Till Diestel über Adam & Eve DDB

"Es ist kein Paradies"

Montag, 23. Februar 2015
Vor fünf Monaten hat Till Diestel Hamburg gegen London getauscht. Der ehemalige Executive Creative Director von Serviceplan arbeitet heute als Creative Director bei Adam & Eve DDB, eine der angesagtesten Kreativagenturen weltweit. Ihre Kampagnen für Harvey Nichols und John Lewis zählten 2014 zu den meistprämierten Arbeiten bei internationalen Award Shows. Hier zu arbeiten muss das Paradies sein, denken wahrscheinlich einige deutsche Kreative. Kommt darauf an, wie man Paradies definiert, meint Diestel. In einem Gastbeitrag erzählt er über das Abenteuer London, das anders ist als alles, was er in seinen acht Berufsjahren in Deutschland gelernt hat:

"Warum ist Adam & Eve DDB ein Paradies und die beste Agentur der Welt? Ich werde nicht von den Topkreativen schwärmen, die in dieser Agentur sitzen, sondern von den Grundstrukturen. Sehr deutsch, ich weiß. Also, als Erstes: Es ist kein Paradies, weil unsere Kunden eben nicht einfacher sind und wir auch nicht mehr Zeit oder mehr Geld zur Verfügung haben. Das typische Vorurteil und der Glaube, ja, da drüben ist halt alles leichter', stimmen nicht. Nein, es sind der Aufbau, die Strukturen, die Hierarchien dieser Agentur, übrigens vieler angelsächsischer Agenturen, die sie zum Paradies machen.

Geht zu Adam & Eve DDB in London: Till Diestel
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Executive Creative Director Till Diestel geht zu Adam & Eve DDB

Neue Herausforderung für Till Diestel: Der 29-Jährige Top-Kreative verlässt Serviceplan nach acht Jahren, um seine Karriere bei der Londoner Agentur Adam & Eve DDB weiter voranzutreiben. Diestel hat bei Serviceplan eine steile Karriere hinter sich: Er startete 2006 direkt nach seinem Studium an der Miami Ad School Europe bei der Hamburger Niederlassung. 2011 wurde er zum Innovation Director für die gesamte Agenturgruppe ernannt. Serviceplan war damit die erste Agentur in Deutschland, die eine solche Position geschaffen hatte. Zuletzt war als Executive Creative Director tätig.

Der wesentliche Unterschied zu deutschen Agenturen: Jeder Mitarbeiter hat eine Aufgabe und nicht drei oder mehr. Berater beraten und sind nicht außerdem Strategen und Producer. Art-Direktoren sind Art-Direktoren und nicht zustätzlich Konzeptioner und Reinzeichner. Kreative sind Ideenentwickler und nicht nebenher Berater oder die Hotline für alle Probleme und Fragen. In Deutschland sollen Kreative Alleskönner sein und alles machen – und dabei ist am Ende oft alles so mittel. Wie soll ein Junior AD, der ein brillanter Designer ist, auch noch die Erwartungshaltung (auch an sich selbst) erfüllen, eine große Kampagne realisieren zu können und damit am besten auch noch einen Gold-Löwen zu gewinnen? Frust und Mittelmaß sind vorprogrammiert.
„Nur weil jemand den Ehrgeiz besitzt, mehr Geld verdienen zu wollen, muss er nicht gleich Kreativdirektor werden.“
Till Diestel
Es gibt hier keine zwanghafte Kreativdirektoren-Beförderung. Nur weil jemand den Ehrgeiz besitzt, mehr Geld verdienen zu wollen, muss er nicht gleich Kreativdirektor werden. Ein brillanter Texter, Designer, Art-Direktor, Konzeptioner kann hier genauso viel verdienen wie ein Creative Director (CD) – oder auch mehr. Wir haben Texter, die das Dreifache verdienen. Warum? Weil sie es wert sind, aber die Aufgaben von einem CD gar nicht übernehmen wollen. Nicht jeder Top-Kreative ist automatisch zum CD geboren. Hier macht jeder, was er am besten kann.
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Unsere Jobs werden durch ,Trafficer' verteilt und nicht vom Chef, weil der gerade meint, er braucht jetzt XY – ohne die Auslastung zu kennen. Trafficer schaffen Ordnung, Ausgeglichenheit und nehmen CDs, Etat-Direktoren, Chefs Arbeit ab. Unsere Jobs werden immer zwischen Kreativteams gepitcht, das erhöht das kreative Ergebnis.

Meine Chefs und Gründer sitzen nicht in ihren Elfenbeintürmen, sondern mitten drin – im Großraumbüro mit 30 anderen. Adam & Eve DDB hat Arbeitsweisen wie ein Start-up – obwohl hier fast 500 Leute arbeiten und die Agentur zum DDB-Network gehört. Wir geben Verantwortung ab. Ein Creative Director muss nicht jede hundertste Adaption von einer Kampagne sehen. Dafür gibt es zum Beispiel ein Studio mit einem Head of Design und Head of Art.

Das sind nur ein paar Beispiele, aber diese Arbeitsweisen, Verantwortungen und Strukturen helfen, eine der besten Agenturen der Welt zu sein. Und ja, wir haben auch super talentierte Kreative, aber die sind hier, weil die Agentur so arbeitet wie sie arbeitet."

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