Maues Gehalt

Agenturen müssen nicht nur besser zahlen. Sie müssen sich besser verkaufen

Mittwoch, 10. Juni 2015
Die Chefs der deutschen Agenturen hören beziehungsweise lesen es nicht gerne: Wer bei ihnen arbeitet wird im Schnitt schlechter bezahlt als anderswo. Das zeigen nahezu alle Studien, die sich mit dem Thema Vergütung beschäftigen - jüngstes Beispiel ist wieder einmal eine Untersuchung aus den eigenen Reihen.
Die Allianz inhabergeführter Kommunikationsagenturen hat sie gerade veröffentlicht und damit publik gemacht, was die Auswertung von 235 Beschäftigungsverhältnissen exklusive Praktikanten, Auszubildenden und Volontären in Agenturen belegt: Mit rund 2800 Euro brutto im Monat liegt das Durchschnittsgehalt eines Agenturangestellten gerade mal knapp 135 Euro über dem Mittelwert aller Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland. Das durchschnittliche Einstiegsgehalt von Absolventen liegt übrigens über dem der Agenturmitarbeiter!

Das sind Fakten, die andere mit viel Interesse lesen, über die sich viele Agenturmitarbeiter ärgern und vor allem sind es Fakten, die weit über die Agenturbranche hinaus in die Hochschulen wirken. Wie viel weniger tatsächlich auf die Konten der Mitarbeiter fließt, wie viel die Höhe der Bezüge mit der Vorbildung zu tun haben und wie viel mehr Führungskräfte in Agenturen nach wie vielen Jahren verdienen können - das spielt zwar für die Agenturchefs beziehungsweise ihre Argumentation bei einer Gegenrede zum Thema eine Rolle. Für potenzielle Nachwuchskräfte aber nicht. Denn der Diskurs um den Arbeitsplatz Agentur hat sich längst verselbstständigt.

Die Meldungen über das maue Gehalt von Agenturmitarbeitern bestätigen nur noch das Image, das sie bei vielen potenziellen Nachwuchskräften haben: Sie zahlen schlecht, sie beuten aus, sie schätzen ihre Mitarbeiter nicht. Das Bild der Mad Men hat an Glanz drastisch verloren. Jetzt mögen einige Agenturchefs zu Recht anmerken, sie hätten doch gar kein Nachwuchsproblem, es würden sich noch immer ausreichend Absolventen bei ihnen melden. Das trifft sicherlich auf manche Agentur zu. Hilft aber nicht weiter. Denn genauso stimmt, dass selbst Studenten von Hochschulen, die explizit für die Werbung ausbilden, vielfach nicht bei Agenturen einsteigen wollen. Erst recht nicht, nachdem sie ein Praktikum bei einer oder mehreren Agenturen absolviert haben. Ihnen fehlt es vor allem an Wertschätzung - die hat zwar auch, aber nicht nur mit dem Gehalt zu tun. Viele Agenturen haben also doch ein Nachwuchsproblem.

Außerdem braucht heute kein Absolvent mehr bei einer Agentur einzusteigen, um ein unkonventionelles Umfeld, spannende, kreative Jobs und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten zu finden. Die gibt anderswo auch und nicht nur bei Google.

Vor allem wissen Schüler und Studenten von diesen tollen Jobs, die es anderswo gibt. Denn die anderen hippen Branchen und erst recht die, die nicht so hip sind, bemühen sich seit Jahren verstärkt um den Nachwuchs. Auch um Kreativnachwuchs, um digitale Talente - um ihre angestammten Zielgruppen wie BWLer und Ingenieure  sowieso. Also um viele junge Leute, die auch für Agenturen als Nachwuchskräfte interessant sind. Bemühen heißt in diesem Fall nicht nur, dass sie versuchen, sie zu rekrutieren. Die Arbeitgeber geben sich vor allem viel Mühe, diese Talente zu halten - vielfach mit Dingen, die es auch in Agenturen gibt. Aber: Sie reden darüber. Inzwischen sogar auf Plattformen wie Blicksta mit Schülern und nicht erst mit Studenten.

Das tun viele Agenturen nicht. Das ist ihr Problem. Nicht das Geld. Eva-Maria Schmidt
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