Spießer Alfons

Über den Käse in der Werbung

Donnerstag, 07. Mai 2015
Es gibt in der Werbung zwei Arten von Kreativität, als dieses sind: die freie und die zielgerichtete Kreativität. Zielgruppe für freie Kreativität: Werbejuroren!
Nicht jeder Käse, der uns in der Werbung aufgetischt wird, muss uns den Appetit verderben. Aber wenn für Käse geworben wird, dann sollte die Werbung schon den Appetit des Betrachters anregen.


Nach diesem Vorwort zwei Anzeigen für Käse. Genauer: Castello Blue und Bavaria blu, was beides Blauschimmelkäse ist. Und beide Hersteller werben in Print mit einer Anzeige, die wir nebeneinanderlegen und vergleichen können mit der Frage: Welcher dieser beiden Käse macht uns Appetit?
Käse aus der Grabbelspielecke: appetitlich?
© HORIZONT
Käse aus der Grabbelspielecke: appetitlich?
Natürlich kann jeder Anzeigenleser das für sich allein abschmecken. Aber weil dieses die Kolumne des Spießers ist, erzählt Alfons hier von seinem eigenen Geschmacksempfinden.

Spießer Alfons sieht den Käse Castello Blue, wie er dort von einem Werbegestalter in "Balance" gebracht wird. Ein Kunstwerk, in der Tat, wenngleich der spießige Betrachter auch vermutet, dass dieses Gebilde nicht live entstanden ist, sondern in einem Shop ausgependelt wurde, nämlich Photoshop. Und wenn Alfons diesen Käse mit den Augen des gemeinen Konsumenten betrachtet, dann hat er das Gefühl, dass der Hersteller hier nicht nach der Lebensmittelverordnung gearbeitet hat: Der Käse suggeriert dem Betrachter, dass er ziemlich angegrabbelt worden ist, was meint: Neben der Pilzkultur dürften hier auch noch einige Bakterien mit ins Spiel gekommen sein, die den Käse nicht unbedingt appetitlicher machen.
Käse geschmackvoll – weniger für den ADC!
© HORIZONT
Käse geschmackvoll – weniger für den ADC!
Daneben die andere Anzeigenseite, nämlich Bavaria blu. Wir sehen ein appetitlich angerichtetes Brot mit der Frage: "Warum ein einfaches Brot mit Bavaria blu so glücklich macht?" Und wir gucken und antworten: Weil das Brot kein "einfaches" ist, sondern es wurde nicht nur mit Bavaria blu belegt, sondern auch mit einer halbierten Pflaume, die dem Ganzen fruchtige Frische verleiht. Daneben ein Glas Wein und am Fuße ein Konsument mit dem Ausspruch: "Mei, ist der gut!"


Legen wir die beiden Anzeigen der ADC-Jury vor, dann hat das Werk von Bavaria blu nicht den Hauch einer Chance auf einen Nagel. Castello Blue dagegen könnte durchaus von den Kunstjüngern vernagelt werden. Und was, glaubt Ihr wohl, liebe Lesergemeinde, wird der König – sprich: der Kunde – empfinden, wenn er die beiden Inserate nebeneinander betrachtet...?

Das Inserat für Gurken vom Spreewaldhof hat in den Augen des Spießers das, was ein gutes Inserat ausmacht: Appetitliche Darstellung des Produktes, eine lesbare Headline und ein markantes Branding. Also alles, was eine Anzeige braucht, um gut anzukommen beim potentiellen Kunden.
Gurken springen ins Glas und baden nicht in Essig?
© HORIZONT
Gurken springen ins Glas und baden nicht in Essig?
Nur hinterfragen darf man die Headline nicht, denn sie ist Nonsens. Wenn an die Gurken nur Dill und Zwiebeln rankommen, dann  werden nicht die Gurken sauer, sondern der Käufer. Weil der davon ausgeht, dass er mit dem Glas keine frischen Gurken kauft, sondern saure Gurken mit frischem Dill und frischen Zwiebeln.

Und wenn wirklich keiner – und nicht mal Essig – an die Gurken rankommt: Wie kommen die Dinger dann ins Glas? Springen die dort ganz von allein rein, oder kommen da vielleicht auch noch Hände ran...?

Allmählich wird der Spießer sauer, und zwar auch ohne Essiggurken. Denn obwohl Alfons schon mehrfach auf den Unfug mit dem Deutschen Parfümpreis "Duftstars" hingewiesen hat, geht der Nonsens auch im laufenden Jahr in eine neue Runde.
Über den besten Duft entscheiden, ohne die Düfte zu kennen?
© HORIZONT
Über den besten Duft entscheiden, ohne die Düfte zu kennen?
Da capo: Verbraucher sollen ihren "Lieblingsduft wählen und gewinnen". Dazu müssen sie aber nicht in eine Parfümerie gehen und alle Dürfte testen, sondern sie können das auch einfach so entscheiden, und zwar online. Und warum werden sie das tun? Weil sie "das brandneue BMW 2er Cabrio" gewinnen wollen.

Stellt Euch mal vor, liebe Lesergemeinde, bei einem Michelin-Test (nein, nicht Autoreifen, sondern Restaurants!) würden die Tester nicht in die Restaurants gehen und die Speisen und Getränke probieren, sondern sie würden sich einfach die Speisekarten im Internet anschauen und danach dann ihre berühmten Sterne verleihen!

Das wäre Quatsch, stimmt’s? Und genau dieser Quatsch begegnet uns alle Jahre wieder mit den „Duftstars“. Was also soll dieser ganze Zinnober bezwecken?

Die Kern- und Gernleser der spießigen Kolumne wissen es schon seit Jahrzehnten: Der Spießer ist nicht nur Werbekritiker, sondern gleichzeitig auch Werbeberater seiner Lesergemeinde. Wenn Ihr also mal etwas zum Thema Werbung wissen wollt, dann scheut Euch nicht, eine diesbezügliche Frage an Alfons zu richten!

So bekam der Spießer kürzlich die Anfrage einer imaginären Leserin, die eine Anzeige von Santoni beigefügt und dazu geschrieben hat: "Lieber Alfons, ich entnehme der Annonce, dass die Firma ein Sanitätsprodukt anbietet, nämlich orthopädische Stützbandagen für die Beine. Wenn ich mir das Inserat aber anschaue, dann wogt Misstrauen in meinem Busen und ich frage Sie: Können die Bandagen wirklich derart stützen, wie es das Bild in der Anzeige zeigt, wo die Frau quasi in der Luft sitzt? Mit freundlichen Grüßen – Kriemhild S. aus H."
Stützschuhe, die das Sitzen ohne Sitz ermöglichen...
© HORIZONT
Stützschuhe, die das Sitzen ohne Sitz ermöglichen...
Spießer Alfons hat das Werbewerk sogleich recherchiert und herausgefunden: Retusche! Hier wurde das Originalfoto dermaßen bearbeitet, dass der Betrachter glauben soll, die Schuhbandagen würden die Beine tatsächlich so stützen wie angezeigt.

Die Wahrheit indes sieht ganz anders aus: Die Frau saß gerade auf dem WC im Fotostudio, als der Fotograf mit seinem Shooting begonnen hatte. Die Aufnahme aber war dem Kunden zu anrüchig, sodass man beschlossen hat, das Klobecken einfach wegzuretuschieren – wenn Ihr bitte mal die beiden Bilder vergleichen wollt, liebe Freunde der Werbung.
...oder sitzt das Model in Wahrheit auf einem Thron?
© HORIZONT
...oder sitzt das Model in Wahrheit auf einem Thron?
Ja, ja, einem Retuscheur ist nichts zu schweur. Oder wie Dichter Nebel es doch so treffend geschrieben hat ins seinem Roman "Stützstrümpfe" und also lautend: "Eine Frau, die ihre Toilette macht, muss dabei nicht unbedingt ihre Toilette reinigen."
Themenseiten zu diesem Artikel:
stats