kreativer Kommunikation und bin überzeugt davon, dass es ohne Wettkampf keinen Fortschritt gibt.
Mit Häppy Tales will die Agentur eine eigene Inhouse-Produktion etablieren
© Häppy
Mit Häppy Tales will die Agentur eine eigene Inhouse-Produktion etablieren
Das wäre dann schon mal ein Punkt für die Agenda 2021. Welche Themen wollen Sie außerdem vorantreiben?
Brawand: Die digitale Transformation wird uns sicherlich noch eine ganze Weile beschäftigen. Damit einhergehend wollen wir unser Know-how im Bereich E-Commerce ausbauen, um auch hier ein noch besserer Berater und Partner für unsere Kunden zu sein. 
Hanke: Außerdem steht der Ausbau unserer Inhouse-Produktion Häppy Tales auf dem Programm. Das Thema wollten wir eigentlich schon dieses Jahr pushen, es wurde dann aber wegen Corona ein wenig vernachlässigt. Neben dem wirtschaftlichen Wachstum wollen wir innerlich weiter wachsen und die Häppy-Kultur vorantreiben. Das ist unser Langzeitprojekt. Ich wünsche mir, dass wir irgendwann mit der gesamten Agentur auf die japanische Insel Okinawa fliegen können. Dort leben wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge nicht nur ältesten, sondern auch die glücklichsten Menschen. Von denen können wir sicherlich noch viel lernen. bu
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