Claudia Fischer-Appelt

"#MeToo zeigt, wie lang der Weg zu mehr Frauen in Führungspositionen wirklich ist"

Claudia Fischer-Appelt
Karl Anders
Claudia Fischer-Appelt
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Der Frauenanteil in Agenturen beträgt durchschnittlich etwa 50 Prozent - im General Management liegt er klar unter 10 Prozent. Claudia Fischer-Appelt, eine der von HORIZONT porträtierten 99 führenden Frauen aus Marketing, Agenturen und Medien, kann ein Lied davon singen. Im Interview mit HORIZONT Online erklärt die Chefin der Werbeagentur Karl Anders, wo sie die Chancen für Verbesserungen sieht.

Bei den Agenturen ist die Hälfte der Mitarbeiter weiblich – deutlich kleiner ist ihr Anteil an der Unternehmensführung/ Chefredaktion. Ihr Kommentar? Leider ist das wohl immer noch so, aber ich sehe Licht am Ende des Tunnels. Denn erstaunlicherweise fällt es inzwischen sogar den Männern selbst auf, wenn sie in der Überzahl sind, und empfinden das dann auch als nicht mehr zeitgemäß. Also, es bewegt sich, aber leider nur sehr langsam.


Ist Agenturmanagern bewusst, dass es ein Problem mit dem Thema Gleichberechtigung/Gleichstellung in der Branche gibt? Das denke ich schon. Es wird nicht immer offen diskutiert, aber in meiner Wahrnehmung setzen sich Führungscrews mit dem Thema auseinander. Jede Agentur hat inzwischen eine „Vorzeige-Führungsfrau“, die erheblich gepusht wird, auf die man sehr stolz ist und die für Gleichstellung im Unternehmen steht. Klingt jetzt vielleicht böse, ist aber gar nicht so gemeint. Eine muss ja den Anfang machen und zeigen, dass das alles gar nicht so schlimm ist und den Weg für weitere Frauen ebnen. Das ist gut so. Ich nehme auch wahr, dass inzwischen Kunden fortschrittlicher sind als Ihre Agenturen, was den Druck auf das Umdenken auch nochmal erhöht.

Wie haben sich die Chancen von Frauen, in Agenturen Karriere zu machen, in den vergangenen Jahren entwickelt? Aus meiner Sicht meistern Frauen heute ihre Karrieren wunderbar, sind auch mit weniger Chancen nicht unterzukriegen. Wir müssen uns halt viel mehr anstrengen – was nicht in Ordnung ist, nicht falsch verstehen – aber es läuft bei uns. Das Thema Gleichberechtigung bringt Karrieren erst dann ins Stocken, wenn es um Kinder und Familie gehen könnte oder tatsächlich geht. Plötzlich sind da Bedenken, Unvereinbarkeiten, Steine, fehlende Möglichkeiten und fehlendes Verständnis – einfach ein sehr schwieriges Ding. In den vergangenen Jahren hat sich aber an dieser Stelle endlich etwas getan. Neben verbesserten Strukturen hat vor allem der „moderne Mann“ (ernstgemeinter Dank an dieser Stelle!) Einiges für die Frauen getan: er hat selbst angefangen Elternzeit zu nehmen und sich ebenfalls um die Kinder zu kümmern, die eigene Karriere für eine Zeit zurückgestellt. Das entlastet Frauen und schafft wirkliche Gleichberechtigung, insbesondere beim Image arbeitender Eltern. Heute sind es arbeitende Eltern, und nicht mehr nur arbeitende Mütter. Darüber hinaus entwickeln sich immer da tolle Chancen für Frauen, wo einzelne Persönlichkeiten sie fördern, genauer hinsehen, keine Schranken im Kopf haben. Davon kenne ich erfreulicherweise einige, aber ich wünschte, es wären noch mehr!
Claudia Fischer-Appelt und ihr Agenturpartner bei "Karl Anders" Lars Kreyenhagen
Claudia Fischer-Appelt und ihr Agenturpartner bei "Karl Anders" Lars Kreyenhagen (© Screenshot www.karlanders.de)


Was tut Ihr Unternehmen, um Gleichstellung zu fördern? Wir sind maximal flexibel in Strukturen und fördern sowohl Jungs als auch Mädels explizit in Ihren Aktivitäten, Familienangelegenheiten und Leidenschaften. Uns ist ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis extrem wichtig. Im Übrigen empfinde ich einen Frauenüberhang als genauso störend wie umgekehrt. Außerdem rede ich natürlich viel mit Frauen über diese Themen und werde auch von Ihnen befragt.

Bei Start-ups ist der Gender Pay Gap mit 25 Prozent noch höher als in der deutschen Wirtschaft insgesamt (21 Prozent). Überrascht Sie diese Zahl? Ja, das überrascht mich, ich dachte die jungen Frauen könnten schon besser für sich sorgen. Mist.

Welche Wirkung wird die aktuelle #MeToo-Diskussion haben? Mir ist nie Extremes passiert, aber ich erinnere mich schon noch an Meetings, als einzige Frau in der Runde, an die Sprüche, an die Anspielungen, an die Überheblichkeiten, puh. #MeToo zeigt mir sehr deutlich, wie lang der Weg zu mehr Frauen in Führungspositionen wirklich ist. Es fühlt sich an, als rappelten wir uns aus der Steinzeit nach vorne.... aber es bringt wieder einen weiteren Stein ins rollen.

Braucht die Agenturbranche eine Quote? Ich glaube inzwischen JA. Aber nur, weil es sonst noch sooo lange dauert, die Quote ist nur ein Turbo. Wir kommen sowieso :-) Interview: ems 



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