Mindestlohn

Der neue Pragmatismus

Freitag, 13. Februar 2015
Die hiesigen Agenturen kommen mit dem Mindestlohn für Praktikanten offenbar wesentlich besser zurecht, als sie selbst prognostiziert haben. Sie wollen gar auch in Zukunft ähnlich viele Praktikantenstellen anbieten wie im vergangenen Jahr. Sowohl für die Dienstleister als auch für Praktikanten wird der neue Pragmatismus in Sachen Mindestlohn Vorteile bieten.
Laut, schrill und drastisch war der Aufschrei der Agenturen, als das Mindestlohngesetz 2014 Gestalt annahm. Von "totalem Irrsinn" sprach Wolf Ingomar Faecks, Präsident des Gesamtverbands Kommunikationsagenturen GWA, um nur einen Kritiker zu nennen. Viele Agenturen sahen es ähnlich. Sie prognostizierten, ihr Angebot an Praktikantenstellen würde sinken, wenn nicht gar komplett wegfallen, wenn sie statt weniger hundert fast 1500 Euro brutto pro Monat zahlen müssten.

Seit sechs Wochen lebt nun auch die Kommunikationsbranche mit dem neuen Gesetz. Aufschrei? Panik? Drama? Fehlanzeige! Stattdessen herrscht ein neuer Pragmatismus. Gleich drei Branchenverbände haben sich schriftlich zum Umgang mit der neuen Regelung zu Wort gemeldet – am ausführlichsten der GWA, der in einer Broschüre Informationen und Fallbeispiele zum Mindestlohngesetz bereitstellt. Und die Agenturen selbst? Sie reagieren erstaunlich besonnen. Die Dienstleister konzentrieren sich zwar auf die Pflicht- und Orientierungspraktika, die nur drei Monate dauern dürfen, dafür aber vom Mindestlohn ausgenommen sind. Aber sie wollen auch in Zukunft ähnlich viele Praktikantenstellen anbieten wie im vergangenen Jahr.

Ist das nun von Nachteil für Kandidaten? Nein. Es kann für sie nur besser werden. Denn auch wenn viele Praktikanten sich zufrieden zeigen, wenn sie gefragt werden, ob die Agenturen sie angemessen bezahlen. Die meisten werden es nicht, zumindest nicht im Branchenschnitt, der bei 520 Euro liegt. Und auch für die Agenturen wird es besser werden. Zwar verbuchen sie sicherlich zunächst einen Mehraufwand in ihren Personalabteilungen für die Entwicklung neuer Einstiegsszenarien, aufwendigerer Auswahlverfahren für Nachwuchskräfte und neuer Schulungsprogramme für ihre Führungskräfte, um besser steuern zu können, dass sich die Investition in die Nachwuchskräfte tatsächlich lohnt. Langfristig wird sie sich sicher auszahlen – intern beim Talentmanagement und extern beim zuletzt angekratzten Arbeitgeberimage. Viele Agenturen sehen es wohl ähnlich – anders lässt sich der Pragmatismus, mit dem sie sich auf das neue Gesetz eingerichtet haben, nicht erklären. ems
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