Anzeigenmotive

Wenn Kunden die Werbetexte verfassen

Donnerstag, 09. Oktober 2014
Werbung mit Testimonials ist durchaus überzeugend. Und ganz besonders dann, wenn die Kunden bekunden, dass sie das Produkt nie wieder kaufen werden!
Stellt Euch einmal vor, liebe Freunde der Werbung, Ihr betretet eine Filiale von Lidl, und zwar in der Absicht, dort eine Flasche spanischen Rotwein käuflich zu erwerben. Und dann steht Ihr vor dem großen Weinregal und seht ein Flaschenetikett, das Euch anspricht. Und gerade wollt Ihr nach dieser Pulle greifen ...


... als Euch ein Schild genau neben diesem Wein ins Auge fällt. Auf dem Schild lest Ihr: "0% Kaufempfehlung". Und weiter im Text: "Von 91 Kunden, die diesen Wein gekauft haben, empfehlen Ihnen 0 Käufer, das ebenfalls zu tun. Die Meinungen unserer Kunden: 'Der Wein ist sauer und schmeckt miserabel!' / 'Er verursacht ein raues Gefühl im Halse.' / 'Am folgenden Tage hatte ich Kopfschmerzen!' / 'Starker Korkengeschmack!' / 'Bloß Hände weg von dieser Plörre!'" Und so weiter und so fort.

Was würdet Ihr in diesem Moment tun, liebe Weinfreunde? Die Flasche trotzdem in Euren Einkaufswagen legen? Oder den Abgang machen und Euch für den sachdienlichen Hinweis von Lidl bedanken?


Und was würdet Ihr denken? Vielleicht: "Toll von Lidl, dass der Laden mich vor dem Kauf warnt!"? Oder: "Wie töricht von Lidl, dass der Markt ein Produkt ins Angebot nimmt und eine Warnung für den potenziellen Käufer genau daneben platziert!"?

An dieser Stelle werden die meisten von Euch fragen: "Warum überhaupt erzählt uns der Spießer so eine Geschichte, die er sich doch bloß aus den Fingerspitzen gesogen hat?! Denn so etwas gibt es in echt doch gar nicht."

Gibt es aber doch, liebe Lesergemeinde! Zwar handelt es sich dabei nicht um schlechten Wein, sondern um ein schlechtes Reiseangebot von Lidl. Dieses fand der Spießer online bei Lidl Reisen. Hier wird in Spanien auf Fuerteventura das Hotel Bahia de Lobos angeboten, und zwar: 8-tägige Flugreise, 4-Sterne-Hotel, All-inclusive ab 549 Euro. Und dazu wird ausdrücklich darauf hingewiesen: "0% Weiterempfehlung, 91 Hotelbewertungen". Was meint: Nicht ein einziger der 91 Gäste würde dieses spanische Hotel noch ein zweites Mal buchen!
Ein wunderschönes Reiseziel, das Lidl uns online anbietet. Man darf bloß nicht genauer hinsehen!
© HORIZONT
Ein wunderschönes Reiseziel, das Lidl uns online anbietet. Man darf bloß nicht genauer hinsehen!
Weil der Spießer in einem solchen Fall erst mal denkt: Da ist vielleicht ein technischer Fehler passiert, hat Alfons dann die Bewertungstexte der Gäste angeklickt und gelesen: "Horrortrip mit Schauinsland", "Katastrophen-Anlage", "Finger weg, nicht buchen!", "Preis-Leistung steht in keinem Verhältnis", "Auf keinen Fall noch mal in dieser Anlage", "Verkommene Anlage! Finger weg!", "Abenteuerurlaub im Schmutz" und so weiter in schlechten Worten.

Aber: Zwischendurch gab es auch freundliche Kommentare wie: "Schön, sauber und freundlich", "Gutes Hotel, wenn man auch mal Abstriche machen muss", "Toller Urlaub", "Preis-Leistung völlig ok", "Schönes Wohnen im Lobos" und andere wohlwollende Beurteilungen.

Aber eine deutlich negative Kritik an dieser Hotelanlage überwiegt. Und über dem gesamten Lidl Reiseangebot steht ja auch der deutliche Hinweis: "0% Weiterempfehlung". Und dafür macht Lidl online Werbung. Frage: Wer wird denn wohl dieses Lidl-Angebot annehmen in der Hoffnung, dass es ein toller Urlaub werden wird? Masochisten vielleicht ...?

Was "Liebe ist" erfährt der "Bild"-Leser an jedem Wochentag auf der Rückseite seiner Zeitung vom Boulevard. Dort steht allerdings nicht, was wir dem Claim einer Anzeige entnehmen können, nämlich: "Liebe ist, wenn es Landliebe ist." Und die Headline dazu lautet: "Landliebe in jeder einzelnen Zutat."
Was ist Liebe? Milchreis in Fertigpackung?
© HORIZONT
Was ist Liebe? Milchreis in Fertigpackung?
Landliebe, das bedeutet im Allgemeinen: Liebe zum Land, was meint: Bauernhof. Da es sich beim Inhalt der abgebildeten Becher aber unter anderem um Reis, Vanille, Schokolade und Zimt handelt, also um Zutaten, die vermutlich nicht vom hiesigen Bauernhof stammen, da stellt sich dem Spießer die Frage: Was bedeutet "Landliebe" eigentlich wirklich?

Richtig ist auf jeden Fall: Wo Landliebe draufsteht, ist auch Landliebe drin. Und nicht etwa Müllers Milchreis oder der gute alte Uncle Ben. Was den Spießer dabei allerdings irritiert, das ist die Subheadline und also lautend: "So muss Milchreis schmecken."

Frage: Wer entscheidet eigentlich, wie Milchreis schmecken "muss"? Gibt es da eventuell eine offizielle Geschmacksverordnung der Milchreisproduzentenvereinigung e. V.? Oder ist es womöglich bloß ein einzelner Werbetexter, der als Vorkoster über den Muss-Geschmack des gemeinen Konsumenten entscheidet ...?

Marilyn Monroe hat es schon vor 65 Jahren gewusst: "Diamonds Are a Girls Best Friend!" Und nun kann man wieder einmal miterleben, wie bescheiden unsere lieben Frauen von heute geworden sind: In einer Anzeige von Philips sitzt eine junge Dame in der Luft an einer Wand. In der einen Hand hält sie das Futteral ihrer elektrischen Zahnbürste. Und der Textdichter hat dazu vermerkt: "DiamondClean is a girl’s best friend." Ja klar. Und "Liebe ist, wenn es Landliebe ist."
Unsere Frauen sind doch irgendwie bescheiden!
© HORIZONT
Unsere Frauen sind doch irgendwie bescheiden!
Mit Tradition zu werben, hat was. Wenn aber die Werbung mit der Vergangenheit die Gegenwart total überschattet, dann hat das gar nichts, nämlich mit Werbung zu tun.

Ein Beispiel für das voranstehend Geäußerte ist die Anzeige von Triumph-Adler. Die Älteren unter uns haben vermutlich genauso wie Spießer Alfons auf einer Schreibmaschine dieser Marke ihre Texte geschrieben. Und früher, so erinnern wir uns, gab es auch Frauen, die so ausschauten wie die Dame dort in der Annonce.
Imagewerbung: Annonce aus dem Jahre 1977?
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Imagewerbung: Annonce aus dem Jahre 1977?
Warum das Unternehmen Triumph-Adler, das heute Technik anbietet mit den Unterzeilen: "The Document Business" und "Consulting Realisation, Efficiency", warum dieses Unternehmen mit einem derart verstaubten Imagebild in Erscheinung tritt, das offenbar aus dem Jahr 1977 stammt, diese Frage wird allein die Marketingabteilung von Trimph-Adler beantworten können – wenn es dort überhaupt eine solche gibt.

Die Anzeigen der Garten- und Landwirtschaftsexperten waren bis dato immer ziemlich skurril. Nun zeigen die Gärtner ein Slice of Life, das real erscheint, aber dennoch am Thema vorbei gestaltet ist.

Wir sehen ein junges Paar in einem Garten. Wenn es der eigene Garten ist, dann haben die beiden ihn vielleicht geerbt. Oder gerade gekauft. Im letzteren Fall haben junge Menschen nicht unbedingt das Geld übrig, um einen "Experten für Garten & Landschaft" zu beauftragen, die eigene Scholle zu gestalten. Denn die Fachleute machen das in aller Regel nicht gratis.
Und die Arbeit? Die soll der Gärner machen?
© HORIZONT
Und die Arbeit? Die soll der Gärner machen?
Außerdem schaut das Pärchen so aus, als hätten die beiden jungen Leute selber noch Schwung und Spaß genug, um ihren Garten anzulegen und eigenhändig zu pflegen. Und eine Schubkarre besitzen sie auch. Oder - sind es die Gärtner?
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