Jedem sein eigener Award

Deshalb verlieren Branchen-Auszeichnungen immer mehr an Bedeutung

Dienstag, 26. Juni 2018
Immer mehr Unternehmen vergeben Awards, ohne bei der Bewertung die gebotene Seriosität und Neutralität zu beachten, findet Uwe Kohrs von der Agentur Impact. Kohrs nennt den "The Best Agency"-Award als Negativ-Beispiel und sieht dadurch die Reputation seriöser Auszeichnungen gefährdet. "Je mehr es davon gibt, desto mehr sinkt die Bedeutung", sagt Kohrs im Gastbeitrag für HORIZONT Online.

Preise und Auszeichnungen sind ein wichtiges Element in unserer Branche, sollen sie doch den Leistungsstand unserer Arbeit wiederspiegeln und die Wertigkeit von Kommunikation einem breiten Publikum vermitteln. Bei allen Eifersüchteleien, die natürlich dazugehören, ist das akzeptierter Common Ground für alle Kommunikationsschaffenden in der Republik. Umso mehr nervt es, wenn Awards und Rankings zu Geschäftsmodellen einzelner Anbieter und Verlage werden, die primär für Beliebigkeit stehen und die Reputation von seriösen Auszeichnungen beschädigen.

Aktuell sind wieder zwei neue "Experten" unterwegs, die vermeintlich über ausreichend Kompetenz verfügen, um Deutschlands beste Berater oder "The Best Agency" zu küren. Was die Ausrichter qualifiziert, bleibt unklar und im Fall der besten Berater waren im Vormonat die Digital Champions und davor die Baumärkte mit Gartencenter der Gegenstand des Auszeichnungsverfahrens. Das spiegelt doch echte Branchenkompetenz, scheint aber ein gutes Geschäftsmodell für die auf Servicequalität spezialisierte Analysegesellschaft zu sein.

„Awards ohne die gebotene Seriosität und Neutralität in der Bewertung führen den eigentlichen Stellenwert von Auszeichnungen in der Branche schnell ad absurdum – und je mehr es davon gibt, desto mehr sinkt die Bedeutung.“
Uwe Kohrs
Im Fall der Suche nach der Best Agency steht eigentlich ein echter Branchenkenner hinter dem Award. Der hat bis vor kurzem noch die Qualität der Selbstdarstellung von Agenturen beurteilt und meint damit jetzt die Grundlage zu besitzen, um mit der von ihm eingesetzten Jury die Gesamtperformance der Agenturen zu beurteilen und die "Best Agency" zu küren. Dies auch in Bereichen wie zum Beispiel PR, wo eher weniger Erfahrung vorhanden ist. Aber sei es drum, zu viel Detailwissen kann ja auch den Blick verstellen.

Es bleibt aber dabei, hier sind Unternehmen am Start, die aus Eigeninteresse ein Agenturranking als Teil der Selbstvermarktung umsetzen und sich einreihen in die Flut von vermeintlichen Top-Auszeichnungen und Awards, die seit einigen Jahren die Branche beglücken. Mit echter Leistungsschau der Branche hat das nichts zu tun. Da kann man nur hoffen, dass sich Agenturen die Einreichung zweimal überlegen. Awards ohne die gebotene Seriosität und Neutralität in der Bewertung führen den eigentlichen Stellenwert von Auszeichnungen in der Branche schnell ad absurdum – und je mehr es davon gibt, desto mehr sinkt die Bedeutung.

Hinter vorgehaltener Hand echauffiert man sich in der Agenturszene über diese Form der Auszeichnungs-Beliebigkeit. Aber es finden sich immer noch ausreichend Teilnehmer, die das Geschäftsmodell funktionieren lassen. Andererseits ist es natürlich ein reizvoller Gedanke gemeinsam mit Freunden und einem interessierten Verlag mal ein Ranking für Pitchberater oder andere Kreativleistungen an den Start zu bringen. Frei nach dem Motto: Jedem sein eigener Award, da geht doch noch was.




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