Kommentar zu #Zeitschenken

Schweigen ist nur Silber

Freitag, 02. Dezember 2016
Um es gleich zu Beginn klar und deutlich zu sagen: Der Agentur Jung von Matt zu unterstellen, sie hätte in dem Edeka-Werbespot "#Zeitschenken" absichtlich Nazi-Codes auf Autokennzeichen platziert, ist ausgemachter Blödsinn. Wer in der vorigen Woche die Berichterstattung zu dem Fauxpas der Kreativen verfolgt hat, konnte fast den Eindruck gewinnen, dass bei der Werbeschmiede aus dem Hamburger Karoviertel Rechtsradikale das Ruder übernommen haben. Das ist natürlich Quatsch.
Die fiktiven Kennzeichen "MU-SS 420" und "SO-LL 3849" sind unschwer als Zitat des Werbespot-Themas zu erkennen – gehetzte Eltern müssen und sollen vor Weihnachten noch dieses und jenes erledigen. Gleichwohl kann man die Agentur nicht reinwaschen. Dass ein sensibles und in Deutschland sogar verbotenes Kennzeichen mit den Buchstaben "SS" und Ziffern, die für den Geburtstag von Adolf Hitler stehen können, in dem Spot eingesetzt wurde, ist zumindest gedankenlos – um es vorsichtig auszudrücken. Auch wenn womöglich kreative Marihuana-Freunde am Werk waren, die mit "four twenty" weniger an "Führers Geburtstag", sondern an den internationalen Cannabis-Tag erinnern wollten. Über die wahre Motivation kann ohnehin nur spekuliert werden. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Jung von Matt beharrlich schweigt. Damit wird die Sache aber nicht weniger problematisch. Natürlich kann man auf dem Standpunkt stehen, dass man durch weitere Kommentare das Thema nur unnötig befeuert und in die Länge zieht. Und natürlich mag es Kunden geben, die ihrer Agentur in einer solchen Situation einen Maulkorb verpassen.

In dem Moment, wo der Ruf der Agentur in Mitleidenschaft gerät, sollten solche Überlegungen aber zurückstehen. Nicht immer ist Schweigen Gold. Eine unmissverständliche Klarstellung und gegebenenfalls eine Entschuldigung würde den stolzen Kreativen gut zu Gesicht stehen. Zuallererst in der Sache, aber auch im Hinblick auf den Wahlkampf, bei dem Jung von Matt für die CDU und Kanzlerin Angela Merkel aktiv werden soll. Deren Gegner könnten ihr sonst vorwerfen, mit einer Agentur ins Rennen zu gehen, der ein möglicher Nazi-Code durchrutscht. mam
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