Art Directors Club

Was der designierte Präsident Heinrich Paravicini alles anders machen will

Heinrich Paravicini
© Mutabor Design
Heinrich Paravicini
Am heutigen Donnerstag versammeln sich die Mitglieder des Art Directors Club für Deutschland, um nach sechs Jahren einen neuen Präsidenten zu wählen. Stephan Vogel, Europa-Kreatichef von Ogilvy, hat keine Lust mehr auf das Ehrenamt beziehungsweise will sich innerhalb des Präsidiums auf andere Aufgaben fokussieren. Sein Nachfolger steht bereits fest: Heinrich Paravicini. Dass er tatsächlich gewählt wird, dürfte eine reine Formsache sein. Gegenkandidaten gibt es nämlich keine.

Der Co-Inhaber der Hamburger Agentur Mutabor ist seit sechs Jahren Präsidiumsmitglied und kümmerte sich im Kreativclub zuletzt um den Bereich Design. Als Kurator der ADC Design Experience und Mitinitiator der neuen Corporate Identity hat er bereits die Weichen für seine künftige Führungsposition gestellt. Schließlich war es die Arbeit an der neuen CI, die ihn dazu motivierte, mehr Verantwortung übernehmen zu wollen. Paravicini will dafür sorgen, dass das in diesem Kontext formulierte ADC-Manifest auch wirklich umgesetzt wird.



Dazu später mehr. Zunächst die Frage: Was können die Mitglieder von Vogels Nachfolger erwarten. Auf den ersten Blick scheint es einige Gemeinsamkeiten zwischen den beiden zu geben: Weit entfernt vom Image des wilden Kreativen, verstehen sie es, tadellos, wenngleich auch zuweilen etwas steif, in der Öffentlichkeit aufzutreten.  Sie haben kein Problem mit der großen Bühne, sind aber alles andere als Rampensäue. Beide sind ehrgeizig und erfolgreich und führen Agenturen mit unzweifelhaftem Ruf. Beide streben hinsichtlich des ADC nach Höherem.

Doch anders als zuletzt Vogel möchte Paravicini im ADC stärker nach innen wirken. Während Vogel bestrebt war, Auftraggeber für den Club zu interessieren und möglichst viele Kunden beim ADC-Kongress und der Night of Honour begrüßen zu können, fokussiert Paravicini die Mitglieder. "Wir sind ein Members Club. Wir sind eine Leistungselite. Wir sind der Club der besten Köpfe in der kreativen Kommunikation", stellt der Designer fest. Es müsse jetzt darum gehen, mehr Wertschätzung für die ADC-Mitglieder zu erreichen. "Unsere Mitglieder unterscheiden den ADC von allen anderen Verbänden, Branchenevents und Awards. Sie müssen mehr stattfinden", ist Paravicini überzeugt.


Was fast ein wenig überheblich klingt, ist im Grunde nichts weiter als der Versuch, einer sich stark wandelnden Branche den Glamour-Faktor vergangener Zeiten zurückzugeben. Das kann man sowohl als Signal an Nachwuchskräfte verstehen als auch als Zeichen an die Kunden. Den einen will Paravicini klarmachen, dass eine Karriere in der Kreativbranche durchaus erstrebenswert ist, den anderen, wie wertvoll Ideen im Zeitalter der digitalen Transformation sind. Dazu sagt der designierte ADC-Präsident: "Gute Marken werden inside out geführt. Wenn wir unseren Members Club Spirit nicht leben, sind wir auch als Instanz für die Exzellenz in kreativer Kommunikation außerhalb der Werbeszene weder relevant noch attraktiv. Das wollen wir aber wieder sein."

Er wolle aus dem Club, seinen Medien und Formaten eine Plattform für alle Mitglieder und deren Ideen und Beiträge machen. Dazu soll die ADC-Website sukzessive zur Content-Plattform ausgebaut werden. "Erste Rubriken wie die ,ADC Köpfe‘ sind schon online – das ist aber erst der Anfang, wir werden auch redaktionell mehr tun. Die App wird ebenfalls weiter ausgebaut."

Paravicini will auch im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Kreation und Marketing anders agieren als sein Vorgänger. Vogel versuchte in seiner Amtszeit stets, den Zusammenhang zwischen diesen Bereichen herzustellen. Paravicini will sich diesem Spagat nicht aussetzen. Vor allem nicht im Hinblick auf den ADC-Kongress. Es gäbe genügend Veranstaltungen wie Dmexco, Online Marketing Rockstars & Co, wo über Bots, KI und Blockchain diskutiert werden. Der ADC sollte dem thematisch nicht nacheifern,, sondern vielmehr versuchen, sich klar davon abzugrenzen.

Wie genau das funktionieren könnte, beschreibt Paravicini in seiner selbst definierten "4K"-Programmatik: Kreative Kommunikation, Kultur und Kraft. Kreative Kommunikation bedeutet für ihn, dass der ADC eine eigene, differenzierte Stimme in der Branche braucht. "Und da wir von innen nach außen denken, müssen unsere Medien, Formate und Plattformen dieses Thema vor allen anderen stützen."

Kultur definiert wer dahingehend, dass der Kreativclub thematisch nicht nur von der Fachpresse gehört wird, sondern auch in den Feuilletons stattfindet. "Wir sind Kulturschaffende. Darum sollten wir mehr über Kultur und weniger über Marketing reden. Denn auch in Unternehmen gilt heute: ,Culture eats strategy for breakfast‘. Ich glaube, Kultur ist mehr denn je attraktiv für die Wirtschaft. Wenn wir den Beitrag hervorragender Kommunikation für unsere Gesellschaft und die Unternehmens- und Begegnungskultur in unserem Land immer wieder darstellen und dies zu unserem Thema machen, dann bewegen wir mehr, als wenn wir uns dafür rechtfertigen, dass Kreativität im Marketing besser funktioniert oder dass wir irgendeiner künstlichen Intelligenz überlegen sind."

Zudem appelliert Paravicini daran, Kräfte zu bündeln – einerseits, um das ADC-Festival zu einem "Must" für alle in der Branche zu machen, andererseits um die eigenen Formate und Plattformen so zu gestalten, dass sie wirtschaftlich erfolgreich und attraktiv für alle Partner des ADC sind. "Als nicht gewinnorientierte Organisation muss es unser Ziel sein, wirtschaftlich unabhängig zu bleiben und mit unseren Partnern und unserem Netzwerk unser Gedankengut optimal zu verbreiten."

Was Vogel rückblickend zu seiner Zeit als ADC-Präsident sagt, lesen Sie im Exklusivinterview auf HORIZONT+

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