14. See Conference

Warum Adbuster Pedro Inoue viele Haltungskampagnen für einen "Mindfuck" hält

Adbuster Pedro Inoue hält seine wahre Identität lieber geheim (was das verschwommene Bild erklärt)
© See Conference
Adbuster Pedro Inoue hält seine wahre Identität lieber geheim (was das verschwommene Bild erklärt)
In wenigen Tagen fällt in Wiesbaden der Startschuss für die 14. See Conference von Scholz & Volkmer. Auch dieses Jahr will die Digitalagentur wieder einen gesellschaftlichen Diskurs einläuten und zum Nachdenken anregen. Dazu hat sie Pedro Inoue, den Chefkreativen des Adbuster Magazines, als Keynote-Speaker eingeladen.

Schon 2018 stand mit Vermibus ein Künstler aus der Adbuster-Szene auf der Bühne. Das Thema scheint Scholz & Volkmer nicht loszulassen. Vielleicht entspricht es aber auch gerade dem Zeitgeist, denn die Hassliebe zur Kommunikationsbranche treibt viele um, die darin ihr Geld verdienen. Der Trend zu Social Campaigning, Haltungskampagnen und "Creating Shared Value", wie es bei Scholz & Volkmer heißt, ist ein Indiz dafür, dass immer mehr Werber ihren Job zumindest infrage stellen.



Adbuster haben sich genau das ebenfalls zur Lebensaufgabe gemacht. Sie bewegen sich auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Kriminalität, indem sie Werbung aus dem öffentlichen Raum entfernen, verfremden und wieder in die Öffentlichkeit bringen. Das Adbusters Magazine geht noch einen Schritt weiter: Das zweimonatlich erscheinende – werbefreie – Magazin hat es sich zum Ziel gesetzt, den sozialen und politischen Umschwung voranzutreiben. Inoue und sein Künstlerkollektiv üben regelmäßig Kritik an großen Unternehmen und der Konsumgesellschaft. Sie ziehen korrupte Politiker zur Rechenschaft und wollen "eine kopflose und selbstzufriedene Kultur dazu anregen, wieder eigenständig zu denken und Verantwortung zu übernehmen."
„Die Werbeindustrie belügt die Menschen ganz unverhohlen im Namen ihrer Kunden und ermuntert sie dazu, ohne Sinn und Verstand zu konsumieren, was dem ohnehin schon völlig überlasteten Planeten immer weiter schadet.“
Pedro Inoue
"Ich hasse Werbung nicht", stellt Inoue fest. "Ich glaube einfach nur, dass die Werbeindustrie die Menschen ganz unverhohlen im Namen ihrer Kunden belügt und sie dazu ermuntert, ohne Sinn und Verstand zu konsumieren und dadurch dem ohnehin schon völlig überlasteten Planeten immer weiter schadet." Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Öffentlichkeit dagegen aufbegehrt und das Tun von Werbeagenturen, Marken und Prominenten infrage stellt. Inoue ist überzeugt davon, dass die Welt, in der die Werbeindustrie groß wurde, nicht mehr existiert. "Die kommerzielle Kreativität muss sich heute für Solidarität und Menschlichkeit einsetzen und nicht für CEOs, die sich in ihrem Elfenbeinturm verstecken und nur für ihren vierteljährlichen Gewinn und die Agenda der Aktionäre arbeiten. Das Spiel hat sich geändert, das kapitalistische System bröckelt. Wer das nicht anerkennt und sich ändert, wird untergehen."

Inoue begrüßt die gegenwärtigen Haltungsinitiativen einerseits, denn "jeder Schritt in die richtige Richtung zählt. Nach Trump, Brexit und dem Aufstieg rechtsradikaler Bewegungen in der ganzen Welt ist die Politik in alle Bereiche eingedrungen. Es ist deshalb nur natürlich, dass wir in der Öffentlichkeit mehr über soziale und politische Veränderungen sprechen. Das gilt auch für Marken." Andererseits appelliert er aber auch daran, im Zweifel ganz genau hinzuschauen und sein Gehirn einzuschalten. "Wenn sozialer und politischer Wandel in der Werbung bedeutet, dass Kendall Jenner Pepsi trinkt und mit einem Haufen glücklicher Fake-Freunde demonstrierend durch die Straßen zieht, ist das alles andere als authentisch. Dann ist es nichts anderes als ein ,Mindfuck‘ – so nennen wir das zumindest bei Adbusters."


Inoue ist Teil der Adbusters Media Foundation, einer gemeinnützigen, konsumkritischen Organisation, die 1989 von Kalle Lasn und Bill Schmalz in Vancouver gegründet wurde. Die Stiftung veröffentlicht die zweimonatliche Zeitschrift Adbusters mit einer Auflage von rund 120000 Exemplaren. Das anzeigenfreie Magazin wird von der Leserschaft, den Mitgliedern und Aktivisten getragen. Inoue ist außerdem als Kolumnist für WARP Magazine und Shiseido sowie als Kreativdirektor für Künstler und Organisationen wie Greenpeace Brasil und das unabhängige Medienprojekt Ninja Media tätig.

Die 14. See Conference von Scholz & Volkmer findet am 13. April im Wiesbadener Schlachthof statt. Die einst als Kongress rund um Themen der Datenvisualisierung gestartete Veranstaltung hat ihren Schwerpunkt mittlerweile in Richtung Nachhaltigkeit, Konsumkritik und gesellschaftspolitische Themen verlagert. Zu den weiteren Referenten zählen Filmgrafik-Designerin Annie Atkins, die für ihre Arbeit an Wes Andersons Film "The Grand Budapest Hotel“ mit dem Oscar in der Kategorie "Best Production Design" ausgezeichnet wurde, Solar-Designerin Marjan van Aubel, Eike König, Gründer des Berliner Designbüros Hort, der Architekt und Urban Designer Mathew Leung sowie Forscherin Mary Katherine Heinrich, die sich mit selbstorganisierender und biohybrider Robotik beschäftigt. bu

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