Spotlight Festival

So intensiv und konstruktiv kann eine virtuelle Jurydiskussion in Zeiten von Corona sein

Montag, 23. März 2020
Die Spotlight-Fachjury trifft sich normalerweise im Stuttgarter Rathaus, um dort traditionell zunächst mehreren Stunden lang Werbefilme anzuschauen und dann darüber zu diskutieren, wer von ihnen Gold, Silber und Bronze verdient hat. Dieses Jahr ist wegen Corona alles anders. Anstatt mit dem Paternoster in den Sitzungssaal, geht es via Glasfaserkabel in die heimischen Büros der anderen Juryteilnehmer.
Nun sind Videokonferenzen längst nichts Ungewöhnliches mehr und in Zeiten von Corona schon gar nicht. Dennoch stellt sich hier die Frage, ob es gelingen kann, im Rahmen einer virtuellen Diskussionsrunde Preise in zehn Wettbewerbskategorien zu verleihen, ohne dass dabei die Qualität der Entscheidungen leidet. Mit diesem leicht zweifelnden Gefühl und einem gewissen Grundmisstrauen der Technik gegenüber sind wahrscheinlich alle Juryteilnehmer der Einladung des Spotlight-Teams zu dem WebEx-Meeting gefolgt.


(Fast) alle auf einem Bildschirm: die virtuelle Spotlight-Jury
© WebEx-Screenshot
(Fast) alle auf einem Bildschirm: die virtuelle Spotlight-Jury
Die eingereichten Werbefilme hatte jeder schon zuvor für sich alleine angeschaut. Die eigentliche Video-Diskussion sollte also möglichst zügig über die Bühne gehen. So die Idee. Hätte uns beim Start um 13 Uhr jemand gesagt, dass wir nun insgesamt siebeneinhalb Stunden lang vor den Bildschirmen festsitzen, dann wäre dem einen oder anderen garantiert noch eine gute Ausrede eingefallen, weshalb er leider verhindert ist. Stattdessen war es eher so, dass es kaum No-Shows gab, weil die meisten ohnehin im Home Office sind. Der eine oder andere musste sich lediglich mal kurz für andere virtuelle Meetings oder Calls ausklinken. Die meisten blieben aber am Ball und wurden für ihre Geduld mit einem überraschend konstruktiven und angenehmen Nachmittag belohnt.

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Spotlight-Intendant Peter Frey und seine Tochter Amelie Frey führten durch die Sitzung. Ebenfalls mit dabei: Co-Intendant Michael Preiswerk sowie die Jurypräsidenten Jo Marie Farwick (Überground) für den Professionals-Bereich und Helmut Hartl (Embassy of Dreams) für den Studentenwettbewerb. Farwick stellte gleich zu Beginn klar: "Keine Corona-Themen bitte!" Das war auch ganz gut so, sonst hätte die Diskussion wahrscheinlich mindestens zehn Stunden gedauert.


Es folgten anderthalb Stunden, in denen sich die Teilnehmer zunächst mit der Technik und dem in WebEx integrierten Voting-Tool vertraut machten und schließlich in einem intensiven "Learning-by-Doing"-Prozess die erste Kategorie "Professionals TV & Kino" bewerteten. Von Beginn an waren die Teilnehmer hochkonzentriert bei der Sache und diskutierten zwar hin und wieder lebhaft, blieben dabei jedoch immer fair. Etwaige Juryabsprachen in den Pausen sind bei dieser Form der Jurierung nicht möglich. Leidenschaftliche Plädoyers oder ernsthafte Bedenken hingegen schon. Am Ende hat hier nicht der für alle offensichtliche Fingerzeig darüber entschieden, ob eine Arbeit Edelmetall gewinnt, sondern ein anonymes Voting. Zwar zeichnete sich hier nach der Diskussion zuweilen ein anderes Bild als zuvor, aber man kann getrost davon ausgehen, dass die Co-Juroren dann auch wirklich überzeugt von den neuen Argumenten waren und sich nicht einfach nur dem Druck der anderen gebeugt haben - es bliebt schließlich alles anonym.

„Es war eine Wahnsinnsherausforderung und ich hab mich vorher schon gefragt, wie das gehen soll, 29 digitale Flöhe zu dirigieren. “
Jo Marie Farwick
War es in den vergangenen Jahren meist so, dass die Jury um 20 Uhr schon gemütlich beim Networking-Dinner saß, wurde nun um diese Zeit noch um Edelmetall gerungen. Die Spotlight-Jury 2020 war lang und intensiv. Zwischendurch tauchten Kinder, Haustiere und Lebenspartner mit im Bild auf, was nicht störend, sondern menschlich war. Wer sich für einen Moment den Blicken der anderen entziehen wollte, stellte einfach die Kamera aus und konnte der Diskussion trotzdem akustisch folgen. Am Ende waren alle erschöpft, aber begeistert, weil dieser Jury-Marathon so gut funktioniert hat.

Für Farwick steht fest: "Es war eine Wahnsinnsherausforderung und ich hab mich vorher schon gefragt, wie das gehen soll, 29 digitale Flöhe zu dirigieren. Musste ich aber gar nicht, denn alle haben sich selbst dirigiert und freundlich und rücksichtsvoll mitgeholfen, dass das zum Erfolg wird. So haben wir richtig echt gemeinsam, eine tolle, spannende, inspirierende Jurysitzung auf die Beine oder besser auf die Digitalstelzen gestellt. Herrlich wars."

An dieser Stelle ein großes Lob an das Spotlight-Team, das schnell und flexibel auf die Corona-Situation reagiert hat und ganz unaufgeregt und mit viel Charme das Beste aus der für alle ungewöhnlichen Situation gemacht hat. Und ein großes Danke an Farwick und Hartl, die es tatsächlich geschafft haben, dass man für mehrere Stunden einfach mal nicht an das Virus, die Pandemie, fehlendes Klopapier und die Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft gedacht hat.

Natürlich kann man sich nun fragen, ob Kreativwettbewerbe aktuell überhaupt noch notwendig sind. Aber letztlich sind auch sie seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil unserer Branche und für viele Kreative das Salz in der Suppe. Und es wird auch eine Zeit nach Corona geben, wo sich alle wieder gerne bei solchen Leistungsschauen messen und die Festivals und Preisverleihungen zum Netzwerken nutzen. Apropos: Die Spotlight-Fachjury ist natürlich auch zu Ergebnissen gekommen. Diese sind aber noch geheim. Mitte der Woche werden sie zusammen mit den Resultaten des großen Online-Publikumswettbewerbs veröffentlicht.

Fazit: In den kommenden Wochen werden noch einige virtuelle Jury-Sitzungen folgen. Spotlight kann getrost als Blaupause betrachtet werden. Jurymitglied Alexander Ellendt (Vogelsänger Studios) stellt angesichts der positiven Erfahrung fest: "Wir sind scheinbar doch nicht so im Neuland wie alle uns einreden zu versuchen. Das hat diese Jurysitzung mit über 20 Teilnehmer*innen eindrucksvoll bewiesen. Auf Einmal werde ich im Supermarkt auch nicht mehr schräg angeschaut wenn ich mit meiner Uhr bezahle." Sein Jurykollege Holger Oehrlich, Geschäftsführer Marketing International von Kaufland, findet virtuelle Jurys auch im Sinne des Umweltschutzes für absolut zeitgemäß: "Wenn man die technischen Ruckeleien beim Streaming von Filmen et cetera in den Griff bekommt, dann kann das - in Zeiten von Nachhaltigkeit - ein kleines Opfer sein, dass man guten Gewissens eingehen kann. Weniger Reisen, dafür internationale Jurys, ein bisschen weniger Emotionalität, weil weniger direkt, dafür mehr Zeit und absolut nachhaltig."
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