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Warum der Traum von Europa lebt

Sonntag, 09. Dezember 2018
Brexit, Flüchtlingskrise, Rechtsruck - Europa steht in vielen gesellschaftlichen und politischen Fragen am Scheidweg. Und das schon seit einigen Jahren. Doch es gibt Hoffnung: Gerade junge Europäer sehen die Zukunft Europas optimistisch, schätzen Vielfalt und überraschen mit neuen Gestaltungsideen. Das sind die Erkenntnisse der Studie "Truth about New Europe" der McCann Worldgroup, zu der mehr als 15.500 Menschen in 15 Ländern Europas befragt wurden. Alison Segar, Strategiechefin der Agentur in Deutschland, fasst in ihrem Gastbeitrag bei HORIZONT Online die Ergebnisse zusammen und erklärt, warum der Traum von Europa noch lebt.
Denke ich an Europa, so denke ich an Züge, die alle großen Metropolen miteinander verbinden. Denken wir an die Mehrheit der Europäerinnen und Europäer, die ein bedingungsloses Grundeinkommen befürworten. Denken wir an die Befürworter von Vielfalt, eine weltweite Vorbild- und Führungsposition und Optimismus bei der Gestaltung der Zukunft.


Und mit uns denkt die Mehrheit von 15.500 Europäerinnen und Europäern, die McCann Worldgroup in seiner jüngsten Befragung in mehr als 15 europäischen Staaten zu Gegenwart und Zukunft unseres Kontinents befragt hat.

Nein, die Mehrheit ist nicht pessimistisch. Nein, die Mehrheit hat die Europäische Union nicht aufgegeben. Nein, die Mehrheit hält nicht an der Staatsbürgerschaft als durch Geburt definierte Eigenschaft fest. Nein, die Mehrheit will kein Auseinanderbrechen des Kontinentes!


Um den Schlaf bringen wir uns nur dann, wenn wir weiter in großen Schlagzeilen die negativen Tendenzen, die unseren Kontinent und die Welt gerade bewegen, fokussieren. Wenn wir die lauten Schreihälse noch lauter stellen. Wenn Zeitungen vor lauter Missständen nicht mehr die Errungenschaften unseres Kontinents thematisieren, wenn Politiker keine Visionen mehr haben und wenn wir vor lauter Wandel starr in alte Konzepte zurückzufallen, statt die neuen Chancen zu ergreifen, zu reflektieren und zu gestalten.

Die leise Mehrheit?

McCann Worldgroup gibt jedes Jahr eine neue, globale Studie zu den Einstellungen, Werten und Erwartungen der Menschen heraus. Dabei werden meist mehrere zehntausend Menschen befragt, oft ergänzt durch Experteninterviews. Natürlich stehen dabei oft Marken und Unternehmen im Vordergrund, generieren wir durch diese einzigartigen Befragungen doch Insights für unsere Kunden. Diesmal aber stand Europa im Vordergrund und zum ersten Mal haben wir keine thematische Studie über Alter, Schönheit oder globale Marken vorgelegt, sondern über eine Region, die zunehmend einseitig gesehen wird. Und sich dadurch selber schadet.
„Um den Schlaf bringen wir uns nur dann, wenn wir weiter in großen Schlagzeilen die negativen Tendenzen, die unseren Kontinent und die Welt gerade bewegen, fokussieren. Wenn wir die lauten Schreihälse noch lauter stellen.“
Alison Segar
Die Mehrheit unserer 15.500 befragten Europäerinnen und Europäer ist optimistisch und will Europa neugestalten. Nur schreien die das nicht heraus, sondern sagen leiser ihre Meinung als die Spalter und Polarisierer! 59 Prozent erwarten weiterhin, dass Europa in Zukunft zusammenrückt. Das zeigt am anschaulichsten, dass 82 Prozent der Befragten sich einen High-Speed Zug wünschten, der alle großen Metropolen, von Lissabon bis Bukarest, von Oslo bis Rom miteinander verbindet. Und dass die Anzahl derjenigen, die gern mehr durch Europa reisen würden, aber nicht das Geld dafür übrig haben, doppelt so groß ist, wie die Anzahl derjenigen, die kein Interesse haben.

In Europas derzeitiger Krise steckt nämlich schon der Kern zur Genesung. In all den negativen Schlagzeilen steckt direkt mit drin, was sich die Europäerinnen und Europäer wünschen: mehr Verbindendes, mehr Haltung, mehr Gerechtigkeit – und mehr Vision. Die Menschen geben nicht auf, weder die Demokratie, noch den Rechtstaat, noch den Wohlfahrtstaat, noch die europäische Integration. Sie nehmen sie nur viel mehr in die Pflicht! In derzeit leider zu leisen Tönen! Deshalb wollten wir als Werbeagentur die leisen Töne mal wieder lauter stellen und die lauten runterdrehen! 15.500 Befragte in fünfzehn Ländern können nicht lügen.

Hoffnungsträger Deutschland

Auf Deutschland ruhen dabei besonders große Hoffnungen. Entgegen der Selbstwahrnehmung der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger sprechen alle europäischen Nachbarn uns zu, wichtige Impulse für die Zukunft geben zu können. Franzosen und Polen nannten überdurchschnittlich und in der Mehrheit Deutschland als das Land, dessen Kultur Vorbildcharakter für Europa haben könnte. Deutsche Automobilmarken werden als diejenigen genannt, die europäische Werte am besten repräsentieren. Mit unseren erfolgreichen Unternehmen, weltweiten Marken und unserer Wirtschaftskraft könnten wir in der Bundesrepublik viel offener, lockerer und mutiger in Deutschland sein. Mit unserer Ingenieurskunst, unserem Design und unseren Denkern – nicht nur Heine – viel kreativer nach außen treten, anstatt uns mit Selbstzweifeln wachzuhalten.

"Truth about New Europe“ heißt unsere aktuelle Studie, die aus vielen verschiedenen Blickwinkeln – von Politik, Sicherheit, Integration, aber auch Konsum, Tourismus und Gesellschaft her – ein neues Bild unseres Heimatkontinents zeichnet, ohne dass sie Studie zwingenderweise auf Hoffnung und Mut ausgelegt war. Nur wir müssen auch hinhören, die Echoräume überwinden und uns auch den differenzierenden, leisen, manchmal komplizierten Ideen wieder öffnen.
„Mehr als 81 Prozent der Befragten erhoffen sich von Marken einen positiven Beitrag für die Welt, für Diversität, Umweltschutz und mehr Gerechtigkeit.“
Marken eröffnen sich dadurch eine ganz neue Chance, egal ob Automobilhersteller, Discounter oder Make-Up-Produzent. 71 Prozent der Europäer erwarten von Marken, dass sie eine größere Rolle darin spielen sollten, Europa näher zusammenzubringen. Mehr als 81 Prozent der Befragten erhoffen sich von ihnen einen positiven Beitrag für die Welt, für Diversität, Umweltschutz und mehr Gerechtigkeit. Zudem geben 73 Prozent der Europäer an, weniger besitzen und mehr teilen zu wollen. Und 79 Prozent der Befragten glauben, dass europäische Firmen mehr zusammenarbeiten sollten, um Probleme besser zu lösen. Dieses Vertrauen birgt Erfolg.

In der Mitte Europas und als zentraler Wirtschaftsmotor können deutsche Unternehmen diese Hoffnung, die in sie gesetzt wird, nutzen. Wie Nike und Starbucks in Amerika oder L’Oréal aus Frankreich können sie Haltung zeigen, um Pioniere eines besseren Zusammenlebens zu sein. Mit diversifizierten Produkten unseren vielfältigen Gesellschaften Rechnung tragen und mit neuen Technologien und Services dort Lücken schließen, wo die Politik gerade überfordert ist.

Einzigartige Synergien

Heine verfasste sein Gedicht „Denk ich an Deutschland“ damals vor den Revolutionen von 1848 im Pariser Exil. So weit sind wir noch nicht. Mehr als 80 Prozent der Europäer sehen in der Vielfalt Europas ihren größten Vorteil, empfinden den Kontinent nicht nur als Ort, sondern als eine Kultur, eine Zivilisation, eine Idee. 53 Prozent fühlen sich egal wo in Europa auf unserem Kontinent zuhause. Optimistisch ist mindestens die Hälfte! Manchmal mehr! Also: appellieren wir an dieses Gefühl, machen wir es nutzbar, als Unternehmen, Marken, Agenturen! Und leisten wir damit nicht nur einen Beitrag für den eigenen Erfolg, sondern für unsere gemeinsame Zukunft! Selten zuvor ließ sich beides so gut verknüpfen.
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