Tschüss, Google Plus

Schön, dass du da warst – schön, dass du gehst…oder?!

Sonntag, 31. März 2019
Es war ein Abschied auf Raten, aber jetzt ist es soweit: Am 2. April 2019 wird Google Plus abgeschaltet. Wie konnte es dazu kommen, dass der von Google mit großem Tamtam gestartete Facebook-Konkurrent in die Binsen ging? Thomas Kochwasser, Director Content Marketing & Social Media bei Leo Burnett Deutschland über die "Chronik eines angekündigten Todes".

Abschiede sind so eine Sache. Manchmal sind sie schmerzhaft, manchmal notwendig – und manchmal tangieren sie nur peripher. Im Falle des sozialen Netzwerks Google+, dem in diesen Tagen nun endgültig der Stecker gezogen wird, dürfte letztere Emotion überwiegen, denn Gefühle entstehen in der Regel aus einer wie auch immer gearteten Verbindung. Und da haperte es bei Googles Social Media-Non-Profit-Experiment von Beginn an.

Die Datenpanne: Der Anfang vom Ende

Bereits im Oktober 2018 wurde bekannt, dass der Patient Google+ nicht länger künstlich am Leben erhalten wird. Die ausschlaggebende Entscheidung, den längst überfälligen Schritt zu gehen, war eine Datenpanne: Externe Entwickler hatten bereits seit 2015 Zugriff auf private Nutzerdaten. Zum Schluss spielte man dann also doch mit Facebook in einer Liga – und wenn es nur in Sachen (unzureichende) Datensicherheit war. Aber der Reihe nach. 

Anno 2011: Social Media? Will ich auch!

Social Media stößt zu Beginn des neuen Jahrzehnts in die breite Masse – und Google wollte partizipieren. Immerhin ‚nur‘ sieben Jahre nach Facebook startete das Unternehmen am 28. Juni 2011 mit dem eigenen Social Media-„Produkt“ Google+. Dem Launch ging ein relativer Hype voraus, denn Facebook war zu diesem Zeitpunkt bereits mit 845 Millionen Nutzern Platzhirsch im Social Web. Wenn es einer schaffen sollte, Mark Zuckerbergs Plattform diesen Rang streitig zu machen, dann überhaupt nur der Tech- und Datenriese Google. Die Bezeichnung „Facebook Killer“ machte die Runde: Bereits 88 Tage nach Start konnte man mit 40 Millionen Anwendern aufwarten und war somit das schnellst wachsende soziale Netzwerk der damals noch jungen Social Media-Geschichte.

Googles Motto: Teilen wie im echten Leben

Google wollte damals all das richtig machen, was bei der blauen Konkurrenz laut öffentlicher und eigener Meinung vermeintlich falsch lief. Unter dem Motto „Teilen wie im richtigen Leben, neu erfunden für das Web“ entstanden drei potenzielle Alleinstellungsmerkmale: Mit den „Circles“ konnten Nutzer die eigene Community in wie auch immer geartete Cluster unterteilen und so bestimmen, wer welchen geposteten Content zu sehen bekommt.
„Google+ war nicht neu und revolutionär genug, um Nutzer von Facebook abzuziehen. “
Thomas Kochwasser
Als Sahnehäubchen packte Google das Versprechen von Werbefreiheit obendrauf und mit Blick auf Unternehmen schwang zudem der Mehrwert in Hinblick auf SEO mit. Neutral betrachtet alles absolut valide, bis heute sind dies hoch relevante und heiß diskutierte Themen. Allerdings besteht zwischen gut gemeint und gut gemacht bekanntermaßen ein großer Unterschied. Reicht es tatsächlich aus, nur ein „besseres“ Facebook zu launchen? Die Geschichte lehrt uns: scheinbar nicht.

„Bist Du auf Google+?!“

Die Gründe, wieso sich Google+ nicht etablierte, leuchten ein: Google+ war nicht neu und revolutionär genug, um Nutzer von Facebook abzuziehen. Gleichzeitig aber zu nerdig, um Social Media-Neulinge zu rekrutieren. Daher zählten vor allem Techies beziehungsweise Nischenthemen-Begeisterte zu den Mitgliedern, die sich dort in Gruppen organisierten und das fanden, was sie auf anderen Plattformen nicht oder nicht in gewünschter Form bekamen – nämlich Austausch und rege Diskussionen zu für sie relevante Themen. Gerade zu Beginn zog es auch kleine und große Unternehmen auf die Plattform, getrieben von der Aussicht, dass der Mythos von kostenloser Werbung via Social Web doch noch Realität bzw. die Konkurrenz durch reges Posten von der begehrten ersten Seite der Google Suchergebnisse verdrängt werden können. Immerhin sammelte Google+ bis zuletzt 3 Milliarden Nutzer. Was nach einer substanziellen Community klingt beziehungsweise dem Anspruch an den „Facebook Killer“ gerecht werden würde, war allerdings in Wahrheit eine Ansammlung toter Accounts. Denn jeder mit einer GoogleMail-Adresse galt als angemeldeter Nutzer von Google+. So verwundert es wenig, dass von den 3 Milliarden registrierten Nutzer lediglich 360 Millionen aktiv waren.

Google+ ist tot, und jetzt?

Abgesehen von den 360 Millionen Exilanten, die sich jetzt eine neue Heimat suchen müssen, wird Google+ in unserer schnelllebigen Zeit niemand lange vermissen. Dennoch ist dieses Ende auch ein Symbol für einen Wandel, der sich langsam aber stetig vollzogen hat. Aus ursprünglich idealistisch geprägten Start-ups sind kommerziell geprägte Medienkonzerne geworden, die unsere Welt nachhaltig verändert haben. Speziell Google+ arbeitete einstmals nach dem Credo: Don’t be evil! Und genau hierauf basierte irgendwie auch Google+ mit seinen Kernfeatures und Werbefreiheit, welche mehr Selbst- beziehungsweise Mitbestimmung und Transparenz bringen sollten und somit alles waren, nur nicht böse. So gesehen geht mit Google+ nicht nur ein Social Network, sondern auch ein Teil von Google selbst. Bleibt nur zu sagen: Farewell Google+.


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