Special

Florian Weischer ist seit 21 Jahren offizieller deutscher Repräsentant der Cannes Lions
Alexander von Spreti
Florian Weischer zu den Cannes Lions

"Es wird kaum Phasen zum Durchatmen geben"

Florian Weischer ist seit 21 Jahren offizieller deutscher Repräsentant der Cannes Lions
Er kennt die Cannes Lions wie kaum ein anderer deutscher Top-Manager: Florian Weischer, persönlich haftender Gesellschafter von Weischer Media, ist seit 21 Jahren Repräsentant des weltweit größten Kreativfestivals. Im Exklusiv-Interview spricht er darüber, was beim Relaunch des Festivals womöglich zu kurz gekommen ist, welchen Einfluss er inzwischen auf Cannes-Festivalbesitzer Ascential hat und welche langfristige Strategie die Lions fahren sollten, um weiterhin erfolgreich zu sein.
von Bärbel Unckrich Donnerstag, 14. Juni 2018
Alle Artikel dieses Specials
X

Die "neuen" Cannes Lions stehen vor der Tür. Wird sich das Festival anders anfühlen als zuletzt? Ich denke ja, allein schon dadurch, dass es knapper und kompakter ist. Das wird sich positiv auswirken. Meine einzige negative Befürchtung: Es wird kaum Phasen zum Durchatmen geben, weil der Termindruck enorm hoch ist. Ich selbst musste schon die Schriftgröße in meinem Outlook-Kalender verkleinern, um alles reinzubekommen.



Sie haben sich unmittelbar nach der Bekanntgabe der neuen Struktur als großer Befürworter geoutet. Hält die Begeisterung noch an? Ich denke schon, dass die neue Matrix mit den neun Kernthemen mehr Struktur und Halt gibt. Für die Festivalorganisation war es ein Riesenschritt nach vorn. Man muss sich auch fragen, was wäre die Alternative gewesen? Weiterhin für jeden neuen Themenbereich einen eigenen Festival-Satelliten zu bauen, wie es bei Health, Innovation und Entertainment der Fall gewesen ist? Ganz ehrlich: Das wäre eine echte Vergewaltigung der Idee der Cannes Lions gewesen!

Trotzdem: Viele Kreative fühlen sich in Cannes nicht mehr wirklich zu Haus, weil ihnen die ursprüngliche Idee der Cannes Lions, nämlich Inspiration, Ideen und das größte Klassentreffen der weltweiten Kreativelite, zu kurz kommt. Können Sie das nachvollziehen? Die Cannes Lions haben sich gewandelt, ja. Aber eben nur in dem Maße wie sich die gesamte Kommunikationswelt verändert hat. Alles, was unsere Arbeitswelt prägt, findet man auch hier in Cannes. Darüber hinaus bieten die Lions der Branche immer noch diesen einmaligen Platz, wo alle zusammenkommen. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt.


Dafür verlangen die Organisatoren auch einen hohen Preis. Zu hoch, finden inzwischen immer mehr Kreative. Hinter den Lions steckt ein börsennotiertes Unternehmen. Jeder Vorstand, der dort antritt und sagt: Wir verschenken was, wird es schwer haben.

„Die Lions bieten der Branche immer noch diesen einmaligen Platz, wo alle zusammenkommen. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Welt.“
Florian Weischer
Es geht ja nicht ums Verschenken, sondern darum, dass den Organisatoren immer neue Methoden einfallen, um Geld zu verdienen. Am absurdesten: Der 2017 eingeführte Networking-Pass, der notwendig ist, um sich an bestimmten Orten mit Marktpartnern zu verabreden. OK, mit diesem Networking-Pass kann ich auch nichts anfangen. Das ist eine Krücke für etwas, was strukturell schon immer vorhanden war. Die Leute nutzen die Cannes Lions zum Networking. Ob mit oder ohne Festivalpass. Man sollte kein Geld dafür nehmen, um Plätze für Begegnungen schaffen.

Solche Maßnahmen zeigen nur allzu deutlich den Charakter der Festivalorganisation, die auf maximalen Profit ausgerichtet ist. Ich finde diese Entwicklungen auch nicht alle gut und glaube, dass der Veranstalter sich stärker an das Versprechen halten müsste, tatsächlich einen Mehrwert für die Branche zu liefern. Wenn ich für jeden Mehrwert sofort das Äquivalent in Geld verlange, ist es kein echter Mehrwert mehr. Mir gefällt es auch nicht, dass die Junioren-Freipässe für die Agenturen an deren Anzahl von Einsendungen gekoppelt ist. Es wäre ein tolles Signal, wenn mehr junge Menschen die Möglichkeit hätten, an dem Event teilzunehmen. Schließlich ist Cannes immer noch das Maß aller Dinge und bietet eine einzigartige Plattform, sich weiterzubilden und zu vernetzen. Wir bieten unseren Kunden vor Ort auch einen zusätzlichen Mehrwert – mit unserem Kindenprogramm, welches einmalige Vorträge und Orientierung gibt– unentgeltlich.

„Es wäre ein tolles Signal, wenn mehr junge Menschen die Möglichkeit hätten, an dem Event teilzunehmen. “
Florian Weischer
Angenommen, Sie könnten eine Sache an den Cannes Lions maßgeblich verändern. Was wäre das? Weischer trägt als Festivalrepräsentant täglich zu Veränderungen bei. Aber das tun wir leise und wollen auch nicht, dass dies in der Öffentlichkeit ausgetragen wird – dadurch würde vieles nicht besser werden. Ich denke schon, dass ich einen guten Zugang zu den Entscheidern in London habe und diesen auch gelegentlich nutzen kann. Einen Punkt gibt es schon, den man verbessern könnte: Eine gute langfristige Strategie muss berücksichtigen, wie man den Goodwill in der weltweiten Community aufbaut und erhält. Das sollte ein strategischer Eckpfeiler für die Ausrichtung des Festivals in den nächsten Jahren sein.

Beim Aufbau von Goodwill in der Szene engagieren sich die Non-Profit-Organisationen ADC, D&AD und One Show deutlich stärker. Selbst das London International Festival, das keine NGO ist, gibt der Branche mit seinem Nachwuchsevent etwas zurück. Es geht nicht darum, dass Cannes zur Wohltätigkeitsorganisation werden soll. Das wird nicht passieren und es ist auch Quatsch, ein börsennotiertes Unternehmen mit einer NGO zu vergleichen. Mir geht es eher darum, dass die Lions eine Balance finden zwischen dem, was sie verlangen und dem, was sie zurückgeben. Ich sage den Organisatoren in London immer: Unterschätzt nicht die Kräfte, die aus dem Markt kommen können, wenn sich die Leute veräppelt vorkommen.

Sie wollen Cannes zwar nicht mit den gemeinnützigen Kreativclubs und deren Wettbewerben und Events vergleichen, dennoch ist und bleibt es Konkurrenz. Der D&AD hat sich gerade mit der Guardian Media Group zusammengetan, um ein neues globales Festival zu launchen. Das kann Ascential doch nicht egal sein? Bisher ist das ja nur eine Ankündigung. Insofern sehen wir das recht entspannt. Der Guardian war übrigens auch mal Gesellschafter beim früheren Cannes-Lions-Besitzer Emap. Insofern wissen die natürlich, dass ein Kreativfestival sowohl kommunikativ als auch wirtschaftlich interessant sein kann. Ob das reicht, um das Festivalbusiness zu revolutionieren? Abwarten! Als echte Bedrohung sehe ich es nicht. Wenn überhaupt jemand die Nummer 1 in diesem Markt ins Wanken bringen kann, dann nur die Nummer 1 selbst. Aber wenn sich die Cannes-Leute ihr Geschäft weiterhin gut betreiben, werden sie ihre Position halten können.

Um noch einmal auf Ihren Einfluss auf die Festivalorganisation zurückzukommen: Wie hoch ist dieser bei der Vergabe der deutschen Juryplätze? An der diesjährigen Zusammensetzung gab es durchaus auch Kritik. Tatsächlich hatten wir nicht immer ganz den Einfluss, den wir uns immer wünschen würden. Aber wo ist das so? Schuld daran ist nicht zuletzt die Revolte der Networkagenturen, die wir voriges Jahr erlebt haben. Die Holdings, allen voran WPP, haben bekanntlich ordentlich Druck ausgeübt. Dadurch hat sich ihr Einfluss auf die Vergabe der Juryplätze erhöht. Ich bin damit nicht ganz glücklich. Wir haben zunehmend Probleme, Top-Talente aus inhabergeführten Agenturen zu platzieren und müssen hinnehmen, dass teilweise von einem Network-Headquarter in New York entschieden wird, von welcher Niederlassung Kreative in die Jury dürfen. Da werden dann mitunter reine Proporz-Entscheidungen getroffen. Ich finde das schade, weil wir uns bei Weischer schon sehr viele Gedanken über unsere Jury-Empfehlungen machen - auch, um dem Wettbewerb damit einen modernen und kreativen Impetus zu geben. Letztlich finde ich die diesjährige Juryzusammensetzung aber durchaus gut!

„Wir haben zunehmend Probleme, Top-Talente aus inhabergeführten Agenturen zu platzieren und müssen hinnehmen, dass teilweise von einem Network-Headquarter in New York entschieden wird, von welcher Niederlassung Kreative in die Jury dürfen.“
Florian Weischer
Nicht nur die mitunter sehr großen Jurys, sondern auch die Gesamtzahl der verliehenen Löwen war zuletzt Anlass für Kritik. Das führt zu der alles entscheidenden Frage: Was ist ein Löwe heute überhaupt noch wert? Es sind nach wie vor gerade mal 3 Prozent aller Einsendungen, die einen Löwen gewinnen. Diese Quote ist schon ganz okay. Wer sich ernsthaft fragt, was der größte Wert in der Vita eines Kreativen ist, dann kommt an erster Stelle der Juryplatz bei den Cannes Lions, dicht gefolgt vom Löwen. Er signalisiert immer noch, dass hier jemand in einer ganz besonderen kreativen Liga mitspielt.

Trotzdem grenzt es an Inflation, wenn eine Arbeit 25 Löwen gewinnt. Dieses Jahr dürfen nur noch sechs Hauptkategorien, dafür aber weiterhin beliebig viele Unterkategorien beschickt werden. Glauben Sie, das führt insgesamt dazu, dass endlich wieder weniger Edelmetall vergeben wird? Die Deckelung wird wohl nicht zu einem dramatischen Rückgang an Einsendungen führen. Ich glaube aber dennoch, dass die Jury aufgrund der Reform ein bisschen härter an die Arbeiten rangehen wird als zuletzt. Das wäre zumindest das richtige Signal. So sehr ich jedem einen Löwengewinn gönne, es ist wichtig, die Messlatte für Qualität hoch zu halten! bu

stats