Emotionale Merkel-Ansprache zu Corona

Die neue Mutter der Nation hat gesprochen

Donnerstag, 19. März 2020
Am gestrigen Abend schaute die ganze Nation auf die Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Corona-Krise. Natürlich saß auch PR-Experte Frank Behrendt vor dem TV-Bildschirm. In seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online erklärt der Senior Advisor Serviceplan Public Relations & Content, warum ihn die Rede der sonst so nüchternen Kanzlerin besonders berührt hat und weshalb er glaubt, dass es nicht die letzte Ansprache Merkels in diesen Zeiten gewesen sein wird.
Wenn meine Mutter uns einst sagte "Es ist ernst", dann wussten wir Kinder, was der finale Gong geschlagen hatte. Wenn unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel, die eigentlich nie die Nachfolge der ewigen Mutter der Nation, Inge Meysel, einnehmen wollte, weniger nüchtern als sonst ans Volk spricht, dann hört man genau hin. Es war ihr ernst.


Wir haben ihr gestern als Familie wie Millionen andere sehr aufmerksam gelauscht. Bei der Passage, in der sie Statistiken in Bilder goss, hatten wir alle einen Kloß im Hals: "Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern das ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen. Und wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt." Die Kanzlerin saß neben uns. Als Frau. Als Mitbürgerin. Als Mensch. Bei uns zu Hause saßen meine Frau, mein Sohn (12) und unsere jüngste Tochter (9) gemeinsam vor dem Bildschirm und hörten "der Chefin" zu. Per Telefon konferierten wir im Anschluss mit Oma, die vor allem die Enkel derzeit aus Vorsicht und Liebe nicht sieht und sich über jedes Telefonat freut wie ein kleines Kind.
Aldi Nord und Aldi Süd haben die Plattform #Gemeinsamgehtalles ins Leben gerufen
© Aldi
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Als "Angie" am Ende nicht den Macron machte sondern mit Wärme in der Stimme "Passen Sie gut auf sich und Ihre Lieben auf" sagte, hatte ich Tränen in den Augen. Es hat mich berührt. Und nicht nur mich. Der sehr geschätzte Sportchef der Rheinischen Post, Gianni Costa, twitterte: "Die Ansprache der Kanzlerin sehen. Tränen kullern übers Gesicht. Das alles ist kein Roland-Emmerich-Film." Ein Bruder im Geiste. Mein Sohn war schwer beeindruckt von der Kanzlerin: "Echt gut, was sie gesagt hat. Hoffentlich haben alle zugehört." Oma kommentierte: "Ich bin froh, dass wir sie haben."

Politiker können eigentlich machen und sagen was sie wollen, Nörgler, Besserwisser und Schlaumeier, die es ganz anders gemacht hätten, gibt es immer. Deshalb fände auch ich es völlig falsch, mir als neunmalkluger Berater und Sohn eines Lehrers im Nachgang anzumaßen, den roten Korrekturstift anzusetzen. Sie war gut. Punkt. BILD-Chefredakteur Julian Reichelt und sein Vize Paul Ronzheimer fetzten sich dagegen über die Ansprache der Kanzlerin vor laufender Online-Kamera und einer erstaunt lauschenden Moderatorin. Ronzheimer fand es wichtig und richtig was die Kanzlerin sagte, Reichelt hatte mehr erwartet. Vor allem konkrete finanzielle Zusagen, denn das Monatsende rückt näher und viele wissen derzeit nicht, wie sie weiterlaufende Kosten ohne aktuelle Einnahmen abdecken sollen.


Mein senioriger Patenonkel Hans, weit in den 80ern und derzeit ganz allein zu Hause in Harburg, um sich als Vertreter der Risikogruppe nicht zu infizieren, sagte mir vorhin am Telefon: "Warum überweist die Regierung nicht allen Steuerzahlern eine auf die gezahlten Abgaben des letzten Jahres abgestimmte außerordentliche Rückerstattung als Überbrückungspräsent? Die Kontonummern liegen ja vor…" Einfach und pragmatisch. So eine greifbare Lösung schwebt sicher auch dem BILD-Chef vor und ich bin sicher, vielen Menschen in unserem Land würde das aktuell sehr helfen.
„Fakt ist: In der Krise braucht man Frauen und Männer an der Spitze, die mit den Menschen sprechen, die klar sind, die beruhigen, aber auch Klartext reden und nichts beschönigen.“
Frank Behrendt
Aber die in der Krise kommunizierende Kanzlerin hat gestern erst einmal appelliert, die Bürgerinnen und Bürger nochmals eindringlich aufgerufen, die eingeleiteten Maßnahmen zu unterstützen. Das war natürlich absolut vernünftig. Das Wort "Ausgangssperre" hat sie dabei (noch) nicht in den Mund genommen. Sie hätte es tun können um allen, die durch ihr Verhalten immer noch so tun, als ob sie das ganze Thema nichts angeht, noch stärker wachzurütteln. Ob es genutzt hätte, wage ich allerdings zu bezweifeln. "So viel Hirn kann der Herr gar nicht vom Himmel regnen lassen, um denen zu einem Mindestmaß an Solidarität und Verantwortung zu verhelfen" las ich gestern auf Twitter.

Fakt ist: In der Krise braucht man Frauen und Männer an der Spitze, die mit den Menschen sprechen, die klar sind, die beruhigen, aber auch Klartext reden und nichts beschönigen. Markus Söder ist so einer und bekommt aktuell für seinen Kurs und seine Kommunikation viel Applaus. Zu Recht. Gerade hat er in einer Regierungserklärung im Landtag in München die verbale Bazooka rausgeholt: "Wenn sich viele Menschen nicht freiwillig beschränken, dann bleibt am Ende nur die bayernweite Ausgangssperre als einziges Instrumentarium, um darauf zu reagieren." Das gilt übrigens nicht nur für Bayern, das sollte jeder und jedem klar sein.

Die Kanzlerin, da bin ich sehr sicher, wird in dieser Krise nicht zum letzten Mal ans Volk gesprochen haben. Ohnehin sollte im politischen Berlin überlegt werden, ob eine künftige Kanzlerin oder ein künftiger Kanzler nicht grundsätzlich viel öfter mit allen Menschen im Land kommunizieren sollte. Und zwar nicht nur dann, wenn es ums Eingemachte geht. Ein CEO am Steuerrad eines Unternehmens spricht schließlich auch nicht nur im schlimmsten Sturm mit der gesamten Crew. Aber bleiben wir im hier und jetzt: Eine mehr kommunizierende Kanzlerin ist aktuell sicher nicht verkehrt. Hamsterkäufe, Fake-News, Ängste und vieles mehr kriegt man nur dann auf der nationalen Fläche in den Griff, wenn top-down transparent und kontinuierlich kommuniziert wird.
„Eine Kanzlerin, die so wie gestern emotionaler und wärmer spricht als sonst, wird uns als Rückendeckung gut tun. Wir sind das Volk. Und Angela Merkel ist eine von uns.“
Frank Behrendt
Daher wird vielleicht bald eine weitere Ansprache notwendig sein, bei der Angela Merkel dem Volk eine Ausgangssperre vermitteln muss. Nicht weil sie es will, sondern weil ein Teil der Bevölkerung leider nahezu darum gebettelt hat. Und dann, wenn die Zahlen der Neuinfektionen hoffentlich bald zurückgehen, wird es sehr nötig sein, das Land auf den Wiederaufbau einzustimmen und motivierende Worte zu finden – neben der Verkündung entsprechender Maßnahmen, um der Wirtschaft den dringend benötigten Comeback-Schwung zu verleihen.

"Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames Handeln ankommt", sagte die Kanzlerin gestern. Nach dem Weltkrieg lag unser Land in Trümmern, auch real. Diesmal wird es anders sein. Schutt von zerbombten Gebäuden müssen wir nicht wegräumen, aber die Schäden werden auf eine andere Art und Weise gravierend sein. Meine stets lebensbejahende Mutter gehörte damals zu denen, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut haben: "Wir hatten nicht mehr viel, aber wir hatten die Energie und den Antrieb, um etwas Neues zu schaffen." Sie haben es geschafft und wir werden es auch schaffen. Deshalb brauchen wir jetzt in der Krise und auch im Anschluss ganz viele mutige und positiv tickende Macherinnen und Macher. Eine Kanzlerin, die so wie gestern emotionaler und wärmer spricht als sonst, wird uns dabei als Rückendeckung gut tun. Wir sind das Volk. Und Angela Merkel ist eine von uns.
2 Kommentare Kommentieren
  1. Geschäftsführer Joerg Fieback
    Erstellt 19. März 2020 13:07 | Permanent-Link

    Chapeau, Herr Behrendt! Ihr Kommentar, spricht mir sehr aus dem Herzen.

  2. Michael Schipper
    Erstellt 19. März 2020 15:35 | Permanent-Link

    Franky: Danke!

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