DDB-Manager Christoph Pietsch

"Wir brauchen Pitches – auch in Zeiten von Corona"

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Christoph Pietsch findet es okay, wenn Unternehmen jetzt pitchen
© Kurt Steinhausen
Christoph Pietsch findet es okay, wenn Unternehmen jetzt pitchen
Der Verzicht von Thjnk auf die Teilnahme am McDonald's-Pitch hat hohe Wellen geschlagen. Die WPP-Tochter will nicht in das Rennen um das gebündelte Mandat einsteigen, das sie in Teilen schon betreut. Aus ihrem Umfeld verlautet, die Agentur sei nicht damit einverstanden, dass der Etat ausgerechnet jetzt ausgeschrieben wird – in Zeiten, wo alle Beteiligten wegen der Corona-Krise massiv unter Druck stehen.
Nicht alle Marktteilnehmer halten diese Argumentation für plausibel und wittern andere Beweggründe hinter der Entscheidung. Unabhängig vom konkreten Fall McDonald's und Thjnk wird aktuell auch diskutiert, ob Unternehmen in der jetzigen Situation überhaupt pitchen lassen sollten. HORIZONT hat darüber mit Christoph Pietsch, CMO und Neugeschäftsmanager der deutschen DDB-Gruppe, gesprochen. Seine Agentur gilt auch als einer der Kandidaten für die Teilnahme am Pitch bei McDonald's.

Halten Sie es für anrüchig, wenn Unternehmen jetzt pitchen? Nein. Pitches gehören zum Agenturalltag dazu, wir brauchen sie sogar. Auch in Zeiten von Corona – und wer weiß, wie lange die lange die noch anhalten. Auch Pitches stiften Normalität. Sie halten den Agenturmuskel im trainierten Zustand und können auch kulturell ein Katalysator sein.

Also spielt die aktuelle Situation für die Frage nach einem Pitch keine Rolle? Natürlich sollte wilder Aktionismus vermieden werden. Wenn man sich für die Durchführung eines Wettbewerbs entscheidet, dann wohlüberlegt und abgewogen. Aber mal anders gefragt: Hören Konsumenten auf, ihren Konsum zu überdenken, Preis-Leistungsverhältnisse zu überprüfen und sich im Fall von bedeutenden Lebensplanänderungen oder Investitionen mehrere Angebote einzuholen? Ich meine nein.

Und das heißt für Pitches? Marken, die pitchen, haben meist veränderte Bedürfnisse, auf die sie reagieren wollen oder müssen. Agenturen, die antreten, sehen Wachstumsmöglichkeiten oder nun auch die Chance auf Arbeitsplatzsicherung. Verteidigungsverfahren kamen auch vor Corona ungelegen. Die Parameter, in denen Auswahlprozesse jetzt stattfinden, müssen den Umständen angepasst werden. Der Vorgang selbst ist aber nicht verwerflich.

Macht es denn einen Unterschied, ob Unternehmen ohnehin pitchen wollten oder die aktuelle Situation für eine Überprüfung ausnutzen? "Ausnutzen" um Partner rein kaufmännisch unter Druck zu setzen kann - je nach Gesamtsituation - perfide Züge haben. Hier würde ich aber auch den partnerschaftlichen Beziehungsstatus hinterfragen. Neue Umstände führen zu neuen Anforderungen und Bedürfnissen. Wenn sich die unternehmerische Notwendigkeit nach veränderter Beratung ergibt, dann gilt es zu handeln. Ob Corona der Auslöser ist oder nicht, macht für mich dabei wenig Unterschied.

Das sehen manche Agenturen offenbar anders. Wir dürfen bei der Betrachtung nicht vergessen, dass ein Pitch nicht nur zusätzliche Arbeit auf Seiten der Agenturen, sondern auch für die Unternehmen bedeutet. Das Tagesgeschäft läuft in beiden Organisationen parallel – übrigens auch beeinträchtigt von Corona und verbunden mit teils existenziellen Fragestellungen und Herausforderungen.

Worauf sollten Unternehmen denn besonders achten, wenn Sie jetzt pitchen? Nicht nur Unternehmen, auch Agenturen müssen besonders achtsam sein. Aber letztlich gelten hier ähnliche Regeln wie vor der Pandemie: Wertschätzung der Arbeit, Respekt vor Aufwand und Leistung, ein realistischer Blick bei Aufgabenformulierung, Timings, Feedback-Rhythmen und Prozessgestaltung. Und eine Portion Wohlwollen, falls die Technik doch mal in die Knie geht.
Interview: Mehrdad Amirkhizi
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