Frauenförderung in der deutschen Agenturbranche

Die Zeit der Ausreden ist vorbei

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Mit dem Future Females Programm will der ADC weibliche Kreative fördern
© ADC / Artwork: Esra Gülmen
Mit dem Future Females Programm will der ADC weibliche Kreative fördern
Das Programm des Art Directors Club für Deutschland (ADC)  zur Förderung von weiblichen Kreativen könnte zur Bewegung für Gleichstellung und gegen Sexismus werden.
Für die deutsche Agenturbranche könnte das ADC Future Females Programm zu einem Katalysator für eine eigene Time’s-up-Bewegung werden – Time’s up ist das Schlagwort, unter dem sich Frauen vor allem in der Filmwirtschaft der USA seit fast vier Jahren gegen Diskriminierung von Frauen und sexuelle Belästigung in der Arbeitswelt wehren. Beim ersten, zweitägigen Workshop, den die Initiatorinnen des Programms, Dörte Spengler-Ahrens und Hannah Johnson, in der vergangenen Woche in Hamburg durchgeführt haben, hat sich einmal mehr gezeigt, dass es Anlass genug für eine solche Bewegung gibt.

28 junge Kreative hatten die Präsidentin des Art Directors Club für Deutschland (ADC) und die Creative Strategy Lead DACH bei Snap am vergangenen Freitag und Samstag nach Hamburg eingeladen – ausgewählt aus rund 80 Bewerberinnen, allesamt bereits in zumindest erster Führungsverantwortung, einige bereits mehrfach bei Kreativwettbewerben ausgezeichnet. Wären sie Männer, könnten sie sich ihrer Karriere sicher sein. So wie es offensichtlich noch immer in vielen deutschen Agenturen läuft, ist ihre Laufbahn alles andere als sicher.

ADC Future Females: Die Bilder aus dem Workshop


Neben einem Vortragsprogramm mit Stars wie Corinna Falusi, CCO bei Mother in New York, Dagmar Janke, Global Director Nivea Communication Transformation and Agency Management bei Beiersdorf, Brand-Eins-Gründerin Gabriele Fischer und BBH-CCO Rosie Arnold, bot der zweitägige Workshop viel Raum für Training mit den Coaches Eva Loschky und Inge Bell sowie für Networking. Der Austausch der Teilnehmerinnen bei beidem zeigt, dass es dringend nötig ist, am Umgang mit Frauen in Agenturen vieles zu verbessern.

Grenzüberschreitungen von männlichen Vorgesetzten bis hin zur sexuellen Belästigung und Diskriminierung sind offenbar in einigen Agenturen systemisch. Chefs, die grapschen, sind nur ein Beispiel, das genannt wurde. Üblich ist bei manchen Dienstleistern, die sich gerne als weltoffen und divers präsentieren, wohl auch, dass Männer ihre Kolleginnen in Meetings anders behandeln als die männlichen Teilnehmer, sie beispielsweise ausgrenzen und vorführen.

Und ja, es gibt die Kollegen und Chefs, die sich korrekt verhalten, die Frauen wie Männer gleichberechtigt fördern, die einschreiten, wenn es nötig ist. Das zu sagen, war vielen Teilnehmerinnen wichtig. Aber die Vielzahl der Beispiele, die unter anderem beim Training zum Thema Führung aufpoppten, belegen, wie stark verbreitet Diskriminierung und Belästigung in Agenturen sind. Nebenbei gesagt, sind sie nicht die ersten Beispiele, die bekannt geworden sind und teils für Schlagzeilen gesorgt haben, auch hier in HORIZONT.
Dörte Spengler-Ahrens, Jung von Matt
© Jung von Matt
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Geballte Frauenpower beim virtuellen ADC Festival: Gestern Nachmittag fand die Auftaktveranstaltung zum Female-Ledership-Programm ADC Future Females statt. ADC-Präsidentin Dörte Spengler-Ahrens und Hannah Johnson, die Initiatorin des Programms, begrüßten die beiden internationalen Top-Kreativen Rosie Arnold und Corinna Falusi, Beiersdorf-Managerin Dagmar Janke sowie Marketingexpertin Denise Mancinone von Snap.

Die Teilnehmerinnen des ADC Future Females Workshop zeigen, dass die Ausrede Quatsch ist, es gebe keine qualifizierten Frauen für Führungspositionen in Agenturen. Fakt ist, dass ähnlich viele Frauen wie Männer bei Agenturen einsteigen, sie aber schnell an der gläsernen Decke scheitern und Männer auf den Führungsebenen ab Creative Director weitgehend unter sich bleiben.

Die Teilnehmerinnen konnten aus dem Workshop Handwerkszeug etwa zum Thema Gehaltsverhandlung und Präsentation mit nach Hause nehmen. Ein Alumni-Netzwerk ist angedacht. Eine Linkedin-Gruppe bietet die Möglichkeit, sich auszutauschen. Das ADC Future Females Programm geht weiter.

"Das ADC Future Females Programm war mehr als eine Zusammenkunft, um erneut den Missstand von 12 Prozent Frauen in Führungspositionen der Kreativbranche zu beklagen. Sondern um ihn aktiv zu bekämpfen und um ganz konkret 28 Frauen zu empowern, ihren Weg zu machen oder ihnen bei ihren Problemstellungen in ihrer Situation als weibliche Führungskraft zu helfen", sagt Spengler-Ahrens. Ihr, Hannah Johnson und dem ADC-Team war es deshalb wichtig, echte Beratung anzubieten – "bewusst divergent: unterschiedliche Erfolgsstrategien von sehr unterschiedlichen Frauen aufzuzeigen, damit jede Teilnehmerin daraus ihre individuelle Form entwickeln kann".
„Das ADC Future Females Programm war mehr als eine Zusammenkunft, um erneut den Missstand von 12 Prozent Frauen in Führungspositionen der Kreativbranche zu beklagen. Sondern um ihn aktiv zu bekämpfen.“
Dörte Spengler-Ahrens
Unheimlich wertvoll sei auch die Offenheit und Authentizität gewesen, mit der auch problematische Themen besprochen wurden und – die daraus resultierende Solidarität. „Das Karrierecoaching, die Trainings, aber auch die Aufklärung über Themen wie manipulative patriarchalische Strategien haben vielen Teilnehmerinnen die Augen geöffnet und geholfen, ihnen mit Lösungen zu begegnen, um sie zu meistern“, so die ADC-Präsidentin.ems
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