Spießer Alfons

Wie ein Bernstein zu einem Duckstein wird

Donnerstag, 21. Mai 2015
Bevor die Kreativen in den Werbeagenturen an ihre Arbeit gehen, müssen sie einen Produkttest machen. Bei Alkohol kann das problematisch werden!
Wenn ein Bier nach deutschem Reinheitsgebot gebraut ist, dann besteht es allein aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser. Dieses Gebot wurde erstmals im Jahre 1487 erwähnt. Und 2015 wurde es unterlaufen, und zwar von Duckstein, einem Bier, das nicht etwa in Entenhausen gebraut wird, sondern in Deutschland.


In einem vierseitigen Print-Beihefter propagiert die Brauerei lediglich eine "Hopfennote". Und statt Malz und Hefe enthält Duckstein pures Bernstein. Den findet der Braumeister am Ufer der Ostsee und hier in überdimensionaler Grüße – siehe den Biertrinker, der dort auf dem Braugut steht und scheinbar ins Meer pinkelt.
Freiherr von Münchhausen als Braumeister!
© dfv
Freiherr von Münchhausen als Braumeister!
Und während das Wasser zum Brauen bei anderen Bieren aus der Quelle eines Flusses kommt, da nimmt man bei Duckstein das Wasser aus dem Meer, wenn Spießer Alfons die Darstellung richtig deutet. Klar, da werden wir Bierfreunde natürlich auch den Claim am Fuße abnicken, der da lautet: "Jenseits des Gewöhnlichen". Denn gewöhnungsbedürftig ist es schon, was uns hier in der Werbung serviert wird.

Die Überschrift lautet: "Ein Geschmack für die Ewigkeit". Was will uns der Textdichter damit andeuten? Dass wir dieses Bier mit ins Grab nehmen können? Wenn wir einen Blick auf das Etikett der Flasche werfen, dann lesen wir dort: "Märzen Grand Cru". Grand Cru? Das bedeutet: großes Gewächs. Womit zweifelsohne der große Bernstein gemeint ist, der aus fossilem Harz gewachsen ist. 


Aber genug der einführenden Worte! Der Spießer kommt zur Erkenntnis, dass die Werbegestalter, die dieses Werk vollbracht haben, so intensiv produktgetestet haben, dass ihre Hirnzellen am Ende so eingeschlossen waren vom Duckstein wie die Insekten, die im Bernstein zu finden sind. Kein Wunder, dass der kreative Output dieser Bierwerbung so weit weg ist vom Konsumenten wie Duckstein von Entenhausen.

Im Bilde einer Anzeige sehen wir "Die Besten von Miele" und erfahren: "Wäschepflege, die neue Maßstäbe setzt" – siehe die Abbildung! Was sagt uns das? Der Kunde schlussfolgert: Wenn das die besten Geräte von Miele sind, dann sind alle anderen Maschinen von Miele schlechter. Und bei der Wäschepflege setzt der Kunde mit schlechteren Produkten auf alte Maßstäbe. Ist es das wirklich, was Miele mit seiner Werbung für zwei seiner Produkte zum Ausdruck bringen möchte?
Alle anderen Miele-Geräte sind schlechter!
© dfv
Alle anderen Miele-Geräte sind schlechter!
Die Nachtkerze von Weleda "festigt reife Haut" und "definiert Gesichtskonturen". Frage: Kann jemand dem Spießer erklären, wie Gesichtskonturen definiert werden...?

Definieren, das bedeutet, den Inhalt erklären. Also den Inhalt von Gesichtskonturen...? Definieren bedeutet ebenso: bestimmen, festlegen, angeben oder beschreiben, um was es sich handelt. Woraus der Spießer entnimmt, dass die Nachtkerze von Weleda beschreibt, um was es sich bei Gesichtskonturen handelt.

Aber das ist noch nicht alles, denn definieren meint auch, seine Stellung bestimmen, sein Selbstverständnis haben. Und damit ist es klar, was der Texter meint: Das Produkt sorgt dafür, dass Frauen ihre Gesichtskonturen als selbstverständlich betrachten.
Wie definiert man eigentlich Gesichtskonturen?
© dfv
Wie definiert man eigentlich Gesichtskonturen?
In § 5 des Gesetzes über die Werbung auf dem Gebiete des Heilwesens (HWG) ist festgelegt, dass für registrierte oder von der Registrierung freigestellte homöopathische Arzneimittel nicht mit der Angabe von Anwendungsgebieten geworben werden darf.

Schüßler-Salze sind so ein Arzneimittel. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass der Werbetexter nicht versprechen darf, dass Schüßler-Salze die Muskeln entspannen. Und deshalb verspricht der  DHU-Textdichter auch keine diesbezügliche Wirkung durch Schüßler-Salze, sondern er verheißt eine Wirkung durch Magnesium, das "leistungsfähige und entspannte Muskeln" macht – siehe die Anzeige! 
Oder gleich Magnesium kaufen!
© dfv
Oder gleich Magnesium kaufen!
Die Selbstdarstellerin Conquita Wurst hat viel dazu beigetragen, dass Menschen, die zwischen den Geschlechtern umherirren, sich nun häufiger selber outen. Und genau das tun auch Domenico Dolce (56) und Stefano Gabbana (52), die beiden Modeschöpfer aus Italien, die sich in ihrer Werbung neben ein Model von Dolce & Gabbana gesetzt haben – siehe die Anzeige!

Ähnlich haben das zuvor auch schon Karl Lagerfeld und Wolfgang Joop in der Werbung getan, allerdings etwas weniger feminin bekleidet als ihre beiden Italo-Kollegen. Durch diesen Werbetrick erreichen die D&G-Klamottenhändler, dass die junge Frau zwischen ihnen im D&G-Outfit besonders chic wirkt im Gegensatz zur typischen Schwarzbekleidung von Mode-Designern. Allerdings: Kopftücher lassen Euch älter aussehen, Domenico und Stefano.
Links Dolce, rechts Gabbano. In der Mitte das Model!
© dfv
Links Dolce, rechts Gabbano. In der Mitte das Model!
Und dann ist da noch der deutsche Mode-Designer Tchibo, der in seinen Läden auch Kaffee verkauft. Und Tchibo offeriert Unterwäsche für Damen und vermerkt dazu: "So sieht man auch ausgezogen anziehend aus." Ein Wort, das Fragen beim Spießer aufwirft.

Zum Beispiel: Sieht eine Frau ohne Tchibo etwa nicht anziehend aus? Und: Ist die abgebildete Frau, die Tchibo trägt, tatsächlich ausgezogen – möglicherweise aus einer gemeinsamen Wohnung.
Kaffeeklatsch: Wann ist eine Frau wirklich ausgezogen...?
© dfv
Kaffeeklatsch: Wann ist eine Frau wirklich ausgezogen...?
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