"Adblockers"

Warum Berliner Künstler Werber zur Sabotage ihrer eigenen Arbeiten aufrufen

Das Küntlerkollektiv Peng! zeigt in dem Video zu seinem Sabotage-Aufruf auch, was es von Hornbachs Müffel-Spot hält
© Peng!
Das Küntlerkollektiv Peng! zeigt in dem Video zu seinem Sabotage-Aufruf auch, was es von Hornbachs Müffel-Spot hält
Ob der Rassismus-Shitstorm gegen Hornbach und seinen Müffel-Spot, die Sexismus-Debatte um die Fahrradhelm-Kampagne des Bundesverkehrsministeriums oder das jüngste Politikum um Boris Palmer, die Deutsche Bahn und das Thema der ethnischen Vielfalt in Deutschland: In den vergangenen Wochen wurde in der Öffentlichkeit so leidenschaftlich darüber diskutiert, was Werbung vermeintlich darf und was nicht, wie schon lange nicht mehr. Das Berliner Künstlerkollektiv Peng! nutzt dieses Momentum jetzt für eine ungewöhnliche Kampagne, die über Adbusting hinausgeht: Peng! ruft Werber nämlich dazu auf, ihre eigenen Aufträge zu sabotieren und ein Zeichen für mehr Ethik und Verantwortung in der Werbung setzen.
Wer regelmäßiger Nutzer von Facebook, Twitter und Instagram ist, der weiß: Die Frequenz von sogenannten Shitstorms in den sozialen Netzwerken hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Immer häufiger stehen dabei Werbungreibende im Kreuzfeuer der mal berechtigten, oft auch überzogenen Kritik. Die Vorwürfe reichen dabei von diskriminierender Bildsprache, über Greenwashing bis hin zum Vorwurf des Konsumismus, der wahrscheinlich so alt ist wie die Werbung selbst. Während sich bereits seit einigen Jahren ein paar Gruppen hierzulande organisieren, um mithilfe von Adbusting Werbeplakate zu verfremden, geht das Berliner Künstlerkollektiv Peng! jetzt einen anderen, in seiner möglichen Konsequenz noch drastischeren Weg.
Um eine kritische Auseinandersetzung mit der Rolle der Werbung in der Gesellschaft zu entfachen, hat Peng! die Leakingplattform AdBlockers.de ins Leben gerufen. Die Aktivisten fordern dort Menschen, die in der Werbeindustrie arbeiten, dazu auf, kritisch über ihre Arbeit zu reflektieren und über die Verantwortung ihrer Branche nachzudenken: "Während alle Welt über Fake News spricht, wird kaum über die Rolle der Werbeindustrie nachgedacht. Sie betreibt seit über 70 Jahren professionalisierte Manipulation und redet uns ein, nicht schlank, reich oder gut genug zu sein", sagt Jona Ziegler, Pressesprecherin der Kampagne. "Fernab aktueller Debatten über Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Geschlechterrollen bedient sich Werbung noch immer stereotypisierter Rollenbilder und stärkt die Wegwerfgesellschaft." Im Kampagnenvideo (siehe oben) zitiert Peng! dazu sogar die Kampagnen von Hornbach und dem Bundesverkehrsministerium, die zuletzt für große Diskussionen sorgten.


Aber das Kollektiv will nicht nur für diese vermeintlichen Missstände sensibilisieren, sondern bietet den Werbern auch die Möglichkeit, aktiv ein Zeichen zu setzen. Über das Leaking-Tool können die Nutzer sicher und anonym vertrauliche Unterlagen zu geplanten Kampagnen hochladen, an denen sie ethische oder moralische Zweifel haben. Diese werden dann an Adbusting-Gruppen weitergegeben, die - sofern die geleakten Informationen echt und politisch relevant sind - mit den Informationen zu Kunde, Kampagnenstart, Bildmotiv und Texten maßgeschneiderte Gegenkampagnen entwerfen. Sobald die Originalkampagne veröffentlicht ist, will Peng! mit den Gegenkampagnen nachziehen und so direkt sexistischen, rassistischen oder ethisch zweifelhaften Kampagnen den Kampf ansagen.

Laut eigenen Aussagen konnte das Kollektiv schon einige WerberInnen gewinnen, die auf Peng! zugegangen sind und die "AdBlockers"-Kampagne zumindest als verdeckte Sympathisanten unterstützen. Die entscheidende Frage ist, wie viele Mitarbeiter von Werbungtreibenden und Agenturen sich tatsächlich zum Leaken von vertraulichem Material entschließen werden. Denn immerhin geht mit dem Weitergeben von geheimen Informationen die große Gefahr einher, aufzufliegen. Erst recht, wenn man in kleinen Gruppen an einem Projekt arbeitet. Zum Nachdenken über einen möglichen Werteverfall in der Werbung dürfte die offensive Kampagne von Peng! aber in jedem Fall anregen. tt
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