Über Größe in der Werbung

Klein im Geschmack sind Löcher im Käse

Mittwoch, 25. Februar 2015
Werber zeigen gerne Größe in ihren Kreationen. Dazu gehört großer Geschmack genauso wie ein neues Produkt, das als Ikone an Größe gewinnt!

Eine der klassischen Vokabeln in der deutschen Werbung ist: Geschmack. Und zu diesem Geschmack serviert man dem Konsumenten zumeist noch ein Adjektiv. Zum Beispiel: guter Geschmack. Oder herzhafter Geschmack. Oder großer Geschmack. Frage: Was ist guter Geschmack? Es ist möglicherweise zugleich ein schlechter Geschmack, denn es kommt allein auf den Geschmackssinn des Beurteilenden an. Da kann die eine Person etwas als geschmackvoll betrachten, was die andere als geschmacklos empfindet. Zum Beispiel eine Schildkrötensuppe.


Schon an diesem einzigen Exempel erkennen wir: Es gibt keine DIN-Norm für Geschmack. Oder wie der Volksmund zu sagen pflegt: Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.

Und was ist ein herzhafter Geschmack? Geht der ans Herz und belastet dasselbe durch eine hohe Fettaufnahme des Körpers? Möglicherweise ist es ein Gericht aus Schweine-, Rinder- oder Geflügelherzen? Oder empfindet man einen Geschmack als herzhaft, wenn man in ein Lebkuchenherz beißt oder Artischockenherzen im Salat isst ...?

Aber mal ernsthaft, liebe Lesergemeinde: Schaut Euch bitte die Anzeige von Emmentaler an, die dem Spießer schon mehrfach aufgefallen ist! Das Inserat ist überschrieben: "Groß im Geschmack!" Und wer dieses Wort als Headline gedichtet hat, der hat sich dabei möglicherweise auch etwas gedacht.
Die Größe liegt im Geschmack. Oder liegt der Geschmack in der Größe ...?
© Unternehmen
Die Größe liegt im Geschmack. Oder liegt der Geschmack in der Größe ...?
Der spießige Anzeigenleser denkt: Emmentaler hat einen Geschmack, der groß ist. Das Gegenteil wäre folglich ein kleiner Geschmack. Und klein im Geschmack sind bekanntlich die Löcher im Käse. Aber wie schmeckt groß? Und auf welche Weise zeigt der kreative Werber dem Konsumenten, wie „Groß im Geschmack!“ ausschaut? Der Artdirektor wusste sich zu helfen: Er zeigt ein großes Stück Emmentaler, damit jeder deutlich sehen soll, wie groß der Geschmack ist. (Nicht der Geschmack des Verbrauchers, sondern der Geschmack vom Käse!)

Im Kleingedruckten lesen wir "Herzhaft, charaktervoll und mit Biss". Ob es sich dabei um einen guten oder einen schlechten Charakter handelt, wird nicht erklärt. Immerhin ist der Biss erkennbar: Ganz unten liegt ein Stückchen, das so ausschaut, als hätte dort jemand hineingebissen. Oder ist es nur ein geschmackloses Loch im Käse ...?

Auf die Idee, einen Menschen zu zeigen, der gerade Emmentaler isst und dessen Mimik ohne viel Worte zeigt, wie geil ihm dieser Käse schmeckt - auf so eine absurde Idee ist natürlich niemand gekommen.
Wie wird eine neue Armbanduhr zur Ikone? Ganz einfach: durch den Werbedichter!
© Unternehmen
Wie wird eine neue Armbanduhr zur Ikone? Ganz einfach: durch den Werbedichter!
Auch die Anzeigevon Breitling zeigt, wie ein Produkt an Größe gewinnt, und zwar indem man es größer abbildet, als es in Wahrheit ist. Auf diese Weise kann jedes Produkt, das im Original kleiner als DIN-A4 ist, an Größe gewinnen. Wobei sich allerdings die Frage stellt: Will der potenzielle Käufer überhaupt eine so große Armbanduhr haben? Und was ist mit der "Ikone", von der dort die Rede ist? Ein Kultbild der orthodoxen Kirche mit heiliger Darstellung kann damit wohl kaum gemeint sein, auch wenn im Breitling-Logo die Flügel eines Engels verankert sind. Also soll "Ikone" hier offenbar für Kultstatus stehen und nicht für Heiligenbild. Einen Kultstatus allerdings erwirbt man erst, wenn etwas oder jemand über eine lange Zeit unverwechselbar vorhanden und aktuell nicht in Vergessenheit geraten ist. Da kann die Marke Breitling durchaus Kultstatus haben, nicht aber "die neue Navitimer 46 mm", denn die gibt es ja noch gar nicht so lange.

Edeka macht eine sehr ansprechende Werbung. Spießer Alfons kennt keinen Supermarkt, der sich besser präsentiert. Umso mehr fällt auf, was ein Edeka-Händler macht, nämlich Schäfer's in Minden - siehe die Annonce!
Nenn es nicht Ausbildung - nenn es einfach Unfug!
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Nenn es nicht Ausbildung - nenn es einfach Unfug!
Dieser Edeka-Händler sucht "Fachverkäufer/in im Lebensmittelhandwerk, Fachrichtung Brot/Backwaren". Und bei den Tätigkeiten steht an vorderster Stelle: "Du stellst Brot und Backwaren anschaulich und hygienisch bereit". "Du" steht dort, nicht "Sie“. Und danach liest man: "Du pflegst, kontrollierst und präsentierst die Artikel".Und im Bilde wird demonstriert, wie die Artikel hygienisch gepflegt und kontrolliert präsentiert werden.

Dass Alkohol bei Menschen zu bösen Folgen führen kann, muss Spießer Alfons wohl nicht näher erläutern. Aber die schottische Whisky-Destillerie Ardbeg macht das und zeigt, was aus einem Konsumenten dieser Marke geworden ist - siehe Abbildung!
Wie Alkohol ins Auge gehen kann, das zeigt uns dieser freundliche Penner am Beispiel von Ardbeg! "Shop Now"? No, Stop Now!
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Wie Alkohol ins Auge gehen kann, das zeigt uns dieser freundliche Penner am Beispiel von Ardbeg! "Shop Now"? No, Stop Now!
Der Mann, der offensichtlich seinen Verstand versoffen hat, wurde zum Penner und läuft heute in der Gegend herum mit umgehängten Flaschen, die er wie ein Fernglas benutzt. So sieht er die Welt auch an grauen Tagen grün und erkennt: "It’s always been right up there ..." - was frei übersetzt so viel bedeutet wie: Wo zu viel Ardbeg dabei gewesen ist, kann das vorneweg ins Auge gehen.

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