Gleichstellung

Warum Werbefilmproduktionen weiter sind als der Rest der Branche

Kleine Auswahl der vielen Frauen, die in deutschen Werbefilmfirmen das Sagen haben (von oben links nach unten rechts): Stefanie Ortmann, Claudia Mina, Christiane Dressler, Christine-Marie Gardeweg, Barbara Kranz, Anja Raiser, Anke Olesch, Vera Portz
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Kleine Auswahl der vielen Frauen, die in deutschen Werbefilmfirmen das Sagen haben (von oben links nach unten rechts): Stefanie Ortmann, Claudia Mina, Christiane Dressler, Christine-Marie Gardeweg, Barbara Kranz, Anja Raiser, Anke Olesch, Vera Portz
Ob Gender Pay Gap, Mentoring-Programme, Quoteninitiativen: Das Thema Gleichstellung ist in den vergangenen Jahren zu einem der Top-Themen der Werbebranche avanciert. Jüngere Studien zeigen, wie eklatant die Unterschiede immer noch sind. Laut der im Oktober 2017 vom Gesamtverband Kommunikationsagenturen GWA veröffentlichten Human-Resources-Studie schaffen es gerade mal 2 Prozent aller weiblichen Mitarbeiter in den GWA-Agenturen bis ins General Management.

Während sich derzeit viele Agenturen auf die Fahnen schreiben, dass sie dieses Ungleichgewicht beheben wollen, gibt es eine verwandte Branche, die diesbezüglich schon deutlich weiter ist. Bei knapp der Hälfte aller Unternehmen in den Top 30 der größten deutschen Werbefilmproduktionen arbeitet mindestens eine Frau im General Management – viele von ihnen sind sogar die Gründerinnen der jeweiligen Firmen. Auch jenseits des Rankings bestätigt sich dieses Bild bei dieser speziellen Berufsgruppe.

Erfolgreiche Produzentinnen (von oben links nach unten rechts): Katrin Weber, Stefanie Ortmann, Claudia Mina, Christiane Dressler, Christine-Marie Gardeweg, Andrea Roman-Perse, Barbara Kranz, Anja Raiser, Anke Olesch, Vera Portz
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Erfolgreiche Produzentinnen (von oben links nach unten rechts): Katrin Weber, Stefanie Ortmann, Claudia Mina, Christiane Dressler, Christine-Marie Gardeweg, Andrea Roman-Perse, Barbara Kranz, Anja Raiser, Anke Olesch, Vera Portz
Die deutschen Werbefilmproduzentinnen waren selbst erstaunt, als sie mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass in ihrer Branche überdurchschnittlich viele Frauen in Führungspositionen tätig sind. „Es wäre wirklich schön, wenn es so wäre“, sagt Barbara Kranz von Bubbles Film. Es ist tatsächlich so!


Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen ist der Weg an die Spitze in diesen vergleichsweise kleinen Unternehmen nicht so lang wie in großen Agenturen oder gar Konzernen. Dadurch geht es oft weniger politisch zu. „Dank der schlankeren Strukturen haben es Frauen in diesem Business leichter, eine Führungsposition zu übernehmen“, glaubt Vera Portz, Geschäftsführerin von Tempomedia. „Hier kommt es weniger auf das richtige Netzwerk an, sondern darauf, dass du deinen Job gut machst“, ergänzt Christiane Dressler von Anorak Film.

Branchenkollegin Andrea Roman-Perse von Bigfish unterstreicht diese Aussage: „Es ist klarer nur nach Leistung orientiert, da nur diejenigen wiedergebucht werden, die gut sind.“ Hart, aber ehrlich – so funktioniere dieser Job, der überdies einiges an weiblichen Fähigkeiten abverlange: Multitasking, Teamfähigkeit und Stressresistenz seien hier extrem gefragt. Man stehe selbst nicht im Mittelpunkt, sondern das Projekt, der Regisseur, die Agentur, der Kunde und das Budget. Wer allzu eitel ist, könne diesen Job nicht machen. Oder wie es Tony Petersen, Sprecher der Sektion Werbung in der Produzentenallianz, auf den Punkt bringt: „Der Beruf ist nichts für Kerle mit dicken Eiern.“
Bei Werbefilmproduktionen sind überdurchschnittlich viele Frauen im Top-Management vertreten
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Bei Werbefilmproduktionen sind überdurchschnittlich viele Frauen im Top-Management vertreten
Abgesehen davon haben sich auf diesem Gebiet auch die Ausbildung und somit die Chancen für den Berufseinsteig verbessert. Stefanie Ortmann, Inhaberin von 539090, erklärt: „Früher konnte man nur als Quereinsteiger oder über ein Film-Studium zum Werbefilm kommen und musste sich dann mühsam bis zum Produzentenjob hocharbeiten. Heute bietet die Ausbildung zum Kaufmann/Kauffrau für audiovisuelle Medien die Möglichkeit, den Beruf Producer an der Medienschule oder anderen Privatuniversitäten und Akademien zu erlernen, sodass man gleich eine Stufe höher einsteigen kann.“ Und da ein Producer beziehungsweise eine Producerin ohnehin schon federführend alle Fäden und Abläufe des Drehs in der Hand hält und eigenverantwortlich während der Projektabwicklung arbeitet, sei der Schritt zur Führungsebene nicht weit entfernt.


Obwohl nur wenige Produzentinnen Teilzeit arbeiten und oft tagelang auf Drehs im Ausland unterwegs sind, schaffen es in diesem Bereich überproportional viele Frauen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. „In diesem Job gehört Organisation zum Tagesgeschäft. Planung ist alles. Das spielt uns dann auch bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in die Karten“, sagt Anja Raiser von Schokolade. Christiane Dressler fügt hinzu: „Ich glaube, das Timing spielt uns in die Karten. Viele Frauen in der Branche waren bereits in einer Führungsposition, als der Kinderwunsch kam. Aus dieser Position heraus hat man einfach mehr Möglichkeiten, was die Organisation der Kinderbetreuung anbelangt, wie auch etwas individuellere Arbeitsmodelle.“

Teilzeit sei dabei aber nicht unbedingt eine Option, so Dressler. Katrin Weber sieht das anders. Die junge Mutter wurde bei Fox Devil Films gerade in die Geschäftsleitung befördert. Trotz Teilzeitjob. Das sei durchaus auch in leitenden Funktionen möglich, wenn die Beteiligten offen dafür sind. „Wir haben dazu innerhalb des Verbands eine Initiative gegründet, die sich mit diesem Thema befasst.“

Ob Vollzeit oder Teilzeit, was die Powerfrauen der Branche eint, ist ihre Leidenschaft für den Job. Dabei machen die Frauen dieser Zunft in der Regel kein großes Aufheben um sich, sondern gehen einfach ihren Weg. Sie sind Macherinnen. Oder wie es Anke Olesch von E+P Films formuliert: „Während Männer noch diskutieren, haben Frauen in der Regel schon drei Dinge erledigt.“ Bei ihnen laufen am Set die Fäden zusammen, sie kümmern sich darum, dass die Kunden glücklich sind und alles reibungslos läuft – „bemuttern“ nennt es Claudia Mina von Pirates ’n Paradise. Das klingt arg nach Klischee. Anderseits ist dieses Wort aber auch sehr treffend. Denn wofür steht „bemuttern“ in diesem Fall? Für Organisationstalent, Multitasking- und Leistungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Belastbarkeit. Alles Top-Eigenschaften für Top-Manager(innen). bu

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