South by Southwest

SXSW Serendipity 2016 – Eine Bilanz

Freitag, 18. März 2016
Wieso sind eigentlich alle so geflasht vom South by Southwest Festival? Was ist bei SXSW anders als in Cannes, auf der CeBIT oder der CES? Stephan Ritter, Director Commerce bei SapientNitro, war vorort und hat die Antworten auf diese Fragen. So viel vorweg: Die SXSW war aus seiner Sicht "wieder ein sensationelles Erlebnis", von dem alle, die dort waren, "noch Monate zehren werden", schreibt Ritter er in seinem Gastbeitrag für HORIZONT Online.

Den Begriff ‚Serendipity’ definiert das Wörterbuch Merriam-Webster wie folgt: „Luck that takes the form of finding valuable or pleasant things that are not looked for.” Eine bessere Beschreibung des Charakters der South by South West (SXSW) in Austin kann es kaum geben.



Während andere Messen, Festivals und Branchentreffs wie CES, Cannes und CeBIT ziemlich erwartungskonform bleiben, gelingt es der SXSW Interactive in Austin jedes Jahr wieder, durch eine unvergleichliche Mischung von Themen und Teilnehmern für alle Besucher ein einzigartiges Erlebnis mit einer Vielzahl von unerwarteten Impulsen zu schaffen, die man mit nach Hause nimmt. Jedes Jahr wächst die Anzahl der Besucher, jedes Jahr verändert sich das Event. Gleich bleibt die unbeschreibliche Atmosphäre der vier Tage Inspiration, die immer mehr Marken, Agenturen, Verlage, Medien, Unternehmer und Startups anzieht.  Es gibt folglich keinen Ort, der besser für Präsident Obama geeignet ist, um um Hilfe zu bitten, die USA zu transformieren: „Really the reason I’m here is to recruit all of you.“ 

Social Influencer

Ähnlichen Zulauf wie die Keynote Obamas hatten dieses Jahr die Panels der erfolgreichsten Social Influencer. Kerry Washington, bei uns eher durch den Film ‚Django Unchained’ als durch die Serie ‚Scandal’ bekannt, füllt große Säle und berichtet im Interview mit InStyle's Chefredakteurin Ariel Foxman von ihrem ‚Nebenjob’ als Social Star.

Durch Social Media wurde Kerry Washington zu einem Beauty- und Diversity-Star mit einer Reichweite von 3,9 Mio Twitter- und 2,4 Mio Instagram Followern. Aktuell ist sie ‚Brand-Ambassador’ für Neutrogena. Nachdem es einiges empörtes Getöse der Black Community gab, da Neutrogena nur Kosmetik für helle Hauttöne im Sortiment hatte, kündigte man die gemeinsame Arbeit an der Line Extension für dunklere Hauttypen an. Ein großartiger Schachzug.


Kerry Washington auf der SXSW-Bühne
© Stephan Ritter
Kerry Washington auf der SXSW-Bühne
Wie wichtig Authentizität für das Social Influencer-Marketing ist, berichteten unter anderem auch Unternehmen und Marken – wie die sehr erfolgreiche Fitnesskette Soulcycle, Neiman Marcus, Toyota, Johnson & Johnson sowie eine beachtliche Anzahl von Youtube- und Instagram-Stars. Hier genau liegt der Shift zum Vorjahr: 2015 wurde viel über Influencer Marketing gesprochen, 2016 kommen die Influencer im gesamten Spektrum vom organischen Ambassador-Konsumenten bis zur Celebrity zu Wort. 

Virtual Reality

Eine VR-Maske von McDonald's
© McDonald´s
Eine VR-Maske von McDonald's
Zweites Trendthema und dieses Jahr ‚everybody’s darling’ war ausnahmsweise keine App, sondern Virtual Reality. Samsung, Google, IBM and Dell sorgten für Demos an jeder Straßenecke: So kam als Antwort auf einen Tweet mit Aufenthaltsort in Austin und Hashtag ‚#VRonDemand’ innerhalb von 15 Minuten ein Fahrradtaxi mit mobilem Device und VR-Brille von Samsung angefahren. Und als eine der ersten Marken baute McDonalds Happy Meal-Kartons in VR-Masken um.
© McDonald’s
Wie gelungen das dann per App aufgerufene 3D-Ballerspiel war, spaltete die Gemüter. Insgesamt mangelt es bei diesem Thema momentan noch an Geräten mit hoher Auflösung, doch das Erlebnis eines Spiels oder 360-Grad-Videos für Smart, wie von den UFA-Labs im German Haus präsentiert, ist durchaus eindrucksvoll.

Den begehrten SXSW-Startup-Award hat übrigens ein Berliner VR-Startup gewonnen: Die App Splash macht die Aufnahme von 360-Grad-Videos per Smartphone möglich. 48 internationale Teams hatten sich für den Preis des ‚SXSW Accelerators’ beworben. 

Messenger Marketing

Gefahr droht den etablierten Social Media-Plattformen indes durch einen Shift der jüngeren Zielgruppen in Richtung des immer stärker werdenden Messenger Marketings. Das relativ neue Feld wurde in hochrangigen Panels ‚The next Multibillion-Dollar Opportunity’ genannt. Womit man als Standard-Messenger- oder Chatnutzer erstmal nicht so viel anfangen kann, ist in anderen Regionen schon kommerziell sehr eindrucksvoll erfolgreich: WeChat ist in China bereits eine der wichtigsten Ecommerce-Plattformen und alle großen Player arbeiten an ihren Contentstrategien für ‚Conversational Brand Experiences’. Dazu sagt Lisa Grimm von Whole Foods: „Instagram still has some organic reach. But I promise you that will be a different story 18 months from now."
Facebook, Snapchat, Twitter und Google entwickeln ihre eigene Content-Strategie
© Stephan Ritter
Facebook, Snapchat, Twitter und Google entwickeln ihre eigene Content-Strategie
 
Unilever und Comedy Central bereiten sich bereits auf diesen Shift vor: ‚Brands are one swipe away from irrelevancy’.

Die Top 4-Messenger – WhatsApp, Facebook Messenger, WeChat und Viber – haben zusammen knapp 2 Milliarden Nutzer. Hierfür braucht es natürlich eine neue Art von „sharable“ Content. Snapchat stellte auf der SXSW ihre neuen gesponserten Geofilter vor - hier ein Beispiel von Samsung und Spotify – die Nutzer nur im Bereich Austin ihren Postings hinzufügen konnten. 
Samsung und Spotify nutzen den Geofilter von Snapchat
© Samsung
Samsung und Spotify nutzen den Geofilter von Snapchat

Metathemen

In der Kategorie sehenswerte Metathemen trug auch dieses Jahr wieder ‚Simplicity’-Legende John Maeda seinen „Design in Tech Report“ vor, der dem Kauf der deutschen Unternehmen Aperto und Ecx.io durch IBM große Aufmerksamkeit schenkte. Für Maeda steht dieser Kauf exemplarisch für den sich beschleunigenden Trend, dass Consulting- und Techfirmen Design-Unternehmen kaufen. Ebenfalls erwähnenswert: SXSW-Veteran John Hagel nahm das Buzzword ‚Disruption’ auseinander und stellte ein eindrucksvolles Pattern-System zur Erarbeitung von Strategien zur digitalen Transformation vor. 

Experience Design und Big Data

Zu den Themen Experience Design und Big Data gab es eine große Anzahl an Veranstaltungen und Rednern, die sich alle in diesen Kernpunkten einig waren:

  • Alle unterschätzen die Komplexität der Herausforderung, personalisierte und individualisierte Informationen auszuliefern.
  • Künstliche Intelligenz und Predictive Marketing erzielen bereits erste Erfolge.
  • Eine auf Algorithmen basierende Alternative zu Teams aus Data Analyst, Stratege und Konzepter, wie sie gute Digitalagenturen heute in der Regel einsetzen, lässt noch lange auf sich warten.
  • „You really have to know who you are as brand to really make a sustainable difference starting a conversation.” (@rybrockington) 
  • „It's about the service, not the campaign. “

Fazit

Wieder ein sensationelles Erlebnis, von dem alle, die hier waren, noch Monate zehren werden. Beeindruckend ist die Konsequenz, mit der sich US-Unternehmen auf den digitalisierten Konsumenten einstellen.

Die Komplett-Abkehr von der in Deutschland verbreiteten Kampagnen-Denke hat vielfach bereits stattgefunden, Daten-basierte Entscheidungen entlang der Customer Journey sind eher Regel als Ausnahme.

Mit dem immer relevanter werdenden Messenger Marketing kommt die nächste Komplexitätssteigerung auf uns zu, gerade im internationalen Kontext mit unterschiedlichen lokal führenden Plattformen eine spannende Herausforderung für global agierende Unternehmen.

stats