Zeitenwende im Agenturbusiness

Accenture mischt den Markt auf

Mittwoch, 07. November 2018
Mit großen Worten sollte man in einem an Superlativen nicht armen Wirtschaftszweig behutsam umgehen. Doch die Übernahme der Hamburger Kreativagentur Kolle Rebbe durch den globalen Beratungskoloss Accenture könnte eine Zeitenwende im Agenturbusiness einläuten.
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Zwar geht es bei dem Kauf von Kolle Rebbe auf den ersten Blick "nur" um die Eingliederung von rund 300 Frauen und Männer mit ausgewiesener Kreativkompetenz in ein globales Netzwerk, das seine Wurzeln nicht im Kreativsektor hat. Doch nun müsste auch dem verträumtesten Verteidiger der Kreativszene allmählich dämmern, zu welchen tektonischen Verschiebungen im Agenturbusiness die digitale Revolution geführt hat.



Sicher: Auch die Jahre zuvor hat Accenture schon den einen oder anderen Dienstleister übernommen. In Deutschland versandeten diese Übernahmen – beispielsweise 2013 der Kauf des Design-Networks Fjord – meist in den „Kurz notiert“-Rubriken der Fachmedien. Hellhörig wurde die Branche erst, als im vergangenen Jahr die Internetagentur Sinner Schrader unter das Dach des Beratungskonzerns schlüpfte.

Dieses Dach ist inzwischen ziemlich groß. Nein, es ist riesig. 25000 Mitarbeiter arbeiten global bei Accenture Interactive. Fast 460000 Berater, Programmierer, Kreative und Gestalter arbeiten weltweit unter dem Accenture-Dach und erwirtschaften einen Umsatz von fast 35 Milliarden Dollar. Die weltweit immer noch größte Werbeholding WPP kam 2017 mit ihren 200000 Mitarbeitern zu einem Umsatz von 17,4 Milliarden Euro. Ob das reicht, um auf Dauer gegen Accenture, IBM & Co bestehen zu können, sei dahingestellt. Die Internet-Ökonomie tendiert dazu, Monopole zu bilden. Warum sollte das im Beratungs- und Kreativbereich anders sein als bei der Suche (Google), bei Social Media (Facebook) oder im E-Commerce (Amazon)? Das Internet sorgt sozusagen für eine “Klassengesellschaft” zwischen Unternehmen. Auf der einen Seite sind die Megaplayer, die ganze Märkte umwälzen, alte Geschäftsmodelle disruptieren und unermesslich viel Geld verdienen. Unter dem Diktat der Riesenplattformen ächzt der große Rest und kämpft – auch gegeneinander – um die Brosamen, die übrig bleiben. Ein Blick auf die digitale Werbeindustrie macht sprachlos: Fast die Hälfte jedes Werbedollars landet bei Google. Facebook sackt immerhin knapp 25 Cent ein. Um den Rest schlagen sich weltweit hunderte Medienhäuser, Retailer und Startups.


Was bedeuten diese Entwicklungen für die Zukunft von Kreativdienstleistern? Kreation braucht heute Technologie; Technologie benötigt Kreation. Über allem steht der Zwang zur Customer Centricity. Nur wer in der Lage ist, sein Angebot darauf auszurichten, wird mittelfristig mehr als nur Brosamen abbekommen. Und wer als Agentur-Inhaber bei dem großen Spiel auch künftig weiter vorne mitspielen will, wird sich früher oder später die Frage stellen, die sich das Partnerteam von Kolle Rebbe gestellt hat: "Wie kann ich meine Kreativ-Expertise am besten mit Technologie-Knowhow verbinden? Bei welchem globalen Netzwerk ist die intellektuelle Unabhängigkeit und kreative Freiheit meines Unternehmens am ehesten gewährleistet?"

"It’s the end of the world as we know it!?" Wir erleben derzeit nicht den Beginn vom Ende der Agenturen, aber das Ende einer Agenturszene, wie wir sie jahrzehntelang gekannt haben.

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