Adbuster

Warum Vermibus für die verstörende Verfremdung von Plakaten gefeiert wird

Vermibus ist ein Adbuster - das heißt, der verfremdet Mode- und Beautyplakate
© Mark Rigney
Vermibus ist ein Adbuster - das heißt, der verfremdet Mode- und Beautyplakate
Mit seinem ungewöhnlichen Feldzug gegen sinnlosen Konsum hat sich Vermibus längst einen Namen in der internationalen Kunstszene gemacht. Bei der 13. See Conference von Scholz & Volkmer tritt er am 22. April vor die Öffentlichkeit und verrät, weshalb sich sein Tun als Künstler vor allem gegen die Werbung richtet. Ob er zu diesem Anlass das Geheimnis seiner Identität lüftet und ohne Maskerade auftritt, wollte er im Vorfeld noch nicht verraten.

Wahrscheinlich wird er aber incognito kommen, denn beruflich bewegt er sich auf einem schmalen Grad zwischen illegalem Handeln und akzeptiertem Aktivismus. Vermibus ist ein Adbuster. Er entfernt heimlich Werbeplakate aus dem öffentlichen Raum, verfremdet sie und hängt sie anschließend an ihren ursprünglichen Ort zurück. Dafür wird er als Künstler weltweit gefeiert und wurde bereits vielfach in nationalen und internationalen Medien porträtiert.

Vermibus tritt stets incognito auf
© Vermibus
Vermibus tritt stets incognito auf
Sein Tun richtet sich vor allem gegen die Plakate der Mode- und Beautyindustrie, die er radikal verändert, um damit eine Botschaft an die Gesellschaft zu senden: Lasst euch nicht vorschreiben, wie Schönheit auszusehen hat, sondern seid ihr selbst! Man könnte fast meinen, dass der Künstler damit auf den "#MeToo"-Zug aufspringt – allerdings war er dem Zeitgeist weit voraus. Die Werke des gebürtigen Spaniers, der seit 2010 in Berlin lebt, können schon seit mehreren Jahren in Galerien rund um den Globus bewundert werden. Dieses Jahr im Mai bekommt er im Rahmen der Moniker Art Fair seine erste Solo-Ausstellung in Brooklyn. Damit steigt natürlich sein Marktwert und der seiner Kunstform – insofern ist Vermibus als Adbuster auch ein Teil der Werbeindustrie, die er gleichzeitig in seinen Werken verhöhnt. Dieser Tatsache ist sich der Künstler sehr wohl bewusst: "Natürlich bin ich ein Teil der Branche. Aber ich bin eben der Teil, der sie kritisiert."

Vermibus: Eine Auswahl an verfremdeten Plakaten


Werbung sei per se nicht schlecht, räumt er ein. Immerhin würden in dieser Branche die besten Kreativen der Welt arbeiten. Außerdem sei die Branche bekannt dafür, dass sie es versteht, kulturelle Bewegungen aufzugreifen und für eigene Zwecke nutzbar zu machen. Verständlich einerseits, pervers andererseits. Denn hier geht es nur ums Geld, so Vermibus. Er warnt davor, ohne Sinn und Verstand zu konsumieren und alles für bare Münze zu nehmen, was die Werbung einem vorsetzt. "Werbung ist in unserer Gesellschaft der stärkste Motor für banales, unreflektiertes Denken – deshalb finde ich es spannend, die Bilder der Werbung in etwas radikal anderes zu transformieren."


In seinem Fall sind das groteske Fratzen, die ein wenig an die plastinierten Leichen aus den "Körperwelten"-Ausstellungen des umstrittenen Gunther von Hagen erinnern. Vermibus arbeitet bei seinen "verzerrten Schönheitsidealen" mit verschiedenen Lösungsmitteln, die wiederum mit dem Papier und der Tinte reagieren und so bestimmte Effekte auslösen. Gemeinsam mit einem Kunstrestaurator und einem Chemiker hat er im Laufe der Jahre sein eigenes Lösungsmittel entwickelt, mit dessen Hilfe er seinen unverkennbaren Stil erzeugt. 

Seine verstörenden Werke sollen nicht unterhalten und dienen auch nicht dazu, anderen zu gefallen. Er sehe seine Kunst vor allem als Vehikel, um sich selbst als Individuum weiterzuentwickeln. Das wird auch eines der Themen sein, über die er bei der diesjährigen See Conference sprechen wird. Vermibus wird darüber referieren, welchen Weg er in den vergangenen zehn Jahren gegangen ist: vom jungen, ehrgeizigen Möchtegern-Werber zum überzeugten Künstler und Aktivisten. Möglicherweise tritt er aber auch bei der See auf, um andere Kreative davon zu überzeugen, ihrer wahren Bestimmung zu folgen. Denn insgeheim hoffe er, dass viele der jungen, brillanten Köpfe, die sich dazu entschließen, ihr Geld mit Werbung zu verdienen, eines Tages seinem Beispiel folgen und Kommerz gegen Kunst tauschen.


Vermibus ist einer der Sprecher der Designkonferenz See, die Scholz & Volkmer am 21. April zum 13. Mal veranstaltet. Einst als Kongress rund um Themen der Datenvisualisierung gestartet, liegt ein weiterer wichtiger Schwerpunkt inzwischen auf Nachhaltigkeit und Design-Ideen, die einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft und Umwelt haben. Rund 800 Gäste werden zu dem Event erwartet. Karten gibt es allerdings nicht mehr, denn die See ist längst kein Geheimtipp mehr, sondern in der Regel schon Wochen vorher ausgebucht. Weitere Infos dazu unter see-conference.de. bu

 
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