Nachruf auf Jochen Leisewitz

"Jochen, einfach nur Jochen"

Donnerstag, 17. Januar 2019
Am 27. Dezember ist Jochen Leisewitz, der Erfinder von "Like Ice In The Sunshine", nach schwerer Krankheit verstorben. Bis zuletzt war der 78-Jährige regelmäßiger Gast bei den wichtigsten Veranstaltungen der Werbebranche, von der er 55 Jahre lang fester Bestandteil war. Sein langjähriger Weggefährte Peter Brawand von BrawandRieken würdigt ihn in seinem Nachruf als Mentor, Chef und Freund.

Als ich 1983 frisch von der Uni als Jung-Kontakter bei Lintas:Hamburg, der damals größten und erfolgreichsten Werbeagentur Deutschlands, anfing, gab es eigentlich nur zwei Personen, vor denen wir Junioren uns fürchteten. Beide saßen im Vorzimmer von Jochen Leisewitz.



Werbelegende und ADC-Urgestein Jochen Leisewitz ist nach einer schweren Krankheit verstorben
© ADC
Werbelegende und ADC-Urgestein Jochen Leisewitz ist nach einer schweren Krankheit verstorben
Denn alles, was das Haus an Ideen und Kreation verlassen sollte, musste vorher noch einmal Jochen gezeigt werden. Natürlich war er dementsprechend beschäftigt und natürlich brauchte es dafür zwei resolute Damen, diesen nie endenden Pilgerstrom von Kontaktern und Kreativen zu organisieren.

So betrat ich mit dem, zumindest aus meiner Sicht, wichtigsten Projekt des ganzen Hauses, meinem ersten Salesfolder-Entwurf für OMO, mit bedeutungsschwangerer Miene und sauberer Krawatte den Vorhof zur Prüfstelle, trug meine Salesfolder Pappen ähnlich einem Schutzschild vor mir her und bat um einen dringenden und sehr wichtigen Termin bei "Herrn Jochen Leisewitz". Ich erinnere mich dunkel, noch ein "von" in die Anrede geschmuggelt zu haben, weil es mir einfach der Bedeutung des Anlasses wie auch meines Ersuchens nur angemessen erschien.


War es mein nervöses Augenzucken, meine belegte Stimme oder mein verrutschtes Lächeln – Glückes Geschick wollte es, dass Jochen gerade noch ein paar Minuten Zeit hatte, bevor er zum Flieger nach Buenos Aires, New York oder Hongkong musste. Kein Witz. Also wurde ich vorgelassen, präsentierte stolz mein Erstlingswerk dem "Herrn von Leisewitz" und es kam zu den ersten Worten, die Jochen je zu mir sagte: "Der Name ist Jochen, einfach nur Jochen".

Ich kam als Fremder und ging als Geduzter! Zeus himself hatte mir das Du angeboten! Was für ein Tag auf dem Olymp! Welche Rolle spielte es da schon, dass er meinen Salesfolder wortlos zerriss und innerhalb einer Minute auf einem DIN-A3-Bogen einen logischeren Aufbau, eine viel kreativere Umsetzung und eine deutlich stärkere Headline skizzierte. Man kann nicht nur gewinnen.

"Jochen, einfach nur Jochen". Erst mit der Zeit verstand ich, wie viel diese Worte darüber aussagten, was Jochen für alle, die ihn kannten und liebten, so einzigartig machte: seine Freundlichkeit, seine Nahbarkeit, seine Empathie, sein Humor und sein Lachen, seine unprätentiöse und immer hoch professionelle Art. Jochen sah in jedem Gegenüber immer und zuallererst den Menschen, und das liebten alle an ihm am meisten: Man kam als Kunde und ging als Mensch.

Kaum jemand hätte mit so viel Berechtigung auf dem Olymp seiner Erfolge Hof halten können wie Jochen, seine Arbeiten und unzähligen Auszeichnungen sind wie ein Ritt durch Deutschlands Werbegeschichte: 'Like ice in the sunshine', die Magnum-Kampagne und 'Nogger Dir einen'. 'Rama macht das Frühstück gut', Du Darfst 'Ich will so bleiben wie ich bin' oder 'Mmh Granini Trinkgenuss'. 'Ich war eine Dose für Weißblech', Rudi und Ralf für Jägermeister und die Postleitzahlen-Kampagne. Die Arbeiten für Telekom, Gelbe Seiten, Aspirin, Schwartau… man könnte die Reihe seiner Erfolge endlos weiterschreiben. Aber das wäre nicht Jochens Art.

Ich hatte die große Freude, bei der Lintas, der Economia und zuletzt noch viele Jahre in unserer eigenen Agentur BrawandRieken an Jochens Seite arbeiten zu dürfen. Und das große Glück, dass schon früh aus dem Chef ein Freund wurde. Ich könnte nicht sagen, ob ich von Jochen nun mehr über gute Werbung oder über das Menschsein gelernt habe. Denn nach Jochens Philosophie gehört eh beides untrennbar zusammen: Nur wer die Menschen mag, kann auch gute Werbung machen.

Letzten September stießen wir noch in seinem geliebten Haus in Sollér auf seine Gesundheit an, hofften auf eine erfolgreiche Therapie und eine möglichst weitgehende Genesung. Die geplante Bootstour ließen wir wegen Rückenschmerzen ausfallen. Diesen Januar wollten wir wieder bei uns zuhause essen. Das werden wir jetzt auf unbestimmte Zeit verschieben müssen. Mensch, Jochen.

Themenseiten zu diesem Artikel:
stats