Kreativfestival

Lügen, Intrigen & Eitelkeiten: Warum die Cannes Lions die schlechtesten Seiten der Branche offenbaren

Mittwoch, 22. Juni 2016
Deutschland hat bereits 42 Löwen gewonnen. Eigentlich sollte die Freude darüber überwiegen. Die Gespräche am Rande des Kreativfestivals drehen sich aber nur über die negativen Seiten dieses riesigen Award-Zirkus. Da ist die Rede von mafiösen Strukturen, mit denen der Festivalveranstalter überall in der Stadt sein Geld eintreibt. Es wird gelästert über die Technologiekonzerne, die sich an der Croisette breit machen und durch deren massive Präsenz viel vom Charme des einstigen Branchentreffens verloren geht. 

Ebenfalls im Fokus steht immer wieder die Frage, welche der Siegerarbeiten wirklich echt, relevant und groß sind und welche einfach nur Award-Basteleien sind. Aus den Jurys ist zu hören, dass die Länder massiv Lobbyarbeit betreiben, um ihre eigenen Arbeiten zu pushen.



Äußerst kritisch wird darüber hinaus die inflationäre Aufblähung der Kategorien beäugt, die dazu führt, dass nach 13 von 24 Festivalsparten schon mehr als 800 Löwen verliehen wurden. Außerdem zeigen die Vertreter der großen Networks gegenseitig mit dem Finger auf sich und werfen sich vor, der jeweils andere erkaufe sich Ruhm und Ehre, weil er völlig unverhältnismäßige Budgets verballere, um im Cannes-Ranking oben zu stehen. Last but not least hört man immer wieder: „Mir ist das hier eigentlich alles scheißegal.“  Alles freilich hinter vorgehaltener Hand und niemals als offizielles Statement. Jeder schimpft, aber trotzdem sind sie alle da. Warum nur sorgt Cannes für derart viele Emotionen? Weil es entgegen aller Unkenrufen immer noch extrem wichtig ist. Mehr noch, immer wichtiger wird. Weil die Technologiekonzerne hier vor Ort der beste Beweis sind, dass sich die Machtverhältnisse in der Kommunikationsbranche verschoben haben. Weil Kunden bei ihren Pitches eben doch darauf achten, welche Agenturen in punkto Kreativität die Nase vorn haben. Weil es für ein Land wie Deutschland wichtig ist, als Taktgeber ganz oben mitzuspielen und sich nicht von deutlich kleineren Märkten die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Cannes macht die Agenturbosse nervös, weil ihre Auftraggeber und Holdingbosse diesen Zirkus hier wichtiger nehmen als jeden anderen Werbe-Award dieser Welt. Jeder Versuch, das kleinzureden, scheitert an der Realität. 

Fragt man einen Cannes-Gegner, was er überhaupt hier zu suchen hat, so lautet die Antwort: Ich habe wichtige Kunden-, Network-, Holdingmeetings. Die Lions sind der Golfplatz der Kommunikationsbranche. Hier werden Entscheidungen getroffen, Kooperationen angebahnt, Geschäfte gemacht, Seilschaften geschmiedet. Darüber kann man sich ärgern oder man spielt das Spiel einfach mit und gibt sich eine Woche lang dem wohligen Rosé-Taumel, dem Sonnenschein, den zahlreichen Beachpartys und BBQs hin, die, wenn man ehrlich ist, dieses schreckliche, riesige, kommerzielle Festival am Ende doch ganz erträglich machen. bu


Themenseiten zu diesem Artikel:
stats