"Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?"

Warum Timo Blunck sein wildes Werberleben in einem Roman aufbereitet

Der Werbekomponist Timo Blunck hat sein bewegtes Leben aufgeschrieben
© Timo Blunck
Der Werbekomponist Timo Blunck hat sein bewegtes Leben aufgeschrieben
Eigentlich sollte es ein Solo-Album werden, das Werbekomponist Timo Blunck herausbringen wollte. Zwölf Songs hatte er im Sinn, die ohne einen Darmverschluss, bei dem er fast gestorben wäre, wahrscheinlich nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hätten. In der Zwangspause nach der Operation begann er mit dem Schreiben und merkte bald, dass sich so viel in ihm aufgestaut hatte, dass zwölf Songs nicht reichten. Also schrieb er ein Buch - zusätzlich zu dem Album.
Zwölf Kapitel, zwölf Songs, ein ganzes Leben. Sein Leben. Zumindest zu 80 Prozent. Der Rest ist "höchstens verdichtet", so Blunck. "Teilweise sind Situationen, die an drei verschiedenen Tagen stattfanden, zusammengelegt oder zwei Personen zu einer kombiniert." So wie Herschel Chaimowicz oder Coresh, die auf je zwei echten Persönlichkeiten aus der Werbeindustrie basieren, die Blunck zu einer gemacht hat. Generell verwendet er viele Pseudonyme, die allerdings relativ leicht zu dechiffrieren sind. Er selbst nennt sich T-Bone Schröder, sein böser Zwilling, der ihn immer wieder zu Drogen- und Sex-Exzessen verleitet, heißt Knirpsi. Seiner Band hat der Bassist den Namen Villa Hammerschmidt verpasst. Wer Bluncks Vita kennt, dem fällt die Analogie zu Palais Schaumburg auf, mit der er in den 80er Jahren internationale Erfolge feierte.
Bluncks Buch, erschienen bei Heyne, ist ein Seelenstriptease der besonderen Art. Der 55-Jährige lässt in jeder Hinsicht die Hosen runter. Kapitelbezeichnungen wie "Koks und Nutten" oder das titelgebende "Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern?" sagen alles. Spannend ist dabei sein Spagat zwischen Kunst und Kommerz, der sich wie ein roter Faden durch sein Leben zieht. Die taz schreibt, er sei ein unglaublicher Hybrid. Einerseits Mitglied im Art Directors Club, andererseits Bassist der einflussreichen Neue-Deutsche-Welle-Band Palais Schaumburg. Im März und April tourt auf er auf einer musikalischen Lesereise durch Deutschland, die nur unterbrochen wird von seiner Jurytätigkeit beim ADC-Wettbewerb, wo er in der Kategorie Musik und Sound mit dabei ist. Zu diesem Anlass darf natürlich auch die ADC-Party nicht fehlen, die seine Firma Blut veranstaltet, seit das ADC-Festival in Hamburg gastiert.


In seinem Buch war es sein böser Zwilling Knirpsi, der ihm dazu geraten hat, sein Künstlerdasein an den Nagel zu hängen, um nur noch Auftragsmusik zu machen. Das Kapitel "Erbsenseele" erzählt von T-Bones Sinnkrise, weil die Musik, die er komponiert und spielt, zunehmend kommerziell ist und nichts mehr mit der Kunst zu tun hat, die er ursprünglich machen wollte. Daraufhin rät ihm Knirpsi: "Schätzchen, an deiner Stelle würde ich mir eine ganz andere Frage stellen. Nicht, wie ich wieder Kunst statt Kommerz machen kann, sondern wie ich diesen ganzen Diskurs einfach aushebele, indem ich nur noch Kommerz mache. Verdammt, scheiß auf Popstar, du bist immer das Produkt, und das Produkt kommt höchstens einmal im Jahr raus. Vergiss die Bühne, den ganzen Zirkus, du wirst sowieso zu alt, geh gleich in die Werbung. (…) Werbung ist cool, Werber heucheln nicht. Künstler verkaufen sich selbst, wie gesagt, sind Produkt, das ist so viel unsympathischer als Werber, die verkaufen tatsächlich Produkte. Süßer, Werber haben Integrität, weil sie nicht so tun, als hätten sie Integrität."
"Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern" ist bei der Verlagsgruppe Random House Bertelsmann erschienen
© Bertelsmann
"Hatten wir nicht mal Sex in den 80ern" ist bei der Verlagsgruppe Random House Bertelsmann erschienen
Und so kam es, dass T-Bone Schröder 1989 seine Popstar-Karriere an den Nagel hängt, um Auftragskomponist zu werden. Im wahren Leben gründete Blunck erst 1994 seine Produktionsfirma Bluwi, die 2015 aufgelöst beziehungsweise teilweise in sein heutiges Unternehmen Blut übergegangen ist. So ganz nach Knirpsis Vorstellungen verlief das kommerzielle Leben übrigens weder im Buch noch in der Realität, denn sowohl T-Bone als auch Blunck kehrten dem Künstlerleben nie vollständig den Rücken. Blunck stand immer wieder mit seiner zweiten Band Die Zimmermänner auf der Bühne, produzierte bereits 1992 ein Solo-Album und war 2011 beim Revival von Palais Schaumburg mit dabei. Einmal Hybrid, immer Hybrid. Mit dem Schreiben hat er seinem bunten Leben eine weitere Facette hinzufügt. Die Zeit dafür nahm er sich morgens zwischen fünf und neun Uhr vor seinem Brot-und-Butter-Job bei Blut.

Ein solches Pensum klingt nicht nach Sex, Drugs und Rock’n’Roll, sondern nach eiserner Disziplin. Aber die wilden 80er und 90er Jahre liegen ja auch schon eine Weile zurück. Blunck hat seinen Roman in nur vier Monaten fertig geschrieben. Danach folgten anderthalb Jahre Redaktion und Lektorat sowie die Erkenntnis: "Ein Buch ist eine schwere Geburt." Trotzdem hat er Blut geleckt und will weiterschreiben. Sein zweites Werk, eine Science-Fiction-Satire, ist sogar schon fertig, das dritte in Planung. Es soll ein utopischer Historien-Roman werden.


Fast ist es schade, dass Werbung in seinen künftigen Büchern keine Rolle mehr spielen wird. Schließlich sind seine Anekdoten aus der Branche durchaus amüsant, auch wenn er zuweilen viele Kischees bedient. Aber Blunck nimmt man sogar ab, dass er diese Klischees wirklich gelebt hat. Zum Arbeiten zu den Cannes Lions? Sicher nicht. Für ihn standen dort ganz andere Sachen auf dem Programm. Seine Meinung über die Branche? Die sieht so aus: "Werbung ist keineswegs ein Auffangbecken für gescheiterte Künstler. Im Gegenteil. Kunst das Auffangbecken für gescheiterte Künstler. Werber sind Künstler, die sich um ihre Kinder kümmern." Und davon hat Blunck gleich drei – alle inzwischen erwachsene Männer. Das ist wahrscheinlich auch gut so, zumindest falls sie vorhaben, die 80-Prozent-Autobiografie ihres Vaters zu lesen. Die ist zwar wirklich lesenswert, aber alles andere als jugendfrei. bu
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