Spießer Alfons

Der Weg der Frau durch die Werbung

Mittwoch, 11. Februar 2015
Das Frauenbild in der Werbung hat sich gewandelt. Die heutigen "Slices of Life" zeigen, dass Frauen so vielseitig benutzbar sind, dass man alles mit ihnen machen kann!
 Wer die Vergangenheit kennt, der kann die Gegenwart besser beurteilen. Und wer kennt die Vergangenheit der deutschen Werbung besser als Spießer Alfons, der das Geschehen seit über zwei Generationen kommentiert wie kein anderer?! Und deshalb kann der Spießer den Youngsters unter Euch HORIZONT-Lesern erzählen, wie früher einmal das Frauenbild in der Werbung gewesen ist, will  meinen: ante Alice Schwarzer.


Zu jener Zeit waren Frauen noch Mütter in der heilen Familie, wie wir sie heute nur noch aus der braven Nutella-Werbung kennen. Und die treu sorgende Mutter stand am heimischen Herd und backte den Kuchen mithilfe von Dr. Oetker. Und sie stellte die Terrine mit leckerer Suppe und Maggi-Würze auf den Tisch und bestrich die Brote der Kinder mit der guten Rama. Auch hat sie fleißig Wäsche gewaschen mithilfe von Ariel-Klementine; und den Fußboden hat sie glänzen lassen mittels Glänzer.
„So war das früher in der Werbung, als Deutschland noch das Land der Riesenwaschkraft mit der längsten Wäscheleine der Welt gewesen ist. “
Spießer Alfons
Klinisch rein war die Wohnung durch viele Putz- und Reinigungsmittel, mit denen die gute Hausfrau ihrem Heim die Glanzlichter aufgesetzt hat, die es bereits in den Bildern der Werbung gegeben hatte, bevor es Photoshop gab. Und immer war es die  Mutter, die in den Storys der Werbung geglänzt hat, niemals der Vater. Und das Geschirr wurde noch von Hand gespült, wobei das Geschirrspülmittel Palmolive die Hände der Hausfrau gepflegt hat, wie das heutzutage nur noch hochwertige Handcremes aus der Parfümerie versprechen.

Ja, so war das früher in der Werbung, als Deutschland noch das Land der Riesenwaschkraft mit der längsten Wäscheleine der Welt gewesen ist. Wo die Kinder nicht in der Kita waren, sondern den Dreck vom Spiel auf der Straße ins Heim der Familie getragen haben. Und wo die Mutti sich um alles gekümmert hat, nur nicht um sich selbst. Und wenn, dann höchstens in einer Kaffeepause mit Frau Sommer von Jacobs oder Herrn Darboven.
Badet die Dame in Champagner? Oder in Parfum?
© dfv
Badet die Dame in Champagner? Oder in Parfum?
Heute ist das anders. Zur Veranschaulichung hat der Spießer nur mal eine Handvoll Anzeigen herausgefischt, die dokumentieren, dass der lange Weg von Alice aus dem Wunderland (sprich: "Emma") die Frauen auf neue Positionen geführt hat. Im 21. Jahrhundert steht Emmas Tochter nicht mehr mit dem WC Reiniger vor der Kloschüssel, sondern sie badet in Champagner, wie Paco Rabanne uns das zeigt. Und sie liegt dort nicht etwa im ordinären Badeanzug – oh nein, sondern Eva trägt ein kleines Güldenes am Leibe und goldigen Schmuck, so  viel sie davon überhaupt nur tragen kann.
Callgirl in der Zelle: besser als auf dem Strich!
© dfv
Callgirl in der Zelle: besser als auf dem Strich!
Selbst Frauen, die nach wie vor dem ältesten Gewerbe nachgehen, stehen heutzutage nicht mehr auf dem Strich der Straße, sondern in einer Telefonzelle, wie die Reklame von Hunkemöller zeigt mit der Unterzeile "so Me", was auf Deutsch "so mich" heißt. Warum hier zur englischen Zeile eine englische Zelle gewählt worden ist, wollt Ihr wissen? Nun, zum einen gibt es in Deutschland kaum noch Telefonzellen, wo Straßenmädchen vor dem Regen geschützt werden. Und zum anderen: Hunkemöller will seinen Dessous auf diese Weise einen internationalen Touch verleihen.
Betrunken vor Glück über die neuen Schuhe?
© dfv
Betrunken vor Glück über die neuen Schuhe?
Früher war es so, dass der Mann vor dem Tresen der Bar hockte und die Bardame mit tiefem Dekolleté dahinterstand. Heute zeigt die Frau ihre Beine auf der Theke mit Schuhen von Buffalo, wobei sie dort in einer Pose steht, als versuche sie gerade, im Stehen zu pinkeln. Und im nächsten Sujet wird das Model vermutlich beim Tabledance noch tiefere Einblicke gewähren, um seine Buffalos noch attraktiver zu präsentieren.
Abkühlung nach der Party? Oder wollten die Herren Werber bloß kreationanieren?
© dfv
Abkühlung nach der Party? Oder wollten die Herren Werber bloß kreationanieren?
Saßen unsere Frauen gestern in ihrem neuen Pulli beim Kaffeeklatsch und plauderten über die Güte von Perwoll, so  wäscht die Frau von heute ihren Pulli von Iris v. Arnim stehend im Swimmingpool. Und trägt dabei  anz bewusst eine Sonnenbrille, weil ... weil ... na ja, weil sie geblendet wird vom Blitzlicht des Fotografen, warum sonst?!
Reklame-Niveau aus dem Dschungelcamp!
© dfv
Reklame-Niveau aus dem Dschungelcamp!
Und die Frau von heute hat "ordentlich Holz vor der Hüttn!". Das  ist nicht etwa eine bildliche Metapher und bedeutet, dass die Frau im Werbebilde dicke Möpse hat, sondern das Holz, das sie vor ihrer Hütte hat, ist in Wahrheit eine Holzhaustür von Maik Othmer. Und darum muss der Deutsche Werberat hier auch gar nicht einschreiten. Was die Frau in der  Anzeige mit der Haustür zu tun hat? Logo, diese junge Dame gehört zum Personal des Herstellers und kommt in der typischen Berufskleidung einer Tischlerin zu uns, um die "Holzhaustür des Monats Januar" zu montieren. Warum der Spießer Euch dieses Angebot erst im Februar präsentiert? Nun, die Tischlerin ist schon seit vier Wochen dabei, die Tür vor die Hütte des Spießers zu stellen. Und  ständig steht ihr dabei was im Wege.


Ja, liebe Lesergemeinde, von der Küchenspüle hinein ins Champagnerglas, vom Straßenstrich in die Telefonzelle war der Weg der Frau genauso weit wie vom glänzenden Fußboden hinauf auf den Tresen der Bar. Und aus der Waschküche in den  Swimmingpool. Die Quotenfrauen unserer Tage haben auf ihrem Wege zur Emanzipation das Ziel schon längst überschritten. Oder könnt Ihr Euch vorstellen, liebe HORIZONT-Leser, dass ein Mann  sich für ein After Shave ins Bierglas legt? Oder sich in Unterhosen in eine öffentliche Telefonzelle stellt, nüchtern auf einem Bartresen tanzt oder bekleidet im Pool steht beziehungsweise vor einer  Holzhaustür und dort sein Geschmeide aus der Hose baumeln lässt mit der Headline: "Echte Männer zeigen Eier!" ...?
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