Spießer Alfons

Luft in der Werbung

Mittwoch, 18. März 2015
Küsse auf dem Bahnsteig sind nicht ungewöhnlich. Wenn auf die Teilnehmer aber ein doppelter Plakatanschlag verübt wird, muss Alfons sich Luft machen!
Als Spießer Alfons kürzlich in der Hamburger U-Bahn saß, da entdeckte er beim Halt auf einem Bahnsteig ein Plakat, das er doppelt sah, und zwar nebenein-ander. Vom Zugfenster aus konnte man "Luft" lesen und das gleich zweimal. Entziffern konnte der Spießer auch die Unterzeile, also lautend: "für die schönste Sache der Welt".


Bevor der Spießer noch darüber nachgedacht hatte, was denn wohl die schönste Sache der Welt ist, setzte die Bahn sich auch schon in Bewegung; und der Mitfahrer konnte gerade noch sein iPhone zücken und den doppelten Anschlag auf dem Bahngleis im Bilde festhalten – siehe die Abbildung!
Wer doppelt sieht, der könnte zu viel Alkohol getrunken haben. Möglicherweise war es auch der Plakatkleber, der zu tief in die Flasche geschaut und doppelt geklebt hat!
© dfv
Wer doppelt sieht, der könnte zu viel Alkohol getrunken haben. Möglicherweise war es auch der Plakatkleber, der zu tief in die Flasche geschaut und doppelt geklebt hat!
Um welches Produkt es sich hier handelt, das "Luft für die schönste Sache der Welt" gibt, konnte der Spießer nicht erkennen, zumal sein Foto an Schärfe zu wünschen übrig lässt. Aber Alfons hat recherchiert, nämlich in den Printtiteln am Kiosk. Und dort entdeckte er eine Anzeige von Gelo-Myrtol – wenn Ihr Euch das Inserat bitte mal anschauen wollt!

Nun blieb nur noch zu klären, was denn wohl "die schönste Sache der Welt" ist. Der Abbildung auf dem Plakat entnimmt der spießige Betrachter, dass wohl ein Kuss gemeint ist, für den man eine freie Nase haben sollte, um nicht daran zu ersticken.


Allerdings: Im Gegensatz zum Plakat schaut es in der Anzeige keinesfalls so aus, als passiere dort ein Kuss. Hier zeigt sich ein älteres Paar lachend die Zähne, und der Betrachter denkt: "Hoffentlich verbeißen die zwei Protagonisten sich nicht ineinander!" Und die schönste Sache der Welt ist für dieses Paar vielleicht lecker essen und trinken. Auch dazu braucht der Mensch ja Luft in der Nase, wenn er den Mund voll hat.
Lachen oder Zähne zeigen oder was ...?
© dfv
Lachen oder Zähne zeigen oder was ...?
Nebenbei bemerkt: Nicht nur ein Spießer wie Alfons glaubt, dass es für die schönste Sache der Welt nicht nur der Luft bedarf, sondern auch eines gewissen Standings beim Partner, für das ein anderes Medikament sorgen könnte, das blau ist und von Pfizer kommt.)

Aber last but not least zum Eigentlichen der Gelo-Myrtol-Werbung und der spießigen Frage: Warum wurden dort zwei Plakate direkt nebeneinander gestellt? Glaubt der Werbungtreibende tatsächlich, dass der potenzielle Kunde am ersten Plakat achtlos vorübergeht und erst beim zweiten stehen bleibt, um die Werbebotschaft aufzunehmen? Oder dachte man einfach bloß: Doppelt geklebt hält besser ...? Oder anders gefragt: Könnte sich jemand von Euch vorstellen, dass ein Inserent in einer Zeitschrift dasselbe Anzeigensujet zweimal nebeneinander schalten würde?

Ein bekanntes Kinderspiel heißt: "Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?" Wobei der "Schwarze Mann" keinen Hintergrund hat wie zum Beispiel der "Negerkuss", den es ja nicht mehr gibt, und auch nicht auf den Schornsteinfeger abzielt. Der "Schwarze Mann" ist einfach nur eine Schreckfigur für Kinder. Ihr Ursprung liegt in der Zeit der Pest und ist auf den "Schwarzen Tod" zurückzuführen.

So weit der Einstieg zum nächsten Thema, nämlich einer Anzeige von Creditreform – siehe die Abbildung! Auch hier ist von "Schwarzen Männern" die Rede, womit sich das Unternehmen mit der Pest in Zusammenhang bringt, denn es geht in dieser Anzeige um "Forderungseinzug mit System".
Frauenquote bei Creditreform = 100 Prozent!
© dfv
Frauenquote bei Creditreform = 100 Prozent!
Wie dieses "System" ausschaut, wird im Bilde dargestellt: Frauen in schwarzen Klamotten, die allesamt in der Konfektionsgröße 36 gearbeitet sind. Und von den fünf abgelichteten Frauen sind vier Blondinen mit langen Haaren.

Werbliches Fazit: Wer Schulden hat und sich nicht mit einer Frau die Pest ins Haus holen  möchte, der sollte die Forderungen lieber begleichen, denn Blondinen können mit ihren eigenen Witzen töten.

Wir sehen einen Jeep,
der auf einer Empore vor Treppenstufen steht. Der Wagen trägt kein gültiges Kennzeichen, sodass vermutet werden kann, dass es sich hier um ein zu Werbezwecken abgestelltes Fahrzeug handelt.

Und dann erkennen wir, dass sich ein Typ auf der Motorhaube herumlümmelt und in die Sonne guckt. Und während wir überlegen, was diese Darstellung wohl meinen soll, erkennen wir auch schon den Druckfehler in der Headline. Dort fehlt ein s, denn es muss natürlich heißen: "Be Ass you are."
Auto auf der Empore als Sonnenliege – is’ klar, oder...?
© dfv
Auto auf der Empore als Sonnenliege – is’ klar, oder...?
Löwenjagd: 15 deutsche Juroren sitzen im Juni in der Jury in Cannes, wo rund 100 Nationen werblich vertreten sind. Und so können die deutschen Jury-mitglieder in Cannes darüber befinden, durch welche japanischen Spots sich die japanischen Konsumenten am intensivsten angesprochen fühlen. Oder die Bürger in Brasilien, Indien und Australien, wo die deutschen Juroren die Mentalität der Menschen genauso kennen, wie die Jurymitglieder aus Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten wissen, was deutsche Verbraucher kreativ überzeugt. Schließlich leben und werben wir ja multikulti.

Und für Deutschlands Werbungtreibende ist es schon von unglaublicher Bedeutung, dass ihre Werbung in Cannes wirkt und nicht etwa in Ahrensburg oder Wanne-Eickel, wo demzufolge auch keine Werbefestivals stattfinden.

Also: Auf nach Cannes, um die Werbewirkung in den deutschen Bundesländern zu erhöhen! Die Getränke gehen ja auf Kosten der Firma.
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