Virginie Briand

Qualität durch Quote!

Dienstag, 24. März 2015
Familienfreundliche Arbeitszeitmodelle, gleiches Gehalt für Frauen und Männer, eine bessere Frauenförderung: Ohne Quote wird all das in der Agenturbranche nicht gelingen, schreibt Virginie Briand, Geschäftsführerin der Werbeagentur 19:13, in ihrem Gastbeitrag auf HORIZONT Online.

Ich freue mich immer, wenn Männer sich um Frauen kümmern. Und das meine ich gar nicht zynisch. Ich begrüße alle Initiativen, welche die Gleichberechtigung von Frauen unterstützen und sich für ein neues zeitgemäßes Frauenbild einsetzen. Solange sie eines nicht tun. Nämlich fadenscheinig Frauenförderung betreiben, um eines zu vermeiden:



Die Quote.

Ich habe selbst acht Jahre in der Automobilindustrie gearbeitet. Seit über acht Jahren arbeite ich in der Werbung. Ich denke ich weiß, wie es sich anfühlt, als Frau – und seit kurzem auch als Mutter - in maskulinen Umfeldern zu arbeiten.


Nach meinem Dafürhalten ist es wenig zielführend,  besonderes Augenmerk auf die Darstellung von Frauen in der Werbung zu legen. Zum einen fühlt sich eine Sonderkategorie für die Darstellung von Frauenbildern ganz schön nach Randgruppenförderung an. Zum anderen werden auch heute schon Kampagnen prämiert, die ein neues Bild von Frauen zeichnen. Der "Dove"-Ansatz, den Unilever seit 2004 konsequent verfolgt, ist das beste Beispiel. Ein herausragender Insight, exzellent umgesetzt – entsprechend oft prämiert, und das bei sämtlichen Kreativwettbewerben. Besser geht es eigentlich nicht; auch nicht mit einem "Glass Lion" in Cannes. Und zu guter Letzt zäumen wir damit das Pferd von hinten auf. Denn wie lässt sich eine zeitgemäße Darstellung von Frauen in der Kommunikation in jedem Fall sicherstellen? Genau. Durch mehr Frauen in Führungspositionen. Und wie kriegen wir die? Durch die Quote.

Als Geschäftsführerin schlagen hier zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits möchte auch ich die Mitarbeiter fördern und die Bewerber einstellen, welche  die beste Qualifikation haben – und zwar unabhängig vom Geschlecht. Andererseits bin ich der festen Überzeugung,  dass wir uns in Summe nur bewegen, wenn der Druck entsprechend hoch ist. Genau aus diesem Grund steht auch Angela Merkel hinter der Quote,  da es "viele Versprechungen und Selbstverpflichtungen der Wirtschaft gab, die alle zu nichts geführt haben". Sprich: Ohne Druck bewegt sich nichts. Und bewegen muss sich viel.  Wir brauchen in der  Agenturbranche zwingend neue Arbeitszeitmodelle, um die Vereinbarkeit von Job und Familie sicherzustellen und damit weibliche Karrieren zu ermöglichen.  Wir müssen sicherstellen, dass Frauen und Männer künftig die gleichen Gehälter bekommen. Wir tragen Verantwortung dafür, dass sich qualifizierte Frauen mit Ihren Fähigkeiten und Talenten entsprechend einbringen und wirken können. Das heißt für mich Qualität durch Quote.

Wir selbst haben dies bei 19:13 bereits beherzigt. Bewusst setzen wir in unserem neuen Creative- und Account-Board auf ein "Mixed Team" – bestehend aus zwei Frauen und drei Männern. Im Übrigen ist uns diese Quote auch nicht besonders schwer gefallen.

Mein Geschäftspartner hat darauf bestanden, dass ich nach der Geburt meiner Tochter nach wie vor das gleiche Gehalt wie er bekomme – und das obwohl ich nur 4 Tage in der Woche arbeite. Denn: Jeden Freitag ist bei mir Mama-Tag. Ich selbst bin dann nie in der Agentur – meine Mitarbeiter und Kunden wissen und respektieren das. Eine schöne Erfahrung: Jeder von uns ist auch mal abkömmlich. Sogar in der Geschäftsführung.

Klar ist aber auch: Wir sollten derartige Modelle nicht idealisieren. Sie verlangen von allen einiges ab. Ein Mamatag heißt eben trotzdem auch Erreichbarkeit – sei es per E-Mail oder Telefon. Und es heißt eben auch Arbeiten weit außerhalb der üblichen Bürozeiten – frühmorgens, spätabends wenn das Kind im Bett ist und am Wochenende.

Es gibt für ein solches Vorgehen sicher keinen Königsweg. Die Lösung ist abhängig von der Agentur- und Kundenstruktur bzw. auch der eigenen Organisation. Deshalb wird man ein so ambitioniertes Großprojekt wie "Karriereförderung für Frauen" kaum mit starren Vorgaben und Verordnungen lösen können. Stattdessen verlangt es viel Augenmaß, Flexibilität und auch Transparenz: Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir auch unsere Kunden in diesen Prozess von Anfang an offen mit einbeziehen. Wichtig ist jederzeit ein klares  und ernst gemeintes Commitment. Und das gibt es für mich nur mit einem Bekenntnis zur Frauenquote.

Ein "Weiter so" wird das Problem genau so wenig lösen wie die langwierige Gremienarbeit in den Verbänden. Wenn es uns nicht gelingt, die Attraktivität von Werbeagenturen als Arbeitgeber zu erhöhen, ziehen wir gerade bei der Generation Y, bei der bekanntlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf einen hohen Stellenwert hat, den Kürzeren. Im Übrigen bei Männern wie Frauen.

Das wäre übrigens auch für die  Kunden schade: Ich bin mir sicher, dass Frauen für – sagen wir mal  – Redcoon eine andere kreative Umsetzung des Gedankens "Billiger geht's nicht" gefunden hätten. Zumindest hätten sie den Frauen ein paar vernünftige Bikinis spendiert. Sage ich jetzt mal als Frau.

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