Ende der Alphatiere

Sinner Schrader und Scholz & Friends schaffen Management-Jobs für Gender & Diversity

Catherine Gaudry (l.) leitet seit Frühjahr bei Scholz & Friends eine Abteilung für Gender, Diversity, Talent und Kultur; Peggy Hutchinson verantwortet diese Themen seit Ende 2017 als Co-Geschäftsführerin von Sinner Schrader
© Scholz & Friends / Katrin Saalfrank
Catherine Gaudry (l.) leitet seit Frühjahr bei Scholz & Friends eine Abteilung für Gender, Diversity, Talent und Kultur; Peggy Hutchinson verantwortet diese Themen seit Ende 2017 als Co-Geschäftsführerin von Sinner Schrader
International ist es längst ein Riesenthema, inzwischen werden auch deutsche Agenturen aktiv und machen Gender & Diversitätsthemen zur Chefsache. Das passt zu der vor zwei Wochen angestoßenen Diskussion über das Ende der "Mad Men" und den Entlassungen mehrerer Top-Werbemanager, die aufgrund moralischen Fehlverhaltens nicht mehr tragbar für ihre Agenturen waren.

Unter anderem mussten Tham Khai Meng, der frühere weltweite Chief Creative Officer von Ogilvy und Jeremy Perrott, Ex-Global CCO von McCann Health ihren Hut nehmen. Nicht wenige US-Agenturen haben in den vergangenen Jahren Positionen wie Chief Diversity Officer oder Chief Culture Officer geschaffen. Ein Trend, der nun auch in Deutschland ankommt. Scholz & Friends und Sinner Schrader nehmen diesbezüglich eine Vorreiterrolle ein.

Die Digitalagentur Sinner Schrader hat bereits im Dezember die Position des Managing Directors People & Culture geschaffen. Die langjährige Human-Resources-Leiterin Peggy Hutchinson hat diesen Job übernommen, der auf Geschäftsführungsebene angesiedelt ist. Sie ist damit die erste - und bis dato einzige - Frau in der acht Personen starken Geschäftsführungsriege von Sinner Schrader.

Ihr neuer Aufgabenbereich baut auf ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn auf, schließlich sind es die Mitarbeiter, die eine Unternehmenskultur maßgeblich prägen und Veränderungen forcieren. "Talente suchen zunehmend nach dem Sinn in ihrer Arbeit", stellt Hutchinson fest. Sie wählten ihren Arbeitgeber mehr denn je nach der Kultur aus, die sie dort vorfinden. Und wenn diese nicht zu ihrem persönlichen Lebensentwurf und ihren Werten passe, dann gingen sie. "Das ist einer der Gründe, weshalb Agenturen im Hinblick auf ihre Kultur umdenken und Gender- und Diversitätsthemen mehr Raum geben müssen." Zudem habe der Mythos des genialen Kreativen ausgedient und mit ihm die Bewunderung für das Alphatier an der Spitze. "Solche Vormachtstellungen oder Fürstentümer gibt es bei Sinner Schrader nicht. Wir leben nach dem Credo ,No alpha leaders, no beta teams‘ und arbeiten dabei sehr kollaborativ und crossfunktional."

Was vor elf Jahren mit dem Wegfall starrer Hierarchien begonnen hat, wird heute in Hutchinsons Abteilung noch einmal verstärkt: Zahlreiche Initiativen sollen für eine Arbeitsatmosphäre sorgen, in der sich unterschiedliche Talente nicht nur wohlfühlen, sondern auch bestmöglich entfalten können. Das Angebot reicht von Diversity-Kickoffs bei neuen Projekten über die Schaffung von flexiblen Teilzeitmodellen für Frauen und Männer, Mentoringprogramme für weibliche Mitarbeiter, Führungskräfte sowie Workshops und Vorträge zu weiblichem Empowerment und unbewussten Vorurteilen. Dieses Jahr hat Sinner Schrader erstmals den Weltfrauentag in der Agentur mit einem entsprechenden Workshop-Angebot gefeiert, inspiriert durch das Diversity Program der Agenturmutter Accenture Interactive. Demnächst wird es einen eigenen Arbeitsplatz für Mütter oder Väter geben, die ihr Kind mit zur Arbeit bringen müssen, weil sie an diesem Tag keine andere Betreuungsmöglichkeit haben.

Solche Bestrebungen strahlen auch auf die von Sinner Schrader organisierte Digitalkonferenz Next ab: Für das Event im September strebt die Agentur erstmals an, eine 50/50-Quote in Bezug auf das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Sprechern hinzubekommen.

Kurzum: Es tut sich schon eine ganze Menge. Trotzdem ist noch Luft nach oben, so Hutchinson. Deshalb seien Positionen wie ihre auch extrem wichtig, um Veränderungen in der Branche voranzutreiben, Diskussionen anzustoßen und Zeichen zu setzen. Neben Sinner Schrader hat das auch Scholz & Friends erkannt und im April ebenfalls eine eigene Abteilung dafür aufgebaut. Catherine Gaudry steht als Group Head Talent & Transformation an der Spitze des Bereichs. Ihr Job entspricht dem eines Chief Diversity Officers und als solche berichtet sie direkt an das Partnerboard der Agenturgruppe rund um CEO Frank-Michael Schmidt. "In Deutschland kratzen wir noch ganz schön an der Oberfläche, was diese Themen betrifft", stellt Gaudry fest. "Die #MeToo-Bewegung hat sicherlich dabei geholfen, dass viele endlich konkret etwas unternehmen und Gender- und Diversity-Themen auf der Prioritätenliste nach oben rücken."

Die frühere Management Supervisorin von KKLD ist seit Herbst 2017 bei Scholz & Friends. In Gesprächen mit dem Partnerboard wurde schnell klar, dass sie einen eigenen Bereich aufbauen will, der sich explizit um Frauenförderung, Diversitätsthemen und den kulturellen Wandel kümmert. Die übergeordnete Strategie dahinter lautet "Creating Space". Es geht darum, Platz zu schaffen für unterschiedliche Impulse und Menschen. Gaudry entwickelt beispielsweise das von Brigitte Fuchs, Managing Director von S&F Düsseldorf, geführte Mentorinnen-Programm mit weiter, sie setzt gerade ein Reverse-Mentoring-Programm auf, bei dem Junioren die Führungsrolle übernehmen und Geschäftsführer coachen, es gibt eine Diversity-Taskforce, die sich anschaut, was generell zum Thema Equality in der Werbung passiert. Dazu kommen Workshops und Vorträge sowie eine neue Recruiting-Matrix, die für eine vielfältigere Mitarbeiterstruktur sorgen soll.

Aktuell gibt es mehr als ein Dutzend Initiativen unter der Federführung von Gaudry und ihrem Team. Generell kann und soll jeder der rund 800 S&Fler eigene Ideen einbringen. "Die Agentur verfolgt das Ganze mit großer Leidenschaft. Wir wollen das Bewusstsein für solche Themen stärken und eine lebhafte Diskussionskultur dafür forcieren", sagt Gaudry. Im Prinzip sollte sich jeder Mitarbeiter zum Kultur- oder Diversity-Botschafter berufen fühlen, denn: "Wer als Agentur heute glaubwürdig einen Kunden beraten will, tut gut daran, das zu einem strategisch wichtigen Thema zu machen. Wir glauben fest daran, dass Diversität die Kreativität beflügelt." bu




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