Porträt Andrea Albrecht

Mutig sein - Mut fördern

Andrea Albrecht, Leo Burnett
© Mara Monetti
Andrea Albrecht, Leo Burnett
Andrea Albrecht ist CEO bei Leo Burnett Deutschland - seit kurzem ist sie zudem dafür zuständig, das Frankfurter Büro von Netzwerkschwester Publicis Pixelpark mit der ortsansigen Niederlassung von Leo Burnett zu verschmelzen. Wie sie auch diese Herausforderung meistert, was sie als Führungspersönlichkeit ausmacht und wie sie den Alltag als Agenturchefin und Mutter meistert, ist hier nachzulesen.

 Köpfe, lauter Köpfe. Mehr ist nicht zu sehen. Der Blick von der Croisette versinkt in einer wogenden Menge, hinter der das Azurblau des Mittelmeers mit dem rosa-orangen Pastell des Sonnenuntergangs verschmilzt. Die Einlasskontrolle vor der Treppe nach unten zum Rado Beach ist streng. Sie soll davor schützen, den Strand mit zu vielen Menschen zu fluten, den Weischer Media für die alljährliche Party der deutschen Delegation bei den Cannes Lions gemietet hat. Das passende Bändchen am Arm, unten ist noch Platz: Also ab in die Fluten, hinein ins Bad in der Menge.

 

Klassentreffen. Mann und Frau kennen sich, die meisten sind seit Jahren Teil der Branche und des Award-Zirkus, der im Juni an der Côte d’Azur gastiert. Von der Theke an der Mauer, die die Straßenebene von der des Strandes trennt, bis zum Wasser sind nur zwanzig Schritte zu gehen – der Weg dauert dennoch gefühlt ewig. „Wie war die Anreise?“, „Wo seid ihr untergebracht?“, „Ob der Löwe für den Fake zurückgezogen wird?“, „Gratulation!“ – typische Gesprächsfetzen in der Cannes-Woche.

 

Dann, ein strahlendes Lächeln, entspannt, warm. Andrea Albrecht hat sich einen günstigen Platz gesucht. In der Mitte des Strandes ist es ein wenig wie im Auge des Sturms: die meisten Besucher des German Beach ziehen ihre Kreise um das Fleckchen Sand, auf dem sie ruhig steht. Dass sie genau dort plaudert, passt. Wohl zufällig gewählt, gehört ihre Positionierung dennoch zu ihrer Persönlichkeit wie ihr Lächeln. Die Fähigkeit, stürmischen Zeiten und Veränderungen äußerlich gelassen, aber entschieden und dennoch menschlich zu begegnen, ist eine der wichtigsten Eigenschaften, die die 46-Jährige nicht nur für ihren Job als CEO der rund 300 Mitarbeiter starken Werbeagenturgruppe mitbringt. Diese Fähigkeit ist auch ganz bestimmt eine Eigenschaft, die ihr auf den Chefsessel geholfen hat, in „einer der chauvinistischsten Branchen, die es gibt“ – so die Einordnung eines männlichen Agenturchefs, der das am liebsten nicht gesagt haben will, wohl weil er von Kollegen so viel Schelte für diesen Satz in einem Interview mit Horizont bekommen hat.

Andrea Albrecht, Leo Burnett
© Mara Monetti
Andrea Albrecht, Leo Burnett

 

„Andrea ist ein Mensch mit Meinung, der diese nicht nur gerne sagt, sondern auch gerne durchsetzt. So gesehen eine geborene Chefin. Aber sie ist auch ein Mensch, dem die Meinung anderer wichtig ist“, sagt Andreas Pauli, Kreativchef und langjähriger Weggefährte bei Leo Burnett. Gemeinsam führen sie die Agentur seit sieben Jahren. Gemeinsam haben sie sie wirtschaftlich und kreativ wieder in die Spur gebracht. Pauli gehörte zu denen, die der Meinung waren, sie sei die Richtige, als es darum ging, den Chefsessel zu besetzen. Das hat er nicht nur Andrea Albrecht gesagt, sondern auch auf europäischer Ebene im Netzwerk kommuniziert. „Dann sind die Herren zu mir gekommen und haben mich gefragt, ob ich den Job machen möchte“, erzählt Andrea Albrecht mit breitem Grinsen, das in ein tiefes Lachen übergeht: Eigentlich sei es dann gar keine richtige Entscheidung mehr von ihr gewesen. „Ich war erst ein bisschen schockiert und zurückhaltend. Aber ich habe mich entschieden, den Posten anzunehmen“, kommt nach dem Lachen deutlich leiser und ernst.

 

Es ist diese Mischung aus Förderung, meistens von männlichen Vorgesetzten (was nicht verwundert, schließlich gibt es deutlich weniger Managerinnen als Manager in Agenturen), Überraschungsmomenten und ihrem Selbstbewusstsein, die die Karriere von Andrea Albrecht prägt. Unerschrocken und im richtigen Moment mutig müsse jeder sein, der im Beruf weiterkommen wolle, glaubt sie. Den Rückhalt, dass ein solches Verhalten nicht nur okay, sondern richtig ist, habe sie schon in ihrer Familie und im Freundeskreis während des Studiums erfahren. „Es ist wichtig, im Umgang mit anderen darauf zu achten, dass wir ihnen den Rückhalt geben, auch mal mutig zu sein“, sagt die Managerin heute. Schon bei kleinen Kindern sei das elementar. Eltern und Lehrer sollten dabei möglichst Stereotype vermeiden, fügt sie wohl auch mit Blick auf den eigenen, noch nicht zweijährigen Sohn, aber auch auf Mädchen und die eigene Karriere an: „In der Schule bekommen Mädchen Fleißkärtchen, Jungs dagegen Bestätigung für rüdes Verhalten, wenn sie auf dem Schulhof anderen zeigen, wer der Stärkere ist. Diese Stereotypen setzen sich im Berufsleben fort, wo Alpha-Männer für ihre Meinung als starke Persönlichkeit gefeiert und Frauen in der gleichen Situation als Zicke abgestempelt werden.“

 

Für die Hobby-Golferin ist es glücklicherweise anders gelaufen: Bereits zu Beginn ihrer Karriere prophezeite ihr eine Agenturmanagerin bei Young & Rubicam, ihrer zweiten Agenturstation nach Damm, sie werde einmal eine der ersten weiblichen CEOs in einer großen Agentur werden, erzählt Andrea Albrecht – obschon inzwischen Realität, klingt sie auch heute noch ein wenig ungläubig, als sie das erzählt. Nach ihrem Einstieg bei Leo Burnett 2005 kommt nach kurzer Zeit das Angebot, ins Hauptquartier nach Chicago in die USA zu wechseln, als einzige Ausländerin in ein rein amerikanisches Team. Von außen betrachtet, meistert sie auch diese überraschend an sie herangetragene Aufgabe.

 

Einfach sei es aber auch für sie nicht immer gewesen, betont sie. Gerade Chicago. Monatelang nur der Job – schließlich ist sie fremd in dem Land, in der Stadt, im Headquarter von Leo Burnett. Die Frage, warum sie in das Team gepflanzt wurde, schwingt während der Arbeitstage mit. „Ich musste auch manchmal durchhalten. Das gehört aber dazu, auch wenn es hart ist“, sagt sie. Drei, vier harte Monate. Dann die ersten freundlichen Einladungen, schmunzelt Andrea Albrecht rückblickend entspannt. Das kann sie auch, schließlich ging es seitdem bergauf bei Leo Burnett: Zurück nach Deutschland, immer mehr Verantwortung, die in den Job als Managing Director mündet, als Leo Burnett in einer schwierigen Phase steckt. Vor einem Jahr dann der CEO-Posten. Und jetzt wieder ein Umbau: In den kommenden Monaten gilt es, die Frankfurter Netzwerkschwester Publicis Pixelpark mit Leo Burnett zu verschmelzen.

Andrea Albrecht, Leo Burnett
© Mara Monetti
Andrea Albrecht, Leo Burnett

 

Wie sie die Karriere nun mit Kind meistert? „Mit Grundvertrauen, dass es gut geht, einem perfekten System und einem Partner, der alles mitträgt“, sagt Andrea Albrecht. Was sie mit Grundvertrauen meint, zeigt das Thema Kinderfrau, das sie erst in Angriff nimmt, als das Kind auf der Welt ist – und das in einer Stadt, die Eltern wegen der Knappheit an Betreuungsplätzen in die Verzweiflung treiben kann.

 

Ihren Mitarbeiterinnen bietet die Chefin so viel Unterstützung wie möglich an, wenn sie nach der Elternzeit in den Job zurückkehren wollen. „Wir suchen dann gemeinsam nach individuellen Lösungen“, berichtet sie. Das gehöre bei Leo Burnett zum Alltag genau wie gemischte Teams und Auswahlverfahren, die zu rund 40 Prozent Frauen in Führungsposition geführt haben. Trotz ihres perfekt funktionierenden Systems und der Agenturkultur weiß Andrea Albrecht aber auch, dass der Schritt zurück nicht jeder leicht fällt. Sie selbst ist, seit sie Mutter ist, noch organisierter und setzt noch stärker Prioritäten. Eine davon ist das Werbefestival in Cannes, auf das sie sich dann ganz entspannt einlassen kann, trotz allen Trubels. Eva-Maria Schmidt




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