Tham Khai Meng & Co

Mad Men, ein Nachruf

Freitag, 20. Juli 2018
In den vergangenen Monaten mussten gleich mehrere prominente Werber den Hut nehmen, weil sie aus diversen Gründen "unmoralisch" gehandelt haben. Das überraschende daran: Jahrelang hat männliches Fehlverhalten niemanden gestört. Vor zehn Jahren feierte alle Welt die arroganten, sexistischen Werber der Serie "Mad Men". Man erfreute sich an den Klischees der männerdominierten Werbebranche der 60er Jahre. Viele wollten genau so sein wie der ehrgeizige Serienheld Don Draper: männlich, dominant, cool, ein Frauenheld. Allerdings: "Mad Men" ist eine Fiktion und die 60er Jahre sind lange vergangen.
Ungeachtet dessen gab und gibt es immer noch viele Werber, die sich gebärden wie jene Mad Men und sich dabei unangreifbar fühlen. Das war vor zehn, fünfzehn Jahren schon verwerflich, aber damals wurde noch allzu oft ein Auge zugedrückt – mit sehr wenigen Ausnahmen. Neil French ist eine davon. Er musste 2005 seinen Posten als Worldwide Creative Director bei WPP wegen frauenfeindlicher Äußerungen räumen. Mittlerweile stolpern immer mehr Top-Kreative und Top-Manager über ihr moralisches Fehlverhalten.


Letzte Woche traf es Tham Khai Meng, den weltweiten Chief Creative Officer von Ogilvy, und Jeremy Perrott, Global CCO von McCann Health. Davor wurden der Ex-WPP-Chef Martin Sorrell, der ehemalige weltweite Kreativchef von Droga5 Ted Royer, der einstige CCO von The Martin Agency Joe Alexander sowie Gustavo Martinez, früher weltweiter CEO von J. Walter Thompson, ihren Job los. Die Anschuldigungen sind unterschiedlich, sie reichen von sexueller Belästigung über verbale Entgleisungen bis hin zur Veruntreuung von Firmengeldern.

Wieso ausgerechnet jetzt? Die Entlassungen gehen einher mit einem generellen Umbruch in der Branche. Traditionelle Geschäftsmodelle werden ebenso infrage gestellt wie Arbeitsstrukturen, Unternehmenskultur und Werte. Bei den Cannes Lions, einst Inbegriff der größten Werber-Party der Welt, stehen nunmehr Gender & Diversity-Themen sowie Ideen für eine bessere Gesellschaft ganz oben auf der Tagesordnung. Dabei wird gerne vergessen, worum es in der Werbung eigentlich geht: Konsum-, Gebrauchs- und Luxusgüter anzupreisen.
„Fast hat es den Anschein, als schämten sich die Werber für ihr Tagesgeschäft und kompensierten das damit, dass sie für eine bessere Welt kämpfen.“
Bärbel Unckrich
Fast hat es den Anschein, als schämten sich die Werber für ihr Tagesgeschäft und kompensierten das damit, dass sie für eine bessere Welt kämpfen. Dazu gehört offenbar auch, dass sie die eigenen Reihen von Sexismus, Korruption und moralischem Fehlverhalten befreien. Wirklich glaubwürdig ist das nicht immer, aber es trifft den Zeitgeist. In den USA sorgt aktuell jene Martin Agency, die ihren Kreativchef wegen Sexismus-Vorwürfen gefeuert hat, mit einer neuen Talent & Culture-Abteilung für Schlagzeilen. Die Unit soll für eine bessere Arbeitsumgebung sorgen und wird von Chief Culture Officer Carmina Drummond geführt.


In Deutschland sind Titel wie Chief Culture Officer oder Chief Diversity Officer unbekannt – in der hiesigen Agenturszene existieren sie schlichtweg nicht. Ob sich das angesichts der prominenten Abgänge auf weltweiter Ebene ändern wird? Voraussichtlich nicht. Aber einige Männer der Branche dürften angesichts der jüngsten Entlassungen in den USA zumindest aufgeschreckt sein und ihre Verhaltensweisen überdenken. So traurig es für sie sein mag: Die Zeiten der Mad Men sind endgültig vorbei. bu
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