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Die Entscheidung ist gefallen: die Direct-Jury nach der Wahl des Grand Prix
Felix Fenz, Felix Fenz
Direct aus Cannes

Habemus Papam - das Jury-Tagebuch von Felix Fenz

Die Entscheidung ist gefallen: die Direct-Jury nach der Wahl des Grand Prix
Kaum ein anderer deutscher Kreativer hat in den vergangenen Jahren bei den Cannes Lions so viele Löwen abgesahnt wie Felix Fenz. 2018 sitzt der Executive Creative Director von Grabarz & Partner in der Direct Jury und berichtet in seinem exklusiven Tagebuch für HORIZONT Online von seinen Erlebnissen an der Côte d'Azur, dem Juryprozess und den Eigenheiten des größten Kreativfestivals der Welt.
von Felix Fenz, Grabarz & Partner Donnerstag, 21. Juni 2018
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Mittwoch, 20. Juni

Gestern Abend haben die Killers bei Spotify gespielt – leider nicht für mich. Nach dem anstregnden Jurytag hat’s leider nur noch zum Pizza essen gereicht. Und einem kurzen Abstecher zur Gutter Bar. Auch da alles beim alten und ein vergleichender Blick auf die zwei Toilettenschlangen im Martinez zeigt mal wieder – Frauen sind in der Branche immer noch deutlich unterrepräsentiert.

So und jetzt zu "How to kill a lion vs how to hunt a lion": Letzter Tag. Die Zeit ging überraschend schnell rum, aber wenn man den alten Cannes-Hasen glauben darf, wird sich der letzte Jurytag heute mindestens nochmal genauso lange anfühlen wie der Rest der Zeit.

Nach drei Tagen jurieren gibt es beim Cannes Team erste Ausfälle. Als wir den Juryraum betreten, begrüßt uns eine junge Frau mit den Worten "Hello, I’m another person." Schön für sie. Anscheinend ist sie unsere neue Jury-Managerin. Alle sind super müde und unsere Jurypräsidentin nicht da. Wir einigen uns auf ein paar neue Regeln: Champagner für jeden, alles auf Gold und alle 10 Minuten Zigarettenpause. Leider findet unsere kleine Revolution durch die Ankunft der "Chefin" nach einer dreiviertel Stunde ein jähes Ende.
Michael "Air" Jordan gibt das Motto vor
Felix Fenz
Michael "Air" Jordan gibt das Motto vor
Wir legen los und versuchen, so schnell wie möglich durch die Shortlist zu kommen. Bis zum Mittagessen sind wir mit der ersten Runde Bronze durch und ich bekomme langsam Angst. Gefühlt hat uns gerade eine Schnecke überholt.

Wieder und wieder gehen wir durch alle Cases, immer öfter wird diskutiert. Nachdem sich einige Kollegen beschwert haben, dass es zu wenig Snacks gibt, bringt jemand Instant-Nudelsuppen – die sich bei näherer Betrachtung leider als leere Design Dummys aus einer anderen Jury entpuppen. Ups.

Zahl des Tages ist übrigens: "1.5 Billion". Wo letztes Jahr noch Millionen an Likes, Impressions, Contacts, Eyeballs oder No-Fucks-given gereicht haben, wurde dieses Jahr noch ein Schippchen drauf gelegt. Die Zahl begegnet uns immer wieder. Wächst die Weltbevölkerung wirklich so schnell? Oder sind 1.5 Billion die Schmerzgrenze, die im Casefilm gerade noch glaubwürdig ist? Oder haben wirklich mehr Menschen Zugang zu den Kampagnen? Who knows?

Punkt 20 Uhr vergeben wir das erste Gold, 22:45 Uhr das letzte – was dazwischen passiert, erspare ich euch einfach mal. Danach schauen wir nochmal alle Gold Cases an, jeder hält sein Plädoyer für jeden potenziellen Grand-Prix-Kandidaten, wir essen Sushi mit Pizza oder andersrum und irren auf der Suche nach einer (nicht abgeschlossen) Toilette durchs Palais. Fühlt sich ein bisschen wie Schulausflug an.
0:32 Uhr: Habemus Papam. Grand Prix. Endlich. WTF! Champagner! Alle fallen sich in die Arme und wir versichern uns gegenseitig, was für eine geile Jury wir waren. Waren wir auch. Cheers!

Dienstag, 19. Juni

Morgens, halb Neun in Cannes. Nach der Eröffnungsparty am Vorabend sind fast alle ziemlich zerstört und unser kleiner Morgenspaziergang zum Palais wirkt eher wie ein etwas uninspirierter Zombiewalk-Flashmob. Dort angekommen erwartet uns direkt eine Überraschung. Und zwar keine gute.

Wir vergeben heute noch gar keine Löwen, sondern müssen erst einmal die Shortlist weiter feinschleifen. Toll! Dass es außerdem auch noch keinen Kaffee gibt, macht die Stimmung nicht wirklich besser. Statt Kaffee gibt die Maschine nur irgendwelchen französischen Kauderwelsch von sich. Technisch ganz weit vorne, nur reden, keine Ergebnisse – hm?
Wo bleibt der Kaffee?
© Felix Fenz
Wo bleibt der Kaffee?
Je nach Temperament wirkt sich der Koffeinmangel durchaus unterschiedlich aus. Von "Coffee! Coffee!"-Sprechchören, über den französischen Kollegen, der vor der Überwachungskamera durch hektisches Winken auf unsere Malaise aufmerksam macht, bis zum Australier, der das Ding endlich mit einer Gabel "repariert".

Bis dahin ist der Rest der Gruppe leider schon in eine Art Kill-Frenzy verfallen und siebt gnadenlos aus. Macht auch Sinn, schließlich bekommen am Ende nur circa 3 Prozent aller Einreichungen einen Löwen. Und davon sind wir noch meilenweit entfernt. Trotzdem ist es ein seltsames Gefühl. Wir kennen ja alle die andere Seite. Wie viel Zeit, Energie, Geld und Liebe in so einem Case stecken – und in der Jury geht es dann häufig ganz schnell. Eine krasse Verantwortung, die auch ein bisschen stolz macht.

Wir diskutieren jeden Shortlist-Eintrag, springen wieder zurück an den Anfang und schauen einzelne Filme noch mal. Von den tausenden Besuchern und dem Festival, dass draußen vor der Tür stattfindet, bekommen wir eigentlich nur in den seltensten Fällen etwas mit. Etwa dann, wenn wir mal raus dürfen oder müssen. Und das führt teilweise zu seltsamen Verwirrungen. Als ich wegen einem Agenturkonflikt die Diskussion meiner Kollegen vor der Tür abwarte, bildet sich plötzlich hinter mir eine Schlange – die dachten tatsächlich, ich stehe für einen Vortrag an.

Cannes Lions: So erleben die deutschen Kreativen das Festival


Mittags gibt’s dann nicht nur endlich wieder Kaffee, sondern auch Mega News. Unser Grabarz-&-Partner-Team hat bei den Young Lions Gold geholt! Congrats Edu & Henry! You’re legends!

Nachdem die Shortlist noch mal gut geschrumpft ist, kann jetzt jeder Juror einen Case aus der Vorjury wieder rein holen. Ist nervig, lohnt sich aber. Interessant, was da noch für coole Arbeiten dazu kommen. Jetzt geht das lustige Rein-Raus-Spiel munter weiter – bis in den späten Abend werden Cases verglichen, entfernt und zurückgeholt. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber jetzt haben wir wirklich eine gute Shortlist.

Hungrig und müde verlassen wir das Palais Richtung Hotel, während drinnen die Preisverleihung in vollem Gang ist – und geben dabei kein wirklich besseres Bild ab als am morgen.

Montag, 18. Juni

Heute Morgen habe ich zwar immer noch kein Autogramm von Coelho, aber nach gestern Nacht kenne ich dafür bestimmt jeden brasilianischen Werber. Paulo schüttelt zwischen Cafe Roma und Gutter Bar gefühlt 1000 Leuten die Hand und stellt mich jedem vor. Mein sowieso schon schlechtes Namensgedächtnis ist leicht überfordert.

Am Morgen geht’s dann den gleichen Weg zurück Richtung Palais. Diesmal mit der gesamten Jury, aber deutlich weniger Elan. Trotz aller Beteuerungen, dass mir die Niederlage von Jogis Jungs recht wurscht ist, bestanden die Brasilianer darauf, dass ein so schlechtes Abschneiden nur mit reichlich gemeinsamen Bieren zu ertragen ist. Vielleicht ein später Versuch, das gute alte 7:1 zu verarbeiten? Aber was weiß ich schon von Fußball oder Psychologie ...
Gegen den Kater gibt es in der Direct Jury Känguru Jerky
© Felix Fenz
Gegen den Kater gibt es in der Direct Jury Känguru Jerky
Im Palais geht’s dann gleich zügig zur Sache. Madame Presidente hat einen Abendtermin, die Shortlist muss also pünktlich fertig werden. Gott sei dank gibt es Känguru Jerky gegen den Kater. Passenderweise riecht es nach Katzenfutter und schmeckt auch so ähnlich. Einfach toll, Australier in der Jury zu haben.

Überhaupt, die Jury. Bei allen Lästereien über Cannes wird häufig vergessen, was für tolle Leute man hier trifft. Und wie so oft gilt auch hier, dass die Besten, Kreativsten und Erfolgreichsten gleichzeitig meistens am bescheidensten sind. Doch alle Professionalität schützt nicht vor Fehlern. Etliche Casefilme zu spät fällt auf, dass sich eine Kollegin versehntlich unter dem Namen eines Co-Jurors eingeloggt hat und schon die ganze Zeit munter für ihn abstimmt. Also nochmal von vorne.
Die Direct-Jury mit Felix Fenz (rote Mütze)
© Felix Fenz
Die Direct-Jury mit Felix Fenz (rote Mütze)
Zum Mittagessen gibt es heute kein Blattgold, dafür aber nach dem Gruppenfoto eine kurze Diskussion, ob das Bild nach DSGVO jetzt auch veröffentlich werden darf. Links vorne im Bild übrigens der Daumen des Fotografen. Einmal mit Profis ...

Und zum Thema DSGVO – vielleicht wird ja auch 2019 das Jahr, in dem in Cannes alles anders wird. Zumindest dürfte es dann aus Europa keine Casefilme mit irgendwelchen natürlichen Publikumreaktionen mehr geben. Müssen jetzt ja alle vor dem Prank eine Einverständniserklärung unterzeichnen um dann völlig überrascht zu tun. We’ll see.
„Bei allen Lästereien über Cannes wird häufig vergessen, was für tolle Leute man hier trifft. Und wie so oft gilt auch hier, dass die Besten, Kreativsten und Erfolgreichsten gleichzeitig meistens am bescheidensten sind.“
Felix Fenz
Dank reichlich sozialem Druck – bei jedem "Still one vote missing" schauen alle sofort verwurfsvoll zum  Nachbarn – kommen wir gut durch. Die Shortlist steht und morgen wird’s ernst. Trotz aller Zweifel, die wir zwischendurch hatten, sind wir sehr zufrieden mit der Shortlist. Da sind einige Arbeiten dabei, bei denen man neidisch werden könnte. Und jetzt einen Rosé bitte.

Sonntag, 17. Juni

2018 – das Jahr in dem in Cannes alles anders wird. Hoffe ich zumindest, denn sonst wird’s schwierig in meinem Jury-Tagebuch irgendwas zu schreiben, was meine geschätzten Kollegen in den Jahren davor nicht mindestens genauso ähnlich erlebt (oder erfunden) haben.
„Irgendetwas muss doch passieren, irgendein Skandal, der meinem Tagebucheintrag mindestens die Sprengkraft eines Bild-Artikels über die Leiden des Dschungelkönigs oder Kempers rechte Gerade verleiht. Fehlanzeige.“
Felix Fenz
Felix Fenz
© Ogilvy
Felix Fenz
Aber was solls. Erstens habt ihr mich gefragt und zweitens sind auch die eingereichten Ideen dieses Jahr nicht unbedingt frischer als in der Vergangeheit. Soweit mein Learning nach etlichen Stunden Pre-Judging zuhause am Computer. In meinem Teil der Cases waren zwar einige Gold Kandidaten, aber viel mehr bei dem man sich fragt, ob man die Einreichgebühren nicht lieber in eine vernünftige Agenturparty versenkt hätte.

Sonntagmorgen verschlafe ich erst mal und folge dann meinen Jurykollegen müde zum Palais. Und dort gibt’s gleich die erste Enttäuschung. Jurykollege Paulo Coelho ist gar nicht der berühmte Autor und will auch partout nicht mein Buch signieren. Naja, ich versuche es einfach später nochmal, wenn er nach dem Brasilien-Spiel gegen die Schweiz etwas getrunken hat.  Die gute Nachricht dagegen: Wir haben die Longlist im Pre-Judging auf schlanke 12 Prozent eingedampft. Das macht Hoffnung, dass wir gut durchkommen, hilft aber nix. Schon nach den ersten zwei Cases brechen Diskussionen über die Definition von Direct los. Und vor allem, wie wir mit den Fällen umgehen, die nur mit wirklich viel Wohlwollen in die Kategorie passen.

Ansonsten kommen wir gut voran und ich mache mir langsam Sorgen, ob das hier wirklich jemand lesen will. Irgendetwas muss doch passieren, irgendein Skandal, der meinem Tagebucheintrag mindestens die Sprengkraft eines Bild-Artikels über die Leiden des Dschungelkönigs oder Kempers rechte Gerade verleiht. Fehlanzeige. Wenigstens weiß ich nach dem Mittagessen, wo die Einreichgebühren hingehen. Nämlich direkt in die Schüssel. Der Nachtisch ist tatsächlich mit Blattgold belegt. Da habe ich letzte Woche noch in meinem berufsjugendlichen Leichtsinn erzählt, dass in Cannes eigenlich rein gar nichts mehr mondän ist und jetzt hat so ein Petit Four wahrscheinlich einen höheren Materialwert als ein Grand Prix.

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Nach dem Mittagessen auf der Terrasse (Yay, Sonne!) geht’s direkt weiter, wobei die anfängliche Fresskoma-Gemütlichkeit bei einigen Jurymitgliedern schnell in eine leichte Gereiztheit über die üblichen Casefilm-Phrasen umschlägt.

Kein Wunder beim x-ten Case, der natürlich Trending Topic on Twitter war. Wie eigentlich fast jeder, den wir heute morgen gesehen haben. Rechnet man das mal auf alle Kategorien hoch, gibt es dort scheinbar kein anderes Thema – außer natürlich Donald Trump. Den ich übrigens schmerzlich "vermisse". Meine Böses-Trump-Zitat-im-Casefilm-Strichliste bleibt bis auf einen einsamen Treffer überraschend leer. Da hätte ich mehr erwartet – oder mit anderen Worten: Liebe Kollegen, ich bin stolz auf euch. Andererseits: morgen ist ja auch noch ein Tag und die Shortlist erst halb fertig.


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