Nach Freezers-Aus

Die Flamingo-Falle des Sports

Mittwoch, 25. Mai 2016
Das Aus war ein Schock: Eine breite Phalanx aus Sportlern, Privatpersonen und anderen Förderern wollte die Insolvenz der Eishockey-Mannschaft Hamburg Freezers abwenden. Zu den eifrigsten Kämpfern gehörte etwa Moritz Fürste, Hockey-Nationalspieler und Direktor Sportmarketing bei Thjnk. Doch selbst eine Crowdfunding-Aktion, bei der über eine Millionen Euro zusammenkamen, konnte die Freezers nicht retten. Für Jung von Matt/Sports-Geschäftsführer Raphael Brinkert ist das Aus des Clubs ein Beleg dafür, dass Vereine, Verbände und Sportstädte mehrere Standbeine brauchen. 

Am Dienstagabend, kurz nach 23 Uhr, brach in der Sportstadt Hamburg Trauer aus. Nach 14 Jahren endete das Kapitel der Hamburg Freezers. Mit einem Zuschauerdurchschnitt von über 9000 Fans waren die Freezers nicht nur in der Gunst der Eishockey-Fans in der DEL in den Top 4, sondern auch in der Hansestadt nach dem Fußball die sportliche Nummer 1.



Es ist der negative Höhepunkt nach dem knappen Olympia-Aus vor sechs Monaten. Es ist eine Sportsaison des Schreckens, die nach dem Aus des HSV Handball und den Volleyballern von VT Aurubis ein weiteres prominentes Spitzensport-Opfer findet. Und das trotz einer herausragenden Rettungsaktion um Eishockey-Kapitän Christoph Schubert und Moritz Fürste, denen es gelungen ist, in nur fünf Tagen über 1,2 Millionen an Sponsorengeldern, darunter 500.000 über die Crowdfunding-Plattform fairplaid, zu sammeln.

Mit Moritz, der neben seiner Sportkarriere als Direktor Sportmarketing bei Thjnk arbeitet, habe ich seit Freitag mehrmals täglich gesprochen, mit lokalen Partnern glühten die Drähte, am Wochenende wurde mit Banken über die Einrichtung von Treuhandkonten gesprochen. Wenn es um den Erhalt der Sportvielfalt, um Arbeitsplätze für Spieler und Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle und um ein leidenschaftliches Hobby von tausenden Fans geht, darf es keine Wettbewerber geben, sondern nur Mutmacher und Mitspieler.


Alle Mühen sollten, wie sich gestern Nacht heraus stellte, nicht belohnt werden. Doch wie konnte es überhaupt zu einer solchen Situation kommen? Wer ist schuld an dem Aus der Spitzensport-Vereine und welche Learnings können Vereine, Verbände und Städte aus dem Dilemma ziehen? Die Antwort ist, wenn man die Schicksale der Hamburger Vereine nimmt, die Flamingo-Falle des Sports, der oft nur auf einem Bein steht. Es ist die wirtschaftliche Abhängigkeit von einem einzigen Großsponsor, Mäzen oder Anteilseigner. 

Das Schicksal der Freezers wurde von der Anschutz Entertainment Group in London und den USA besiegelt, der HSV Handball durch Mäzen Andreas Rudolph abgewickelt, die Volleyballer von Namenssponsor Aurubis im Stich gelassen. Alle Vereine waren in den letzten Jahren defizitär und wurden nur durch Finanzspritzen ihrer Gönner am Leben gehalten. Ihr einziges Standbein hielt wenig Stand. 

Anschutz hat sich als Freezers- und Arena-Inhaber nach Finanzlücken von rund 2 Millionen Euro im Jahr durch den Eishockeysport für ein wirtschaftlich attraktiveres Hallennutzungskonzept entschieden. Statt den Freezers werden in den nächsten Jahren noch mehr Künstler wie Timberlake, Adele & Co. in der Arena unweit des Volksparks auftreten. Anschütz wollte keinen Rettungsversuch. Das wird umso offensichtlicher, wenn man sieht, mit welchem Kalkül und zu welch spätem Zeitpunkt die negative Lizenzentscheidung erst sechs Tage vor Ablauf kommuniziert wurde und die Verantwortlichen mit Ausnahme der negativen Entscheidung seit Tagen nichts auf den sozialen Netzwerken der Hamburg Freezers über die Rettungsversuche posten.

Vor genau zwei Jahren schlug der Nachbar der Freezers, der HSV, den Weg in die Flamingo-Falle ein. Der Anschütz des HSV ist der 78jährige Klaus-Michael Kühne, dem zwischenzeitlich nicht nur Transferrechte an Spielern und die Stadionnamensrechte gehören, sondern der mittlerweile auch mit 11 Prozent an der HSV Fußball AG beteiligt ist und in diesem Sommer 50 Millionen Euro für Spielertransfers in Aussicht stellt. Kühne vertraut bei der Bewilligung der Gelder für Spieler dabei nicht nur Sport- und Vorstandschef Dietmar Beiersdorfer, sondern auch externen Protagonisten wie Spielerberater Volker Struth und Rainer Calmund.

Während für Flamingos das Stehen auf einem Bein zwecks Kräfteeinteilung überlebenswichtig ist, wäre für den HSV der Stand auf mehreren Beinen zwingend notwendig, um auch in der Post-Kühne-Ära Fanpost bearbeiten zu dürfen.

Vereine, Verbände und Sportstädte sollten die Ereignisse aus Hamburg zum Anlass nehmen, um ihre Wirtschaftlichkeit zu hinterfragen und zu überprüfen, Strukturen zu professionalisieren und so im Idealfall aus Flamingos Tausendfüssler machen. Mit kreativen Ideen, mit der Power der Fans und der Kraft der neuen Medien. 

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