Florian Meimberg

Packshots und Cliffhanger - 5 Dinge, die wir von unseren Lieblingsserien lernen können

Dienstag, 01. Oktober 2013

In der HORIZONT.NET-Kolumne "Talking Heads" schreibt Regisseur Florian Meimberg über die mögliche Wirkung von erfolgreichen TV-Serien auf die Werbebranche und die Bedeutung von mitreißendem Storytelling. Anhand von fünf Kernaspekten erläutert der ehemalige Creative und Art Director, wie Werber von "Breaking Bad", "Homeland" und Co. profitieren können.



Das Filmset funkelt in der anbrechenden Dämmerung wie eine Insel aus Licht. Die Produktions-Maschinerie läuft auf Hochtouren. Ein wuselnder Ameisenstaat aus Menschen und Technik. Beleuchter wuchten sperrige Scheinwerfer aus einem 12-Tonner. Telefonierende Producer eilen umher. Das hohle Quäken der Walkie Talkies weht über das Set und vermengt sich mit dem hastigen Gebrabbel des Aufnahmeleiters zu einer grotesken Symphonie. Der 1st Assistant Director bellt ein paar technische Kommandos und der Lärm verstummt. Um den Monitor mit der Videoausspiegelung bildet sich eine Menschentraube. Eine Handvoll Männer und Frauen mit einem Gesamt-Jahresgehalt von mehreren hunderttausend Euro starrt ehrfürchtig auf den kleinen HD-Screen. Er zeigt eine junge Frau. Die Blondine grinst dümmlich. Dann hält sie eine Margarine-Packung in die Kamera.

Der Autor

Florian Meimberg ist Regisseur. Er dreht Commercials, Virals, Dokumentationen, Webisodes und Musikvideos. Zuvor war er 14 Jahre lang als Creative Director und Art Director bei Agenturen wie Grey und BBDO und kreierte internationale Kampagnen. Zudem ist Meimberg Mitglied im Art Directors Club Deutschland. Sein Social-Media-Storytelling-Projekt "Tiny Tales" auf Twitter wurde mit dem Grimmepreis ausgezeichnet.


www.florian-meimberg.com

Ein deutscher Werbeblock ist langweilig und monoton. Seine mit horrenden Budgets produzierten Filme sind gleichförmige Schablonen, durchtränkt von Klischees. Viele von ihnen haben jenes Martyrium durchlitten, das auch den letzten Schimmer von Originalität gnadenlos auslöscht: Fokusgruppen. Übrig bleibt eine halbe Minute gähnender Langeweile. Und ein paar Wochen später sitzen dieselben Männer und Frauen, die eben noch auf den Set-Monitor starrten, wieder beisammen. Diesmal starren sie auf Mafo-Ergebnisse. Ratlos darüber sinnierend, warum ihr teurer Film nicht richtig funktioniert. Warum die Zielgruppe ihn nicht involvierend findet. Oder gar relevant. Weil die Diskussion lange dauert und unbedingt noch mehr Marktforschungs-Maßnahmen diskutiert werden müssen, mündet das Meeting irgendwann in einem Lunch Break. Und dann geschieht es. Spätestens nach dem zweiten Putenbrust-Wrap kommt das Thema zur Sprache, das die Augen aller Anwesenden schlagartig zum Leuchten bringt: Das Staffel-Finale von "Mad Men". Der Cliffhanger am Schluss der letzten "Breaking Bad"-Folge. Und diese neue HBO-Serie mit dem subversiven Anchorman.


High-Budget-Serien wie "Game of Thrones" oder "Homeland" sind zu Blockbuster-Phänomenen geworden, die dem Kino den Rang ablaufen. Sie fesseln uns an den Fernseher wie Junkies an die Spritze. Sie machen uns zu ergebenen Jüngern ihrer Geschichten. Und sie verbinden uns alle: Berater und Kreative, Planner und Marketingchefs. Wenn es um TV-Serien geht, sind wir alle gleich.

In eigener Sache: Top-Entscheider kommentieren auf HORIZONT.NET

In eigener Sache: Top-Entscheider kommentieren auf HORIZONT.NET
Auf HORIZONT.NET melden sich Top-Entscheider der Kommunikationsbranche ab sofort selbst zu Wort. Mit den Kolumnen und Meinungsbeiträgen prominenter Branchenköpfe will sich HORIZONT.NET noch stärker als Debattenplattform positionieren. Der Startschuss fällt in dieser Woche zur Digitalmesse Dmexco in Köln. Weiterlesen

Können unsere Werbespots nicht ein bisschen mehr so sein wie unsere Lieblingsserien? "Werbung und Serien?" höre ich die Nörgler rufen. "Das kann man doch gar nicht vergleichen!" Klar kann man das. Jede gut erzählte Geschichte - ob Mafia-Epos oder 30-Sekunden-Spot - kommuniziert EINE Botschaft. Bei "24" zum Beispiel ist das die Erkenntnis: "Man kann niemandem vertrauen". Bei den Sopranos die universelle Gewissheit: "Die Familie steht über allem". Und bei Hornbach - einer der wenigen Ausnahme-Marken da draußen - "Es gibt immer was zu tun".

Zugegeben: Ein Commercial kann niemals die Wucht von sieben Staffeln "Lost" entwickeln. Aber könnte es sich nicht wenigstens ein kleines bisschen annähern? Produktionsaufwand, Technik und allem voran die dramaturgischen Mittel sind schließlich in beiden Welten dieselben. Also muss es doch ein paar Dinge geben, die wir Werber uns von unseren Lieblings-Serien abschauen könnten. Hier sind fünf.

1. Fokussierte Ideen

"Ein krebskranker Chemielehrer verkauft selbstgemachte Drogen, um seine Familie abzusichern". "Ein aus irakischer Gefangenschaft heimgekehrter US-Soldat wird als Schläfer verdächtigt." "Ein erfolgreicher Werber kämpft im New York der 60er Jahre mit seinem Job und mit sich selbst." Die besten Serien der Welt lassen sich in einen einzigen Satz komprimieren. Das muss auch für eine gute Spot-Idee gelten. Lasst uns Geschichten erzählen, die auf einfachen, klaren Ideen basieren!

2. Ungesehene Settings

Eine vermeintlich einsame Insel im Südpazifik. Eine chaotische Nerd-WG. Atlantic City zur Zeit der Prohibition. Eine gut konzipierte Serie besetzt eine Welt. Ein Setting, das sie visuell unverwechselbar macht. Denn die Bühne ist genauso wichtig wie die Dramen, die auf ihr dargeboten werden. Lasst uns neue, originelle Welten für unsere Geschichten erschaffen!


3. Plastische Charaktere

Walter White hat Krebs, Dexter Morgan ein Trauma. Und Don Draper ein dunkles Geheimnis. Alle plastisch geschriebenen Serienfiguren haben einen Makel. Ein gut geschriebener fiktionaler Charakter entwickelt seine Stärke aus seinen Schwächen. Das Unperfekte ist der Treiber einer guten Geschichte. Und erzeugt das, was Figuren erst funktionieren lässt: Empathie. Lasst uns unsere Geschichten mit Charakteren bevölkern, die mehr zu bieten haben als ein blutleeres Reklame-Lächeln!

4. Überraschungen

"Lost". Staffel 1. Folge 19. John Locke untersucht im nächtlichen Dschungel die rätselhafte verwitterte Luke. Und erstarrt. Tief im Inneren des Bunkers flammt ein Licht auf. Schnitt auf Schwarz. Abspann. Spitz konstruierte Cliffhanger setzen eine erzählerische Kraft frei, die eine Serienfolge auch über die End-Credits hinaus weiterlaufen lässt. Überraschende Twists mit großen dramaturgischen Fallhöhen beflügeln die Phantasie. Kopfkino - der Sendeplatz ohne Schaltkosten. Lasst uns Geschichten erzählen, die länger halten als 30 Sekunden!

5. Das Netz

Das bitterböse Polit-Opus "House of Cards" ist die Serien-Überraschung des Jahres. Nicht zuletzt, weil sie für das Internet produziert wurde - mit einem Budget von 100 Millionen Dollar. David Finchers furiose Kampfansage an die großen TV-Networks beweist einmal mehr: Die Zukunft des Fernsehens spielt im Netz. Lasst uns noch viel mehr Geschichten im Internet erzählen!

Unsere Lieblingsserien begeistern, berühren und bewegen uns. Können das auch Werbespots? Wenn sie mit Mut konzipiert und mit Leidenschaft exekutiert werden, durchaus. Dann entstehen erzählerische Kleinode wie der Film "Inspired" für Canon, der gerade von der "Academy of Television, Arts & Sciences" mit dem Emmy ausgezeichnet wurde - dem renommiertesten internationalen Fernsehpreis. Man nennt ihn auch den "Serien-Oscar".



Florian Meimberg
stats