Cannes Lions

Sterbende Flüchtlinge werden für Fake-App missbraucht

Donnerstag, 23. Juni 2016
Die Negativschlagzeilen um Tricksereien und Prototypen bei den Cannes Lions reißen leider nicht ab. Aber wenn man nachfolgende Story hört, erscheint der Versuch von Jung von Matt, eine österreichische Arbeit als eine deutsche auszugeben, geradezu harmlos.
Laut internationalen Medienberichten sorgt derzeit eine Arbeit von Grey in Singapur für Zündstoff. Es handelt sich dabei um die App "I Sea", ein Programm, mit dessen Hilfe es angeblich möglich ist, ertrinkende Flüchtlinge vor dem sicheren Tod zu retten. "I Sea", so das Versprechen des Case Videos, nutzt die Power von Crowd Sourcing, um verdächtige Schlepperbote zu identifizieren und bei Offshore-Hilfsstationen für Flüchtlinge zu melden. Der angebliche Kunde: Migrant Offshore Aid Station (MOAS).


Abgesehen davon, dass diese App bislang nie richtig funktioniert und sie es deshalb nicht über die Konzeptphase hinaus geschafft hat, wurde sie schon vor dem Lions Festival von Apple aus dem App Store gelöscht. Keiner der Juroren in Cannes scheint das überprüft zu haben, denn am Dienstag gewann die Arbeit einen bronzenen Löwen in der Sparte Promo & Activation

Wieder einmal hat die Cannes-Jury ein offensichtliches Fake prämiert. Das ist sogar noch übler, als einen Prototypen auszuzeichnen oder ein für ein falsches Land eingereichtes Projekt. Denn viel beachtete Prototypen können immerhin dafür sorgen, dass der Kunde über eine höhere Auflage oder weitere Media-Spendings nachdenkt. Und Network-Tricksereien zugunsten bestimmter Länder sind schlichtweg Politik. Und die wird in Cannes permanent in den Jurys betrieben. 


Alles zweifellos nicht ehrenwert. Aber nichts ist schlimmer als das Leid anderer Menschen auszunutzen, um damit Kreativpreise zu gewinnen. Es ist eine absolute Perversion, die nur entstehen konnte, weil die Cannes Lions inzwischen riesig sind, dass keiner mehr den Überblick behalten kann. Mehr als 43.000 Arbeiten aus aller Welt wurden dieses Jahr eingereicht. Wer soll die alle kennen?

Aber der jüngste - wie auch alle anderen Fälle - zeigen: Betrügereien entlarven sich meist von selbst, denn die "Crowd" identifiziert solche Schummeleien in Windeseile. Die Digitalisierung schützt zwar nicht vor Tricksereien, sie hilft aber, dass die schlimmsten Fälle schnell aufgedeckt werden.

Bleibt die Frage: Sind die Agenturen wirklich so dumm, dass ihnen das nicht vorher bewusst ist? Lasst die Lügen doch einfach sein! Ein Löwe weniger schadet der Reputation sicherlich nicht so sehr wie ein offensichtlicher Betrug, auf den die gesamte globale Kreativszene mit dem Finger zeigt. Und es ist eben dieser Betrug, an den sich alle im Nachhinein erinnern werden - und nicht die ehrenhaft gewonnenen Löwen für echte Arbeiten. bu
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