Marco Seiler

5 goldene Regeln fürs mobile Zeitalter

Dienstag, 22. Oktober 2013
Die ganze Welt ist mobile - doch ausgerechnet die deutschen Unternehmen verschlafen die neue Medienkultur. In seiner HORIZONT.NET-Kolumne entwirft Marco Seiler, CEO der Syzygy Group, ein dramatisches Szenario - "Dass deutsche Marketingabteilungen nach wie vor ihre Markenerlebnisse nicht oder nur halbherzig auf die neuen Endgeräte anpassen, ist ein Faux pas ohnegleichen." - und stellt 5 Regeln auf, mit denen Unternehmen auch mobil erfolgreich sein können.


Der Sonntag-Abend gehört nicht nur den "Tatort"-Fans, sondern seit einiger Zeit vor allem den Zuschauern, die per Second Screen amüsant und mitunter auch bitterböse die Geschehnisse auf der Mattscheibe kommentieren. Bei der Debatte zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Peer Steinbrück Ende September eröffneten Twitter-User blitzartig das Twitter-Konto schlandkette für Merkels Halsschmuck und hatten binnend Minuten 4000 Follower. Beide Beispiele stehen für einen Trend, der eindrucksvoll belegt, dass wir in der Post-PC-Ära angekommen sind.

85% aller Tablet-Besitzer nutzen ihr Gerät während sie TV schauen. Knapp 40% der User gehen laut einer neuen Google-Studie in Deutschland mittlerweile über mobile Endgeräte ins Internet. Und zwar unabhängig, ob sie auf dem Sofa daheim oder unterwegs sind. So hat Nielsen gerade festgestellt, dass 68% aller mobilen Suchaufträgen von zu Hause aus getätigt werden. Der mobile Kontext hat sich längst überholt.


Smartphones und Tablets verdrängen somit zunehmend Laptops und stationäre PCs und werden zu echten Game Changers. Die digitalen Devices sind längst mehr als ein ein weiterer Kanal. Sie gehören zum Lifestyle der Menschen, sind fester Bestandteil ihres Alltags. Digitale Endgeräte sind Lebensbegleiter mit hohen Sympathiewerten. Durch die intuitiven Sprach- und Touch-Steuerungen und die Portabilität der Geräte sind sie praktischer und komfortabler in der Bedienung. Immer mehr Menschen konsumieren Inhalte über das Smartphone, selbst wenn ein PC im Haushalt verfügbar ist. Schade nur, dass die deutschen Unternehmen diesen Paradigmenwechsel noch nicht wirklich mitbekommen haben.

„Marco Seiler: Dass deutsche Marketingabteilungen nach wie vor ihre Markenerlebnisse nicht oder nur halbherzig auf die neuen Endgeräte anpassen, ist ein Faux pas ohnegleichen. “
Smartphones und Tablets prägen unseren Digital Lifestyle mehr als jede andere technologische Innovation davor. Sie schaffen einen neuen Multiscreen-Lifestyle und nehmen eine Leitfunktion im Medienkonsum ein. 90% aller User springen zwischen verschiedenen Geräten hin und her. Komfort ist King und wer das als Unternehmen nicht bedient, wird mittelfristig zu den Verlierern gehören. Denn auch im E-Commerce spielen Smartphones und Tablets eine immer größere Rolle. Für den Online-Lifestyle-Shop Fab haben iPad-Kunden einen 10mal höheren Kundenwert als Kunden, die über den klassischen PC shoppen. Manufactum und GILT haben festgestellt, dass der durchschnittliche Warenwert um bis zu 30% steigt, wenn Verbraucher über Tablets einkaufen.

Die Mehrheit der Unternehmen ist jedoch nicht darauf eingerichtet. Deutsche Marketiers sehen die digitalen Endgeräte noch viel zu sehr als weiteren Kanal an und stellen vorrangig Überlegungen in den Fokus, wie man auf Smartphones und Tablets seine Inhalte zurecht gebogen bekommt oder Werbung schalten kann. Wenn sie jedoch Kunden künftig erreichen und begeistern wollen, müssen sie ihn und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen und darüber nachdenken, wie sie sein Leben erleichtern. Getreu dem Motto: Help me or entertain me, or both . Dass deutsche Marketingabteilungen nach wie vor ihre Markenerlebnisse nicht oder nur halbherzig auf die neuen Endgeräte anpassen, ist ein Faux pas ohnegleichen. Während Millionen von Geldern immer noch in TV-Kampagnen fließen, mit denen viele Zielgruppen nur noch bedingt erreichbar sind, werden die mobilen Webpräsenzen zum Geschäftskiller. Wer etwa mobil die Website von Ferrero ansteuert, ist mit einer weißen Seite konfrontiert, weil Unternehmen noch immer mit Flash arbeiten. Messages wie Dieser Inhalt ist für mobile Geräte nicht optimiert, bitte wechseln sie zur Desktop-Version sind nach wie vor Gang und Gäbe. Im übrigen auch bei Banken, wo es selbst eine Großbank wie die Commerzbank mit commerzbanking.de es nicht schafft, seine Markenkraft adäquat mobil zu transportieren. Bei den Markenriesen Unilever oder P&G sieht es übrigens nicht anders aus.

Starke Marken nutzen mobile Chancen

In den USA hat längst ein Shift im Umgang mit digitalen Endgeräten stattgefunden. So realisieren Big Player wie Kraft Foods und Coca-Cola eigene spannende Inhalte für Tablets und Smartphones. Aber auch Energie-Drink-Hersteller Red Bull hat die Chancen der mobilen Endgeräte erkannt und produziert etwa bei Live-Übertragungen von Ski-Rennen alternative Perspektiven für den zweiten Bildschirm. Wir werden in den nächsten Jahren erleben, dass mobile Endgeräte zum neuen Leitmedium und die stationären Geräte zur Second Screen degradiert werden.

Unternehmen müssen sich also schnellstens von ihren traditionellen Denkstrukturen lösen und Markenerlebnisse für Kunden neu definieren und denken. Es geht vor allem um die Frage, wie eine mediengerechte Content-Strategie in einer Multiscreen-Welt aussieht. Smartphones und Tablets werden die Hauptrolle im Medienkonsum von Menschen übernehmen. Die Zeiten, wo Unternehmen mal eben ihre Webpräsenzen als Light-Version auf mobile Endgeräte runterbrechen, sind also endgültig vorbei. Der intelligente, kundenorientierte Umgang mit mobilen Endgeräten wird zum entscheidenden Differenzierungsfaktor im Wettbewerb. Und wird maßgeblich darüber entscheiden, wer seine Marken abgrenzt und damit stärkt oder zu den Verlieren gehört.

Fünf goldene Regeln für den mobilen Erfolg

Regel 1: Smartphones und Tablets sind Game Changer und begründen eine neue Medienkultur. Mobile First heißt die Devise und muss konsequent Credo des Marketings werden.

Regel 2: Fokussierung ist King: Statt alles Mögliche zu tun, sollten Unternehmen das Wichtigste richtig tun. Lieber den Youtube-Channel schließen, als die strategische Neuausrichtung für eine Multiscreen-Welt verpassen.

Regel 3: Die eigenen Medien (Owned Media) muss in einer Multiscreen-Welt den Fokus haben. Voraussetzung dafür ist eine mediengerechte Content-Strategie, die liquide Inhalte schafft.

Regel 4: Durch die zunehmende Bedeutung der mobilen Endgeräte wird sich der Online-Handel immer mehr in diese Richtung verschieben. Smarte Lösungen bringen bis zu 30% mehr Umsatz im Warenkorb. Wer eCommerce betreiben möchte, sollte auch konsequent Mobile First denken.

Regel 5: Wer schneller den Switch vollzieht, mobile Endgeräte in den Mittelpunkt seiner Markenaktivitäten zu stellen, hat gegenüber dem Wettbewerb einen entscheidenden Vorsprung, der mehr Geschäft generieren wird.

Marco Seiler ist CEO des Digital-Networks Syzygy Group
stats