Personalnot in Agenturen

Warum die Freelancer-Pflege zu einem echten HR- und Recruiting-Thema werden muss

Donnerstag, 07. Juni 2018
Die Kommunikationsbranche ist im Wandel. Die Anforderungen an die Teams steigen. Was tun? Aus Sicht von Ressourcenmangel-Chef Benjamin Minack können Freelancer eine Lösung sein. In seinem Gastbeitrag für HORIZONT erklärt der GWA-Präsident, wie Agenturen gute Freischaffende finden und eine langfristige Beziehung zu ihnen aufbauen können.

Kunden wollen Ergebnisse sehen. Das Thema Personalnot in den Agenturen darf, kann und soll sie nicht interessieren. Um die Arbeitsbelastung der Teams zu reduzieren oder neue Arbeitsgebiete zu erschließen, müssen Agenturen adäquate Lösungen finden. Eine davon sind Freelancer, besonders die Guten sind gefragt.

Die Herausforderungen für Agenturen nehmen nicht ab: die Fragestellungen werden vielfältiger, einheitliche Lösungswege sind immer seltener geeignet, um komplexe Aufgaben zu lösen. Wer als Agentur vorne sein will, ist gut beraten, sich zu verändern. Und zwar nicht im Sinne eines nachhaltigen Change-Prozesses, der die Pflöcke für die nächsten Dekaden einschlägt. Sondern am besten jeden Tag, jede Minute neu.

„Die Agentur als Bienenstock festangestellter Mitarbeiter, die sämtliche Konzepte, Ideen und Lösungen entwickeln und umsetzen, dieses Bild hat sich überholt.“
Benjamin Minack
Die Agentur als Bienenstock festangestellter Mitarbeiter, die  sämtliche Konzepte, Ideen und Lösungen entwickeln und umsetzen, dieses Bild hat sich überholt. Der Trend geht in eine andere Richtung: Um das Zentrum von Festangestellten wird ein Netz gespannt. Es entsteht ein Team aus Freelancern, das das Agenturteam unterstützt. Dieses Netzwerk wird aktiviert, sobald Bedarf besteht.

Für die Besten alles geben

Hier zeigt sich, was eine gute Agentur ist, woraus sie besteht und was sie ausmacht: Gute Leute. Und die kosten natürlich. Denn Kunden verlangen qualitative hochwertige Arbeit und die sollen sie auch bekommen. Willig und billig zählt hier nicht. Erfahrene Leute kosten Geld. Wer hier spart, zahlt drauf. Irgendjemanden billig zu engagieren, nur weil der gerade Zeit hat, ist keine Option. Wir wissen, wer gut ist, und genau diese Leute wollen wir.

Wir wissen aber auch: Gute Freie müssen nicht auf Aufträge warten, meist sind sie auf Wochen ausgebucht. Sie müssen sich um ihre Auftragslage keine Sorgen machen. Darum müssen wir uns umso mehr um sie bemühen, als Auftraggeber zu überzeugen – notfalls bei jeder Buchung erneut.

Es ist schlicht unwirtschaftlich, die temporär - dann aber auf höchstem Niveau - benötigten Fachkräfte mit Spezialkompetenzen dauerhaft zu halten. Das überfordert das Geschäftsmodell der meisten Agenturen. Denn das Geschäft ist beweglich wie selten zuvor. Wenn Projekte sechs Monate "on hold" sind, können Agenturen die nötigen Fachkräfte nicht auf Verdacht einstellen – die wären nämlich ebenfalls "on hold", müssten aber trotzdem bezahlt werden. Und dann beginnt eine hektische Suche nach Aufgaben, für die sie überqualifiziert sind. Das führt zu Frust.

Herausforderung sind zu schaffen

Die Herausforderung für alle Agenturen liegt also anderswo: Wenn Freelancer nicht ständig verfügbar sind, wie kriegen es Agentur geregelt und noch wichtiger, wie kann die Leistungsfähigkeit der Teams gesichert werden?

"Agentur" – das meint mehr denn je ein sich ständig wandelndes Gebilde. Auch wenn draußen dasselbe draufsteht, ändert sich das Drinnen ständig. Das bedeutet ein dauerhaftes Work-in-progress, das Heraus- und Hereindrehen immer neuer Stellschrauben. Einige Projekte laufen über Jahre, beim nächsten Mal muss "nur" der Pitch bis Freitag gestemmt werden. Manche Freie schlagen gern regelmäßig auf. Andere machen es vom Projekt abhängig – es muss sie interessieren. Manchmal ist aber auch jemand mit Expertenwissen gefragt, mit einer Leistung, die über das reguläre Angebotsspektrum der Agentur hinausgeht.

Es ist also ein Spiel mit vielen Variablen. Dass man dabei dem jeweiligen Projekt, den Möglichkeiten und Ressourcen sowie den Bedürfnissen des Kunden gerecht werden muss, haben wir verstanden. Dass den Bedürfnissen der Freelancer Rechnung getragen werden muss, dass diese Mitarbeiter umsorgt werden müssen, als wären es die eigenen – das ist eine Gewissheit, die sich noch verbreitern muss.

Mehr als "nur" Mitarbeiter auf Zeit

Die guten Leute kennt man natürlich, sie sind belastbar und schaffen oftmals die unmöglichsten Sachen. Man schätzt sich und alles ist gut. Trotzdem ist es sinnvoll, Freelancer-Pflege zu einem echten HR- und Recruiting-Thema zu machen. Warum nicht den gleichen Aufwand betreiben, wie man ihn für Junioren und Werkstudenten schon manchmal betreibt? Ein Mittel können "Freelancer-Events" sein: leckeres Essen in den Agenturräumlichkeiten und zu trinken gibt es auch. So lernt man sich kennen, tauscht sich aus und schaut, ob man gemeinsame Sache machen kann.

Diese "shared moments" haben etwas Verbindendes. Sie wecken auf beiden Seiten positive Gefühle und stärken die Beziehung. Denn Freelancer werden Teammitglied auf Zeit – aber ein vollwertiges Mitglied. Auch wenn sie regelmäßig kommen und gehen, sind auf Teamspirit angewiesen der trägt. Am Ende des Tages müssen Agenturen die bestmöglichen Bedingungen schaffen. Es geht um persönliche Beziehungen. Nicht um Geld.




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