Kreativ-Festivals

Was die Offf vom ADC und den Cannes Lions unterscheidet

Montag, 30. Mai 2016
Kreativfestivals gibt es wie Sand am Meer. Wer sein Büro auch mal von innen sehen will, muss also gut aussortieren. Dennoch: Ein Besuch der Offf in Barcelona könnte sich lohnen. Heiko Schmidt, Geschäftsführer Kreation bei VSF&P war Ende vergangener Woche vor Ort und erläutert in seinem Gastbeitrag, warum die Offf etwas Besonderes ist.

"Offf is for the curios…" – das behauptet die Offf von sich selbst. Das passt: war ich doch selbst neugierig, was wohl ein Kreativ-Festival bietet, das vor 15 Jahren mal als Online-Flash-Film-Festival (!!!) gestartet ist.



Bei der Offf fehlt die "leicht messianische Attitude", die man aus Cannes kennt
© Heiko Schmidt
Bei der Offf fehlt die "leicht messianische Attitude", die man aus Cannes kennt
Die Offf – ein Festival, das im Markt der Inspirations-Shows durch einen besonders niedrigen Ticketpreis und eine besonders schöne Location glänzt. Das Mega-Early-Bird Ticket (so heißt es wirklich) für die Offf in Barcelona kostet nahezu lächerliche 99 Euro! Für die Typo in Berlin zahlt man das Vierfache (Early Bird Preis: 399 Euro), für ein ADC Festival Ticket muss man schon 650 Euro investieren und in Cannes kostet das Innovations Festival gar stolze 950 Euro. Vom großen Cannes Festival Pass gar nicht zu sprechen. 

"Have some fun." (digitalkitchen)

Der Spaß kommt auf der Offf nicht zu kurz
© Heiko Schmidt
Der Spaß kommt auf der Offf nicht zu kurz
Jetzt also die Offf in Barcelona. Erster Eindruck: weniger nerdig als die Typo, wo im Workshop schon mal synchrones Zeichenfederschwingen angeboten wird. Und: eine angenehm niedrige Hipsterquote im Vergleich zum ADC. Hier gibt es noch Männer ohne Zauselbart und sogar einige wenige untätowierte Hautpartien sind zu sehen. Getrunken wird trotz Sonne kein Rosé, sondern ehrliches Bier. Es ist… entspannt, konzentriert, im besten Sinne: nett. 
„Hier gibt es noch Männer ohne Zauselbart und sogar einige wenige untätowierte Hautpartien sind zu sehen.“
Heiko Schmidt
Die Vorträge folgen der Devise "Ich zeig Euch mal was ich so mache, vielleicht ist es ja irgendwie interessant…". Die leicht messianische Attitude aus Cannes fehlt komplett. Und das leicht verkniffen Aufklärerische der ADC Podiumsveranstaltung vermisst man auch nicht. Was man vermisst, ist eine ordentliche Organisation an den Eingängen, aber das ist eine andere Geschichte.

Offf und Typo machen sich interessanter Weise gar keinen Kopf, was Trend ist, was neu, innovativ oder kategoriebrechend ist. Auf die Bühne kommt, was gut ist, was inspiriert, was begeistert. Auch das geht natürlich mal nach hinten los, aber so what?


Da stehen dann drei radebrechende Mexikaner auf der Bühne und zeigen ihre Arbeit und brennen lichterloh. Da kommt ein holländisches Designbüro auf die Bühne und macht aus einem 45-minütigen Vortrag ein Performance-Kunstwerk. Da erzählt ein kanadischer Illustrator in Lichtgeschwindigkeit von seinem Werk. Und von der weltbekannten Onlinezeitung, die meinte, ein Honorar für seine Illustrationen wäre doch nicht nötig, schließlich seien die Millionen Abonnenten doch eine prima Eigenwerbung für ihn – und lehnt den Auftrag ab. Und da kommt natürlich auch noch Mr. Bingo. 

"Keep Working Rocking" (Bienal Communicacion)

Eindrücke von der Offf
© Heiko Schmidt
Eindrücke von der Offf
Danach leuchtet man von innen. Danach macht man den Rücken gerade. Danach will man ganz schnell wieder an seinen Rechner. Festivals geben Kreativen den Glauben an sich selbst zurück. Sie lassen uns träumen. Natürlich ist der Zustand vergänglich. Aber wenn er nur lange genug anhält, um wenigstens ein Projekt zu starten, dann kann das Karrieren ändern.

Darum geht man also auf ein Kreativ-Festival. Das ist der Grund, warum sie mir, meinen Mitarbeitern und meiner Agentur etwas bringen. Man kommt in einen Machen-Modus. Dazu eine kleine Episode am Rande: während die "Passion Projects" von Sid Lee vorgestellt wurden, debattierte Werbe-Deutschland gerade über den Sinn und Unsinn von kürzeren Arbeitszeiten. Klingelt da was? 

Ab jetzt hat die Offf einen festen Platz in meinem Kalender und das Credo der verrückten Mexikaner hat einen in meinem Herz: "Passion is a lifestyle!"

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