Dirk Popp aus Cannes

Aus dem Cannes-Tagebuch: 60 Sekunden und ein Requisit

Freitag, 26. Juni 2015
Dirk Popp gehört zu den deutschen Agenturchefs, die in diesem Jahr die Cannes Lions besuchen. Für HORIZONT Online beleuchtet der CEO von Ketchum Pleon Germany die interessanten Trends vom größten Werbefestival der Welt.

Freitag, 24. Juni: 60 Sekunden und ein Requisit

Wie beginnt man seinen letzten Tag auf dem Cannes-Festival? Am besten mit einer Tradition: dem "New Director‘s Showcase´", der auf dem Festival Kultstatus genießt. Saatchi & Saatchi präsentiert hier Kurzfilme von Nachwuchsregisseuren, dieses Jahr schon zum 25. Mal. Deshalb hatte die Agentur je einen Regisseur aus den 25 Vorjahren gebeten, einen 60-Sekünder für das Jubiläum beizusteuern. Die Spielregeln: nicht länger als eine Minute, nutze zum Schluss einen sogenannten Prop deines Originalfilms und starte mit einer Requisite vom Regisseur des Vorgängerfilms. Hintereinander geschnitten, ergab das einen dichten, visuell über weite Strecken beeindruckenden, 25-minütigen Film, der die Show eröffnete.


Ohnehin verliert man beim "New Director‘s Showcase" nicht viele Worte. Die Filme stehen im Mittelpunkt: skurril, beängstigend, humorvoll, künstlerisch. Fast immer visuell beeindruckend. Eine volle Packung Kreativität eben. Zwei Tipps: "The Gunfighter" von Eric Kissack, der sehr viele Lacher erntete. Und bewegend: "Denali" von Ben Knight.

Audi will dabei helfen, dieses Fahrzeug zum Mond zu schicken
© Dirk Popp
Audi will dabei helfen, dieses Fahrzeug zum Mond zu schicken
Parallel zu den eigentlichen Festspielen starteten außerdem die Cannes Lions Innovation. Audi nutzte das, um eine abgedrehte Kooperation anzukündigen. Die Ingolstädter unterstützen eine deutsche Ingenieurs-Truppe dabei, einen unbemannten Rover auf den Mond zu bringen. Das Ganze im Rahmen des Wettbewerbs Google Lunar XPRIZE – wir dürfen also auf den ersten Audi Quattro auf dem Mond gespannt sein. Eine nette Idee: Pitch-Sessions, bei denen Marken ihre Ideen vor Start-ups präsentieren. Normalerweise läuft es ja genau umgekehrt. Ach, und dann gab es auch noch den Auftritt eines Roboters, vermutlich eine Premiere für Cannes. Pepper ist in der Lage, menschliche Emotionen zu erkennen und darauf zu reagieren. Im Vorbeilaufen gesehen: die Kunst Installation #Emoticannes, die Emotionen aus Cannes auf 180 Bildschirmen visualisiert. Die Daten hierzu zieht sie sich aus den sozialen Netzwerken.


Kurz vor dem Rückflug nach Hause dann noch bei David Guetta vorbeigeschaut, bei dem es – mal wieder – um die Zusammenarbeit zwischen Musikern und Marken geht. Guetta will weniger das Gesicht für eine Marke sein. Marken helfen ihm das zu tun, was er machen möchte. Klar, bei ihm geht es dann um die Big Events, die sich fast nur noch mit Unterstützung großer Brands wie Coca-Cola umsetzen lassen. Ihm sei es wichtig, dass seine Musik gehört werde. Fast nebenbei lässt er fallen, dass er seit sechs Jahren kein Fernsehen mehr gesehen hat, sondern nur noch das Internet nutzt.

Und das ist dann auch ein erstes Fazit meines Cannes-Besuchs: Wirklich echte neue Einblicke oder Wow-Effekte hat man bei den Promi-Veranstaltungen nicht, vieles davon haben wir so oder in anderer Form schon gehört. Natürlich ist es großartig die Top-Stars live zu erleben, keine Frage. Aber wer wirklich Neues mitnehmen will, muss sich abseits der ausgetretenen Pfade bewegen, dort wo es um Kampagnen, Kreativität, neue Technologien und die Zukunft der Branche geht. Und natürlich muss man das Gespräch suchen, denn Cannes ist immer noch die Netzwerkveranstaltung schlechthin.

Donnerstag, 25. Juni: "Content is the most overused and underdefined term"

Den gestrigen Tag einmal bewusst abseits der A-List-Promi-Sessions starten, das war der Plan. Deshalb erst einmal zur #WakeUpCannes Session. Die Location passt jedenfalls, findet der Talk doch am Cannes Lions Beach statt – Sonne, Sand und Meerblick inklusive. Und dann sitzen doch wieder Prominente auf dem Podium. Nur diesmal sind es die Stars der Marketingszene oder anders gesagt: die CMOs globaler Brands. Heute: Mark Pritchard (Procter & Gamble), Dana Anderson (Mondelez) und Allison Dew (Dell). Wer also wissen will, wie CMOs ticken, was sie umtreibt, bekommt komprimiert gute Insides. Kostprobe von Allison Dew: "The biggest obstacle to creativity is humans." Kleine seniorige Teams, die sich auf Daten und Insights konzentrierten, seien der Schlüssel zum Erfolg.
Die Top-Marketer (v.r.) Mark Pritchard (P&G), Dana Anderson (Mondelez) und Allison Dew (Dell) am Cannes-Lions-Beach
© Dirk Popp
Die Top-Marketer (v.r.) Mark Pritchard (P&G), Dana Anderson (Mondelez) und Allison Dew (Dell) am Cannes-Lions-Beach


Wie man kreative Arbeiten erkenne? Sicher nicht am Kribbeln im eigenen Rückgrat. "Just because the work makes the spine tingle, doesn’t mean it will be great the first try. Keep building." Der digitale Raum biete hervorragende Möglichkeiten, Ideen im Kleinen zu testen, um sie danach groß auszuspielen. Bestes Beispiel: Der diesjährige Abräumer #likeagirl, startete zunächst als Youtube-Video. Marc Pritchard legte noch einen drauf "Content is the most overused and most underdefined word, advertising is what we do." Recht hat er. Wiederkommen empfohlen.

Danach wurde es trashig, endlich sind wir im Boulevard angekommen: Kim Kardashian West hielt Hof. Riesengedränge im Pressecenter. Man kann von Kardashian halten was man will, aber sie weiß offensichtlich, was sie tut. Und so preist sie das Hohelied von Authentizität und Vertrauen als Grundlage für jede Zusammenarbeit. Und: "It truly pays off to work hard and to be dedicated to what you do."
Sorgte für großen Andrang im Pressecenter: It-Girl Kim Kardashian West
© Dirk Popp
Sorgte für großen Andrang im Pressecenter: It-Girl Kim Kardashian West


Zurück zum Geschäft, die nächste Session mit Musiker und DJ Mark Ronson und Jamal Edwards, CEO von SBTV wartet. Letzterer musste im Vorjahr noch mit einem kleinen Saal Vorlieb nehmen. Heute ist das große Auditorium reserviert, und das Thema lautet "Music in the digital age." Das Rezept für den Erfolg auf Youtube bringt Edwards auf den Punkt: "Youtube allows your audience to test what they think of what you’re creating and react to that. It helps you give them what they want and give them more."

Kurz danach ein Mann auf den ich mich sehr freue: Schauspieler und Regisseur Kenneth Brannagh (u.a. Harry Potter, Viel Lärm um nichts). In seinen eigenen Worten: "For a nanosecond I was a hot young actor in the sense of popular and then it passed." Sehr angenehm, sehr unaufgeregt. Dazu passen seine Ratschläge für Kreativität. "Don’t panic, panic can be the enemy of creativity." Zugegeben, nichts wirklich Aufregendes, aber Kenneth Brannagh zuzuhören hat trotzdem Spaß gemacht.

Die aktuelle Ketchum-Studie "Removement" beschäftigt sich mit der Generation 50+
© Ketchum
Die aktuelle Ketchum-Studie "Removement" beschäftigt sich mit der Generation 50+
Dann schaue ich doch mal kurz bei den Kollegen von Ketchum vorbei, die sich mit der Generation 50+ beschäftigen und die Ergebnisse der aktuellen Studie "Removement" vorstellen. Im Kern geht es darum, dass Brands und deren Marketeers Sterotypen und Vorurteile über diese Generation über Bord werfen müssen. Natürlich nur dann, wenn sie an einem Multi-Milliarden-Dollar-Markt interessiert sind. Denn die Zielgruppe sei nicht so markentreu wie man denke, probiere gern neues aus. Allerdings nicht, wenn Werbung das Bild von Grauhaarigen zeichne, die sich gemeinsam mit ihrem Partner in einem gemütlichen Leben eingerichtet haben. Achso, wer ist noch mal 50? Brad Pitt, Sandra Bullock, Elle McPherson, Johnny Depp.

Am Abend fand dann übrigens eine der begehrtesten Partys von Cannes statt, eingeladen hatten MassiveMusic aus London und MediaMonks aus London. Spät war es.

Mittwoch, 24. Juni: "Intention in everything you do"

In diesem Cannes-Jahr scheint sich bei mir alles um Musik zu drehen. Marilyn Manson, Natalie Imbruglia und jetzt Pharrell Williams. Sein "Happy" ein Welthit. Elf Grammys gehen auf sein Konto, unter anderem für "Get Lucky" mit Daft Punk oder "Blurred Lines" mit Robin Thicke. Wenn es um Collaboration geht, weiß der Mann, wovon er spricht.

Zunächst einmal: Pharrell Williams tritt ohne Attitüde, ohne übergroßes Ego auf. Er hat das, was man "Street Credibility" nennt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist das Publikum komplett aus dem Häuschen, als er die Bühne betritt. Ein Superstar eben. Da wird so mancher wieder zum Groupie.

Pharrell Williams stattete den Cannes Lions einen Besuch ab
© Dirk Popp
Pharrell Williams stattete den Cannes Lions einen Besuch ab
Williams berichtet über seinen Weg zum Erfolg. Sein Antritt dabei: "Don’t wait for the stars to be aligned. Create your own constellation" – eine poetischere Version der Weisheit "Jeder ist seines Glückes Schmied." Williams arbeitet offensichtlich gern mit Menschen zusammen, die Energie ausstrahlen – "It’s what the room feels like when they’re in there." Extrem wichtig sei für ihn, dass er bei gemeinsamen Projekten selbst viel lernt. Ansonsten sei es keine wirkliche "Collaboration". Sein Tipp an alle Kreativen: "Make sure that intention is the number one thing in everything you do." Frage aus dem Publikum: Welcher Künstler diese "Intention" am besten verkörpere? Williams: "Adele."

Das volle Kontrastprogramm zu Pharrell Williams gibt es im Anschluss bei Tim Berners-Lee. "Sentience. The Coming AI Revolution". Der Titel ist sperrig, und der Vortrag ist es auch. Berners-Lee, der als Erfinder des World Wide Web gilt, redet irrsinnig schnell und springt von einem Thema zum nächsten. Es geht um künstliche Intelligenz (KI) die alles für uns regelt, die sich selbstständig weiterentwickelt. Darum, das KI eigene Firmen gründet, Konten eröffnet und uns überflüssig macht. Nachfrage an andere Teilnehmerin neben mir: Konntest du Berners-Lee folgen? Verlegenheit, Kopfschütteln, dann die Antwort übereinstimmend: Nein. Was hat Thema das mit Cannes und Kreativität zu tun? Nichts. Oder vielleicht doch. Tim Berners-Lee ist nämlich der Meinung, künstliche Intelligenz sei das Ende von Werbung. Fazit: Die künstliche Intelligenz wird kommen, wahrscheinlich das größte, vielleicht das letzte Ereignis der Menschheitsgeschichte. Aber dann eben ohne Werbung.

Starkoch Jamie Oliver setzt sich für bessere Essensqualität ein
© Dirk Popp
Starkoch Jamie Oliver setzt sich für bessere Essensqualität ein
Also lieber weiter zu Jamie Oliver, der – erstaunlich – noch mehr Applaus erntet als Pharrell Williams. Sein Thema: "Innovation" und, ich würde sagen, die Kunst des Scheiterns. 40 Prozent seiner Vorhaben habe er in den Sand gesetzt (im Englischen natürlich drastischer formuliert). Fehler zuzulassen – das ist überhaupt ein großes Thema hier in Cannes. Kaum ein Vortrag kommt ohne einen Hinweis darauf aus. Oliver sieht das nach vielem Scheitern so: "We’ve done all right, I’ve sold a few books and we’ve made a few quid." Schnell und intensiv dreht sich die Diskussion um eines seiner Hauptanliegen: besseres Essen für Kinder. "We have standards for dog food in this country, but not for our kids food in schools. Thats typically British." In Deutschland sieht das vielleicht bei den Standards besser aus, bei der Umsetzung wohl eher nicht, siehe letzte Sendung von Team Wallraff.

Zurück zu Jamie Oliver: Drastisch seine Einschätzung zur Qualität von Lebensmitteln an sich. Erstmals würden mehr Menschen an schlechtem Essen sterben als an Hunger. Trotz manchmal heftiger Aussagen, auf Jamie ist Verlass: super-smart mit großartiger Performance.

Am späten Nachmittag geht es noch zum Google-Beach, wo zwei Promis anderen Kalibers warten: Grace Helbig und Hannah Hart, New Yorker YouTube Stars mit millionenfacher Fan-Base. Eher eine kurzweilige Blödelrunde, aber einen Tipp zum Mitschreiben gab es dann doch: "The audience is smart, they smell bullshit from two miles away." Naja, so ähnlich hat es Evan Spiegel am Montag auch formuliert.
Die Youtuberinnen Grace Helbig und Hannah Hart waren zu Gast am Google-Beach
© Dirk Popp
Die Youtuberinnen Grace Helbig und Hannah Hart waren zu Gast am Google-Beach


Zum Abschluss noch ein Tipp für alle, die lieber am Strand liegen und trotzdem mitreden wollen: Die Sundowner-Sessions am Cannes-Lions-Beach (den es nach nur 62 Jahren mittlerweile auch gibt) liefern eine erstklassige Zusammenfassung mit den wichtigsten Stichpunkten des Tages. Gut gewählt, wenn man nicht dumm da stehen will.

Dienstag, 23. Juni: „Play is a state of mind“.

Cannes hat es wieder einmal bestätigt: Das Festival ist irgendwie wie eine Wundertüte. Man weiß vor einer Session nie wirklich, was man bekommt. Ist das, was man sieht, nun wirklich outstanding oder doch eher Durchschnitt? Obwohl, auf eine Sache kann man zählen: Einen mehr oder minder zugkräftigen Star gibt es fast immer zu sehen. Das Angebot ist riesig und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, etwas verpasst zu haben. 
Jessica Walsh bei den Cannes Lions
© Dirk Popp
Jessica Walsh bei den Cannes Lions
Beispiel Nummer 1: Die Session zur „Creative Renaissance“ mit Jessica Walsh, die es mit ihrem Experiment „40 Days of Dating“ zu globaler Berühmtheit gebracht hat. Spaß an Kreativität war ihre Story. Und den hatte sie. Aber auch das Auditorium. Ihr Antritt dabei ist simpel. „I try to approach as much of my work as possible as play, rather than seeing it as a job”. Und: „Play is a state of mind.“ Eine Performance, der Lust auf mehr gemacht hat. Unbedingt empfehlenswert. 
© Dirk Popp
Einer der eher heimlichen Stars war Evan Spiegel. Sein Auftritt war im Vorfeld mit großen Erwartungen verknüpft. Spiegel ist mit Snapchat nah dran an der wohl wertvollsten Zielgruppe - den Young Millenials. Etwas nervös am Beginn nutzte er sein Interview mit Joanna Coles von Cosmopolitan dazu, Snapchat als Marketingkanal zu bewerben. „Don’t be creepy“, lautet in etwa sein Ratschlag an Marken. „Act like a person, not like a buddy.“ Interessant: Nur 1 bis 2 Prozent der Produkte, die Snapchat entwickelt, werden am Ende auch veröffentlicht, ein Großteil der Entwürfe sei wirklich „awful“. Insgesamt kaum wirklich Neues, aber der ein oder andere interessante Inside. 
Marilyn Manson bei den Cannes Lions
© Dirk Popp
Marilyn Manson bei den Cannes Lions
Danach im Grand Auditorium, wo der nächste Superstar wartet. Aber ist er’s wirklich? Ja, Schockrocker Marilyn Manson kommt ohne eines seiner berühmt-berüchtigten Make-ups auf die Bühne, aber dafür mit einer fast normalen Pilotenbrille auf der Nase.

Offen spricht er über seine Karriere. Interessant: Zuerst hat er die Kunstperson, die Marke Marilyn Manson, entwickelt. Erst dann kam der Musiker. Und ja, seine Masken legt er sich immer noch selbst an. Sagt Manson jedenfalls. Auch, dass seine Karriere durch das Schulmassaker in Columbine beinahe beendet wurde. Und er spricht darüber, wie er sich als öffentliche Person inszeniert. Sehr kritisch auch zum Umgang mit Online-Medien – ein Avatar verschaffe einem noch längst keine Persönlichkeit. Gut investierte Zeit? Eher nicht. 
Twitter-Manager Chris Moody spricht über "The Power of Now"
© Dirk Popp
Twitter-Manager Chris Moody spricht über "The Power of Now"
Der nächste auf meiner Liste war Chris Moody von Twitter, sein Thema: „#ThePowerOfNow“. Sein Auftritt war überschattet, eine Woche zuvor verkündete CEO Dick Costolo seinen Rücktritt – und tatsächlich war der Saal nicht voll. Moody sprach viel in Metaphern: Über Blitzeinschläge und über die Sonne, deren Strahlung dauerhaft wärmt. Worum ging es? Darum, dass Events wie der Superbowl oder zwar einen massiven Peak, sozusagen ein Blitzschlag auslösen (so hatte #thedress auf seinem Höhepunkt 303k Tweets pro Stunde). Verglichen aber mit den tagtäglichen Diskussionen über ein Thema, den sogenannten Every Day Moments, seien letztere für Marketeer deutlich interessanter.

Weniger Theorie, mehr Insides und Unterhaltungswert gab es zum Abschluss bei einem Panel von Ketchum Sounds. Die Kollegen warteten mit einer Live-Vertragsverhandlung unter dem Titel "The Art of Deal" zwischen der Musikerin Natalie Imbruglia und der Tequila-Marke Avion. Innerhalb von 30 Minuten mussten die unterschiedlichen Positionen unter einen Hut gebracht werden. Dabei ging es ans Eingemachte: Exklusivitätsrechte, Kanäle und die Marke Natalie Imbruglia selbst. Besiegelt wurde der Deal am Ende mit Avion Tequila-Shots. Und als sich alle schon wunderten, warum die Sängerin nicht mehr auf der Bühne war, kam sie zurück und performte in einer Akustik Version ihre neue Single. Und ja, gab es auch ihren Welthit „Torn“. Wirklich cool.

Dienstag, 23. Juni: Don't be creepy. A chat with Snapchat.

Dass er nervös war, sah man ihm eigentlich nicht an. Obwohl er es auf Nachfrage bestätigte. Allerdings: Ein geborener Entertainer ist er wohl auch nicht. Die Rede ist von
Evan Spiegel, dem Gründer und CEO von Snapchat. Er gilt als einer der heimlichen Stars auf dem Kreativfestival. So war denn auch der Talk mit "Cosmopolitan"-Redakteurin Joanna Coles komplett ausgebucht, das Grand Audi im Festivalcenter rappelvoll.

Vielleicht kam Spiegel auch deshalb ganz bescheiden daher. Was an seinen Ambitionen nichts ändert, schließlich ist Snapchat das vermeintlich nächste große Ding, gilt vielen als möglicher Nachfolger von Facebook. Das ist durchaus drin, schon heute
kommunizieren Millionen von Teenagern und Millenials mit ihren Smartphones dank Snapchat anders. Aber darum ging es nur am Rande. Denn Spiegel will den Werbemarkt erobern, sich ein großes Stück vom Kuchen abschneiden. Erst im letzten Jahr hatte sich die Plattform für Werbung geöffnet und ein Story-Feature eingeführt, seit 2015 gibt es zudem die "Discover"-Funktion, die den Nutzern redaktionelle Inhalte zugänglich macht. Und so kam Spiegel nach Cannes, um sein Unternehmen vor genau der richtigen Zielgruppe zu promoten - den Kreativen und Entscheidern aus der Branche.

Evan Spiegel auf der Cannes-Bühne
© Dirk Popp
Evan Spiegel auf der Cannes-Bühne
Und er machte klar, wo für ihn die Reise hingeht: In einer mobilen Welt werde der Content vertikal ausgespielt. Egal ob Video, Fotos oder andere Inhalte. Niemand drehe sein Smartphone in die Horizontale. Deshalb gelte auch für Kommunikationsprofis: think vertical.

Auch wie man künftig Zielgruppen ansprechen solle, war sich Spiegel sicher: vor allem nicht "creepy". Im Deutschen gibt es zu diesem Wort keine wirklich gute Entsprechung. Ekelhaft, unheimlich, schauderhaft – all das will man nicht sein, zumindest nicht, wenn es um Snapchat und Werbung geht.

Deshalb konzentriere man sich auf den Kontext von Werbung, nicht auf die gezielte Ansprache, so Spiegel. Er brachte dafür das Beispiel der P&G-Werbung zum Vatertag, die sich wunderbar in die globale Snapchat-Story eingefügt habe. Mit dieser Art des Marketings knüpfe man an den Charakter von Gesprächen an. Werbung funktioniere am besten, wenn sie in bestehende Feeds integriert würde.

Marken sollten in sozialen Medien nicht wie Kumpel agieren, warnte Spiegel
© Dirk Popp
Marken sollten in sozialen Medien nicht wie Kumpel agieren, warnte Spiegel
Und dann hatte Evan Spiegel noch einen Tipp, der durchaus das Zeug zum Zitat des Tages hatte: "If you want to be a brand in Social Media you have to act like a person. Not like a buddy." Denn letzteres wäre wieder merkwürdig, creepy eben.

Montag, 22. Juni: Der große Cannes-Auftrieb

Genau das richtige für einen Montagmorgen in Cannes: die Session "A Creative Renaissance". Auf der Bühne im schwarze Hosenanzug: Jessica Walshvom New Yorker Designstudio Sagmeister & Walsh. Es brauchte nicht einmal zwei Minuten, da hatte Walsh den Grand Audi, den großen Saal im Festivalcenter, auf ihrer Seite. "Do the work that fills your soul, not your ego" – und Walsh war jemand, die das mit der Performance auf der Bühne ganz wörtlich nahm.

Jessica Walsh im Auditorium des Palais des Festivals
© Dirk Popp
Jessica Walsh im Auditorium des Palais des Festivals
Die Hauptgedanke ihrer Präsentation: Die besten kreativen Arbeiten entstehen genau dort, wo Menschen spielen. "Play is a state of mind, a zone of strategy and creativity." Natürlich geht es nicht um das freie Spiel eines Kindes, sondern um ein Spiel in eng gesetzten Grenzen – die Walsh sich und ihrem Team selbst auferlegt. "Our own constraints", wie sie es beschreibt. Da müssen dann beispielsweise alle Bilder in Schwarz-Weiß sein oder jedes Kampagnenbestandteil muss eine Mango übergroß abbilden. Solche Einschränkungen sorgen dafür, dass der kreative Prozess in neue Richtungen geht.

Ihre Arbeiten seien besser und würden mehr Menschen ansprechen, je mehr Spaß sie hat. "I approach my work as a thing of play, not a job. I see that people respond better to that", so Walsh. Dafür hatte sie (natürlich) Beispiele parat. Wirklich grossartig dabei das Projekt,
mit dem sie weltweit bekannt wurde: "40 Days of Dating".
Jessica Walsh ist Designerin und Partnerin bei Sagmeister & Walsh
© Sagmeister & Walsh
Jessica Walsh ist Designerin und Partnerin bei Sagmeister & Walsh


Aber wie kommt man nun dorthin? Auch dafür hatte Walsh fünf Tipps parat.

Erstens benötigt es die Zuversicht, dass ein Scheitern möglich ist. Nur dann sei man auch bereit, die notwendigen Risiken einzugehen. Zweitens braucht es Zeit, um zu experimentieren und neue Wege zu gehen. Drittens: Hartnäckigkeit, also die Kunst, auch nach Fehlern wieder aufzustehen und weiterzumachen. Walsh sprach sogar davon, dass diese "persistence" eine der Schlüsselqualifikationen für Kreative sei. "Space away" nennt Walsh ihren vierten Tipp, was ich jetzt einfach mal mit dem richtigen Abstand von E-Mails, Telefon und Co. übersetzen würde. Zu guter letzt dürfe es an Humor nicht fehlen, denn der öffne den Blick und ermögliche es dem Gehirn, Verknüpfungen herzustellen. Und den hatte sie ohne jeden Zweifel.

Der große Cannes-Auftrieb

Wenn man wie ich gestern in Cannes aufgeschlagen ist, hat man irgendwie das Gefühl, dass mindestens die Hälfte aller Agenturen und Kunden sich in dieser Woche an der Coté d'Azur tummelt: Er ist wieder da, der grosse Cannes Lions Auftrieb. Es gibt wohl kein größeres Ereignis in der Branche. Auch in diesem Jahr wurde der letztjährige Rekord der Einreichungen übertroffen. Aus mehr als 40.000 Arbeiten müssen die Juroren die Gewinner destillieren. Eine Auszeichnung gilt als Ritterschlag. Anerkennung, Karriere und Neid sind gewiss.

Aber Cannes hat weit mehr zu bieten als die Preisverleihungen. Nicht ohne Grund sprechen die Macher von einem „Festival der Kreativität“. Die Besucher erwartet ein fast unüberschaubares Programm, gespickt mit Top-Rednern.

Cannes Lions 2015: Die besten Bilder von Samstag und Sonntag


A-List Promis, Werber, Musiker, Digital-Unternehmer, Politiker – „tous le monde“ ist auf den Event-Bühnen in und rund um den Festival-Palais vertreten und formuliert mal mehr, mal weniger spitze Thesen zur Lage der Kommunikation. Und ja, gefeiert wird natürlich auch nicht zu knapp – Festivalstimmung, eben. 

In diesem Jahr bin ich ab Montag zusätzlich auch als Reporter für HORIZONT vor Ort im Einsatz, um von Zeit zu Zeit ein paar Eindrücke zu teilen. Natürlich und gewollt höchst subjektiv. Das Ganze werde ich mit einem kleinen Experiment verbinden: Mein einziges Werkzeug für die Cannes-Berichterstattung ist mein Smartphone – natürlich verstärkt durch eine ganze Ladung Akku-Packs.

Bonustrack: meine vorläufigen Cannes-Favoriten

Kein Text über Cannes kommt ohne sie aus: Die persönliche Hitliste der besten Kampagnen. Hier sind meine Top-5 für den Moment. Update? sehr wahrscheinlich.

#likeagirl: Hier sind sich ja nahezu alle Auguren einig: Die Always-Kampagne, die das Selbstbewusstsein junger Mädchen stärken soll, gilt als heißester Titelfavorit. Starke Idee, smart umgesetzt. 

Rechts gegen Rechts: Der alljährliche Aufmarsch von Neonazis in einem kleinen Dorf in Oberfranken wird zum „unfreiwilligsten Spendenlauf aller Zeiten“. Für jeden zurückgelegten Meter der Rechten gab’s zehn Euro für das Neonazi-Aussteiger-Projekt EXIT. Einfach. Großartig.

Tanzende Ampelmännchen: Wie bringt man Fußgänger dazu, bei Rot auch wirklich zu halten? Indem man die Ampelmännchen zum Tanzen bringt – dachten sich meine Kollegen der BBDO im Auftrag von smart. Ein schönes Beispiel, wie Technik zum Startpunkt einer Kampagne wird. 

Safety Truck: Noch ein Verkehrsthema, noch ein Technik-Ansatz. Diesmal geht’s um riskante Überholmanöver auf argentinischen Landstraßen. Die Idee: Lkw, die den Gegenverkehr per Kamera aufnehmen und auf ihr Heck projizieren. Autofahrer können so sofort sehen, ob von vorne Gefahr droht.

5 Fruits et Legumes Moches Par Jour: Gegen Lebensmittelverschwendung richtet sich diese Kampagne von Intermarché. Konkret geht es um Obst und Gemüse, das Makel aufweist und deshalb von vielen Kunden verschmäht wird. Dieses „hässliche Obst und Gemüse“ bietet Intermarché in seinen Märkten an – in Gänze oder zu Suppen und Säften verarbeitet und zu 30 Prozent günstiger. Die Botschaft: Ist zwar nicht makellos, aber schmeckt genauso gut.

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